Viral

RahelAutorin: Sarah
Setting: Youtube-Video
Clues: Stimmung, Schwangerschaft, Ausbeute, Ministerium, Musik
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Irina, eine weisse Frau von nicht ganz dreissig Jahren, tritt vor die Kamera und nestelt kurz in ihrem rot gefärbten Haar, bevor sie sich hinsetzt. Die dunkle Wand hinter ihr ist mit diversen Filmpostern von Krimiserien und klassischen Kriminalfilmen dekoriert, die zusammen mit Tatortfotos eine düstere Stimmung verbreiten. Sonst ist kaum etwas von dem Raum zu erkennen. Das Youtube-Video wirkt qualitativ hochstehend und gut produziert und dass Irina eine erfolgreiche Youtuberin ist, wird auch von der unter dem Video angezeigten Anzahl der Subscriber verraten, einer hohen sechsstelligen Zahl. Irina schaut geradeaus in die Kamera und lächelt, bevor sie routiniert zu sprechen anfängt.

Irina: Liebe Internetgemeinde, liebe Freunde des Verbrechens, willkommen zur heutigen Episode von „Mord ist Sport.“ Heute ist es Freitag und ihr wisst sicher längst alle, was das bedeutet. (Senkt die Stimme für den nächsten Satz und versucht, einen dramatischen Unterton einzubringen.) Wir untersuchen zusammen ein wahres, ungeklärtes Verbrechen – live.

Heute sehen wir uns die spektakuläre Mordserie an, die bis zum heutigen Tag die Stadt in Atem hält. Ich bin mir sicher, dass ihr längst alle wisst, von wem wir sprechen, wer hat noch nicht vom Parkhauskiller gehört? Von daher kommen wir gleich zum Fall.

Für einen Augenblick wird das Logo des Channels eingeblendet, begleitet von Musik, dann fährt Irina fort, nun erscheinen auf der linken Seite neben ihrem Gesicht Pressebilder, die zu ihrem aktuellen Thema passen.

Irina: Um eure Erinnerung aufzufrischen, beginnen wir mit einer kurzen Zusammenfassung. Der Parkhauskiller hat im Laufe der letzten anderthalb Jahre sechs junge Frauen mit einem Messer niedergestochen, als sie gerade dabei waren, in ihren Wagen einzusteigen. Besonders tragisch dabei ist, dass das dritte Opfer in der siebten Schwangerschaftswoche war. Es gibt keinerlei Zusammenhang zwischen den Opfern, ausser, dass sie alle weiblich und zwischen zwanzig und dreissig Jahren alt gewesen sind. Die Morde ereigneten sich jeweils gegen Mitternacht und laut der Polizei stimmte die Tatwaffe bei allen Verbrechen überein. Als Täter wird ein weisser Mann von fünfundzwanzig bis fünfunddreissig Jahren vermutet, vermutlich deutschstämmig und mit mittlerem bis höherem Bildungshintergrund. Es wird vermutet, dass er ein zurückhaltender und freundlicher Mensch ist, dem niemand solche Taten zutrauen würde. Der Täter ist ziemlich dreist, so geschah ein Verbrechen in einer Parkgarage nahe dem Ministerium des Innern, als dort wegen einer Demonstration ein grosses Polizeiaufgebot anwesend war.
Und nun, da wir wieder alle auf dem neusten Stand sind, wollen wir direkt zu unserem Gast kommen. Ich habe es geschafft, heute eine Kommissarin des SEK Tiefgarage zu uns einzuladen, die seit dem Beginn der Ermittlungen mit dem Fall beschäftigt ist und uns einiges erzählen wird. Begrüssen wir zu diesem aussergewöhnlichen Anlass gemeinsam Kommissarin Hannah Obermeier auf unserem Kanal. (Irina macht eine Geste, die aus dem Bild deutet und eine dunkelhaarige Frau um die Vierzig, in zivil gekleidet, tritt ins Bild und nimmt auf dem linken Stuhl Platz. Es werden keine weiteren Tatortfotos eingeblendet.)

Irina: Vielen Dank, dass Sie heute hier sind.

Hannah: Keine Ursache und danke für die Einladung.

Irina: Nun, wie ich bereits gesagt habe, ist dieser Fall noch ungeklärt. Was können Sie uns denn dazu erzählen, das noch nicht in den Medien diskutiert worden ist?

Hannah: Leider nicht besonders viel, wir müssen aktuelle Ermittlungsergebnisse geheim halten. Doch was ich Ihren Zuschauern versichern kann, ist, dass wir alles Erdenkliche tun, um den Täter möglichst bald dingfest zu machen.

Irina: Eine kleine Zwischenfrage aus Neugierde: Wieso sprechen sie immer von dem Täter und nicht den Tätern oder der Täterin? Wieso sind Sie so sicher, dass es ein Mann ist, der alleine handelt?

Hannah: In erster Linie beziehen wir uns dabei auf das Täterprofil, doch wir haben keinerlei Beweise, die Alter, Herkunft oder Geschlecht der Täterschaft eindeutig nahelegen, nur einige Aussagen von Zeugen, die zweimal kurz nach der Tat einen ihnen unbekannten Mann in der Gegend das Tatortes gesehen haben.

Irina: Danke. Es gibt jedoch noch weitere Fragen, die wir uns sicher alle stellen. Wie lange dauert es noch bis zu einer Verhaftung? Und wird der Parkhausmörder bald wieder zuschlagen? Bisher waren ja die Abstände zwischen den Taten immer ziemlich genau drei Monate, also wäre es in einigen Tagen wieder so weit. Muss also die Öffentlichkeit einen neuen Mord befürchten?

