Ungebremst

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

Ich werde dir beim Sterben zusehen, deinen letzten Atemzug auskosten, ihn zelebrieren wie früher das Weihnachtsfest an Omas großem Küchentisch. Wie ich dich hasse, dich bis zum kleinsten Rest deines Seins verabscheue, das kannst du dir unmöglich vorstellen. Irgendwie ist es ja lustig, grotesk sozusagen, zumindest breche ich beim Gedanken daran, was uns verbindet, hin und wieder in hysterisches Gelächter aus. Für mich hat alles hier auf dieser Lichtung begonnen …

„Fred“, ruft sie aufgebracht. „Fred, komm her!“ Vor wenigen Minuten war ihr Rüde in einem Gebüsch verschwunden und anstelle davon, wie üblich brav zu ihr zu trotten, war er heulend aus dem Dickicht hinaus und direkt ins nächste geschossen. Er hatte etwas im Mund gehabt, auszumachen was, war ihr nicht gelungen. „Fred!“ Henrietta rennt suchend durch den Wald. Ihr Blick wandert von einem Baum zum nächsten, hektisch und langsam verzweifelt. „Frederik!“ Beinahe übertönt ihr Gebrüll das Winseln, dermaßen leise ist es. Abrupt hält sie inne, horcht angestrengt, bis es erneut ertönt. Da! Es kommt vom Rand der Lichtung. Henrietta treibt ihren plumpen Körper zu Höchstleistungen, stolpert über eine Wurzel, fängt sich und erreicht die vermutete Stelle dreißig Sekunden später. „Freddy!“

Du kennst den Ausdruck, dass es Dinge gibt, die man selbst seinem schlimmsten Feind nicht gönnen würde, ja? Wer dich kennt, muss an solchen Sprüchen zweifeln, denn dir ist jedes Problem, die Pest selbst von Herzen zu schenken. Die Verdammnis wünsche ich dir, das Fegefeuer, eine Folterkammer, tausend Legosteine auf deinem Weg. Du hast ihn getötet, ihn feige in deine Falle gelockt und mit ihm auch ein Stückt von mir ausgelöscht. Vernichten werde ich dich dafür, zerfleischen!

„Scheiße!“, stößt sie keuchend aus, als sie neben dem wimmernden Hund auf die Knie fällt. „Oh Gott, nein!“ Fred ist unter einer Pappel zusammengebrochen, windet und krümmt sich vor Schmerzen. Seine Lefzen sind blutverschmiert. Henrietta reißt sich die Jacke vom Leib, umschlingt ihren Gefährten mit dem rechten Arm und greift mit der anderen Hand an seine Schnauze. Fred lässt es geschehen, versteht, sie will ihm helfen, so wie sie das immer getan hat. Erst erkennt sie nichts, dann erspäht sie nahe beim Rachen eine Schnittwunde. Eine zweite liegt direkt daneben und so stark wie er blutet, vermutet sie weitere in der Speiseröhre. „Shit!“ Rot verfärbter Speichel fließt über ihre Finger ins Gras, verklebt die Halme zu einem grausigen Fleckenkunstwerk. In einem Moment der Fassung fischt Henrietta ihr Handy aus dem Hosensack und tippt, öffnet den Anruf-Log und wartet ab.

Ein widerwärtiges Vieh bist du, eine unwürdige Kreatur, für die sogar die Hölle ein zu mildes Schicksal wäre, aber was bleibt mir anderes übrig? Nie und nimmer kann ich dich gerecht leiden lassen und ich habe mich damit abgefunden, dass du glimpflich davonkommen wirst. Eine Lücke wird bleiben, eine Leere, die lediglich durch deine ewigen Qualen gefüllt werden könnte. Hauptsache, du gehst ein, verreckst kläglich, gurgelnd und nach Luft japsend.

Drei Monate ist es her, seit Fred auf dem Operationstisch verendete. Drei Monate, nachdem man vergeblich versuchte, alle Rasierklingensplitter zu entfernen, bevor er seinen Verletzungen erlag, aufhörte zu sein. Henrietta verfiel von Fassungslosigkeit in bodenlose Trauer, verdeckt unter den Tränen brodelte die Wut, der Hunger  und diese trieb sie schlussendlich in den Wald. Zuerst waren es nur einige Spaziergänge, mittlerweile hockt sie täglich von Feierabend bis zur Schlafenszeit, manchmal länger, versteckt hinter einer Lerche bei der Lichtung und bespitzelt jeden, der vorbeikommt. Zwei Rentner schlendern gemütlich zum Bach, fünf Jogger genießen die abendliche Brise, jemand wählt den Wald als Abkürzung auf dem Heimweg und eine junge Frau telefoniert lautstark mit ihrer Mutter. Vom Hundeköderleger keine Spur.

Einen Notenständer sollte man dir in den Arsch rammen, ohne ihn vorher zusammenzufalten, jeden Fingernagel einzeln rausziehen und deine Gehörgänge mit Zecken stopfen. Dir mit einem rostigen Fleischermesser die Genitalien verstümmeln, dich zwingen, sie gespickt mit Schrauben zu fressen. Ich will der Kamikaze sein, der seine Freiheit für deinen Tod opfert, dich wenn nötig in aller Öffentlichkeit hinrichtet. Weißt du, ich bin ein freundlicher Mensch, habe bislang jedem seine Fehler verziehen, weder Missgeschicke noch Dummheiten, ja, nicht mal alltägliche Bösartigkeit nachgetragen. Du bist eine andere Geschichte, ich habe keineswegs vor, meinen Zorn zu bremsen, mein Hunger nach Rache muss gestillt werden!

Es dauerte ein Dreivierteljahr, in dem Henrietta mit der Geduld eines Hundes ausgeharrt hatte, da taucht der hinterlistige Mörder schließlich auf. Zuerst denkt sie sich nichts, beobachtet die Fremde gelassen dabei, wie diese mit kleinen Schritten hin zur Lichtung tippelt und dort stehenbleibt. Jetzt wühlt sie in ihrem Jutebeutel, wahrscheinlich um einen Snack oder vielleicht einen Fotoapparat hervorzukramen. Stattdessen befördert sie etwas daumengroßes hervor, schaut hin und her und wirft es in hohem Bogen ins Gebüsch, ehe sie unberührt weitergeht. Rasch springt Henrietta auf und wühlt sich durchs Unterholz, wo sie ihn findet, den Köder, das Würstchen bestückt mit Rasierklingen. „Nein“, murmelt sie, schließt die Augen und zwingt sich zur Ruhe, dann sprintet sie auf direkter Linie zum Wanderweg. Dieses Scheusal wird bestimmt um die Lichtung herum spazieren, unter Umständen weitere Köder legen und über den schmalen Pfad zurück zum Dorf marschieren, eine andere Route gibt es nicht.

Du tauchst am Ausgang der Lichtung auf, den leeren Jutesack hast du in die Gesäßtasche gesteckt. Du hast keine Ahnung, was auf dich zukommt, wer ich bin und was ich mit dir vorhabe.
„Oh, Verzeihung bitte“, halte ich dich schüchtern auf. „Ich befürchte, ich habe meinen Hund verloren. Haben Sie womöglich einen schokoladenbraunen Labrador gesehen?“
„Nein“, grunzt du verächtlich und meinst wohl, ich übersähe das fiese Grinsen, das du bloß halbherzig vertuschst. „Was lassen Sie den Köter auch von der Leine?“
„Ja“, sage ich ruhig. „Ja, hier ist es gefährlich für Hunde.“ Du schnaubst, kümmerst dich nicht, dein Amüsement über meinen Verlust zu verheimlichen und ich lache, lache bellend wie ein Hund.
„Was machen Sie da?“, fragst du verdattert, als ich meine Jacke öffne und du dein Ende entdeckst. „Sind Sie verrückt?!“ Ich steche zu, verkeile mein kurzes Schnitzmesser bis zum Griff in deiner Augenhöhle und während du zu Boden sinkst, ich dir mehrfach mit den spitzen Fußeisen meiner Wanderschuhe ins Rückgrat trete, dein Handgelenk packe und dir die Schulter auskugle, überströmt mich Genugtuung. Dein Schreien ist die schönste Melodie. Sie erklingt keine Minute, wird gekrönt vom erstickenden Geräusch, das du machst, als ich die Rasierklingen zwischen deine eingeschlagenen Zähne schiebe, sie dir tief in die Kehle stoße. Ich sehe dir beim Sterben zu, koste deinen letzten Atemzug aus und zelebriere meinen ungebremsten Hass.

Autorin Rahel
Setting: Lichtung
Clues: Notenständer, Kamikaze, Hunger, Fleischermesser, Verdammnis

Diese Kurzgeschichte behandelt das Thema Giftköder. Weitere Informationen dazu findet ihr beim Giftköder-Radar.

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