Hannah: Leider darf ich Ihnen keine Informationen zu den aktuellen Ermittlungen geben, die nicht von der SEK freigegeben wurden. Doch wir raten allen, auf welche das Opferprofil zutrifft zur Vorsicht, insbesondere in Parkhäusern.

Irina: Das klingt nicht besonders zuversichtlich. Ich denke, dass die Polizei sicher über jede Information, die zur Ergreifung der Täterschaft führen könnte, dankbar ist?

Hannah: Natürlich, Hinweise aus der Bevölkerung können sehr hilfreich sein.

Irina lächelt und schweigt kurz, für was sie von Hannah einen skeptischen Seitenblick erntet. Dann wendet sie sich direkt an die Kamera, als sie fortfährt.

Irina: Ich weiss etwas, das für die Aufklärung des Falles hilfreich sein könnte.

Hannah: (erstaunt.) Was denn?

Irina: Ich weiss, wer der Parkhausmörder ist.

Hanna: (nach überraschtem Schweigen.) Bitte, was?

Irina: Ich weiss, wer in den letzten anderthalb Jahren sechs Frauen ermordet hat und jetzt gerade die siebte Tat plant. Und auch, wenn Sie das überraschen mag: Die Täterin ist eine Frau.

Hannah: (verwirrt.) Wieso haben Sie das denn nicht der Polizei gemeldet? Und woher wissen Sie das überhaupt?

Irina: Ganz einfach, Sie haben Zeugen, ich habe Subscriber. Wenn so viele Leute dieses Youtube-Video schauen, ist es kein Wunder, wenn ich hier und da einen Hinweis erhalte. Und ich habe viele Mails bekommen, als ich letzte Woche mein Thema für dieses Video angekündigt habe, meine Ausbeute war also mehr als gut.

Hannah: (skeptisch.) Dann behaupten Sie also, dass Sie nur mit Hilfe der Internetgemeinde diesen Fall gelöst haben? Und noch einmal, wieso haben Sie das nicht der Polizei gemeldet?

Irina: Ganz einfach, weil die Parkhausmörderin bei der Polizei arbeitet. (Irina macht eine dramatische Pause.) Genauer gesagt sitzt sie gerade in diesem Moment neben mir.

Hannah: (starrt Irina ungläubig an und klingt entrüstet.) Wie können Sie es wagen? Die Pressestelle hat mir versichert, dass Sie seriös seien, damit habe ich nicht gerechnet!

Irina: (lächelnd.) Mir wurde unter anderem gesagt, wo Sie die Mordwaffe in Ihrem Haus versteckt haben. Pause. Ehrlich gesagt, ich bin ein wenig enttäuscht, von einer Polizistin hätte ich mehr erwartet.

Hannah: Na, dann sagen Sie mir doch bitte, wo das Messer sein soll! Meine Kollegen können gerne in meinem Haus nachsehen, ich habe nichts zu verbergen!

Irina: Laut meiner anonymen Quelle ist es in der Küche, unter der Spüle.

Hannah: (plötzlich grinsend.) Danke, das ist alles, was ich wissen wollte.

Irina: (weitet die Augen.) Wie meinen Sie das? Sie wollen mich doch nicht vor unzähligen Zuschauern ermorden, wenn Ihre Schuld gerade bewiesen wurde?

Hannah: Nein, sicher nicht. Aber wir haben ein Video von der Person, die das Messer dort deponiert hat, weil vor meinem Haus eine Kamera installiert ist. Wir können beweisen, dass Sie es waren – es ist aus, Irina.

Irina: (erschüttert.) Das kann nicht sein…

Hannah: Doch, wir haben schon bewiesen, dass das Messer die Tatwaffe ist und wir haben ihr Gesicht auf dem Überwachungsvideo. Alles, was wir noch brauchten, war ein weiteres Indiz, das Sie mit der Waffe verbindet, und das haben Sie uns gerade geliefert, denn nur Sie wussten, wo die Waffe versteckt war und waren überzeugt, dass der angebliche Tipp nicht falsch war. Natürlich hätten wir diese kleine Scharade nicht gemacht, wenn wir gewusst hätten, dass Sie live senden, doch wir dachten uns, dass sie die Videos vorher aufnehmen. Ehrlich gesagt habe ich auch nicht angenommen, dass Sie mich direkt beschuldigen, sondern nur einen angeblichen Tipp nennen würden. (Denkt kurz nach und mustert Irina.) Doch eine Frage habe ich noch: Wieso?“

Irina: (spricht sehr ruhig, beinahe abwesend.) Das Video hätte viral werden sollen, etwas, worüber das ganze Land spricht, ein Meilenstein in der Kriminalgeschichte… Ich wäre wirklich berühmt geworden.

Hannah: (erhebt sich, während zwei uniformierte Beamte ins Bild treten.) Das Video wird ziemlich sicher viral werden, nur nicht so, wie Sie es sich gedacht haben. (Murmelt, mehr zu sich selbst denn zu Irina, während diese verhaftet wird.) Wer bringt denn schon sechs Menschen wegen einem Youtube-Video um?

(Hannah greift in Richtung der Kamera und das Bild wird schwarz.)

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2 Gedanken zu „Viral

    • Hallo Ann-Bettina,

      Vielen Dank, es freut mich zu hören, dass sie dir gefallen hat! Wir freuen uns auch schon auf deinen Beitrag :)

      Liebe Grüsse, Sarah

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