Waco 2.0 – Ein weiterer Tag im Paradies

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

T minus neunzig Minuten:
Waco. Wieso ließ mich dieses eine Wort nicht endlich in Ruhe, sondern wand sich durch meine Gedankengänge, nagte an meiner Selbstsicherheit und versuchte, mir den letzten Funken Ruhe zu rauben? Wieso versuchte es meine Gedanken in ein genauso chaotisches Muster zu verwandeln, wie es die an ein Satellitenfoto von einem Hurrikan erinnernde fraktale Drachenkurve auf den ersten Blick zu sein schien, welche als großes Bild an der gegenüberliegenden Wand des Sitzungszimmers hing? Ich warf einen genaueren Blick aus meinen übermüdeten Augen auf das große Bild und konnte die innere Logik der Kurve zu erkennen beginnen – alles hing zusammen, alles war…
„SAC Janet Thompson?“, riss mich die Stimme des jungen Technikers aus meinen Gedanken, der den großen Raum vor einigen Stunden mit Equipment vollgestellt hatte.
„Ja?“, fragte ich, während ich nur widerstrebend den Blick von dem Bild abwandte und gleichzeitig nach meinem Kaffeebecher griff, der vor mir auf dem Tisch stand.
„Wir sind soweit, wir haben visuellen Kontakt auf der Leinwand und der Satellit ist auch in Position.“ Mir fiel sein verwirrter Gesichtsausdruck sofort auf, offenbar sah ich schon ziemlich übel aus nach anderthalb durchwachten Nächten. „Gute Arbeit, danke“, erwiderte ich, wobei ich versuchte möglichst munter zu klingen. Die grellen Sonnenstrahlen des Nachmittagslichts in dieser viel zu heißen Stadt fielen durch die Fenster und ließen nicht bloß erkennen, dass diese mal wieder eine Reinigung verdient hätten, sondern verstärkten auch meine pochenden Kopfschmerzen.

T minus dreiundfünfzig Minuten:
Waco. Noch immer ließ mich das Wort nicht los und der Gedanke an das Desaster, für das es stand, hatte mich vor einigen Tagen wie ein bösartiger Krebs befallen und würde diese Operation bis zum Ende begleiten. Langsam hatte sich das ganze Team in dem Sitzungszimmer versammelt und  sich an dem schlichten Tisch auf den grässlichen Bürostühlen niedergelassen, die man erhielt, wenn man für die Regierung arbeitete. Ja, wir haben die H-Bombe, aber keine ergonomischen Büromöbel – willkommen im Paradies. In dem auf die Schnelle zusammengeschusterten Missions-Hauptquartier sahen auch meine Teammitglieder ziemlich gereizt aus. Doch ASAC Smith, oder John, wie wir ihn gerne nannten um ihn zu ärgern, war wie immer die Ruhe in Person und nur ein leichtes Zucken seines Schnurrbartes verriet, dass die Spannung stieg. Ich stellte mir eben vor wie, ganz im Stile der alten Western-Filme, nur eine Nahaufnahme auf seinen Schnauzer gezeigt würde, untermalt mit einer leisen, doch beunruhigenden Musik; unmittelbar musste ich losprusten und verschluckte mich an der braunen Brühe in meiner Tasse, die Nummer sieben seit heute Morgen. Mein ganzes Team aus erfahrenen Agents blickte zu mir, der Chefin, hinüber und ich murmelte: „Nur ein Hustenanfall, muss mal aufs Klo.“

T minus vierundvierzig Minuten:
Waco. Verdammt nochmal, sogar wenn ich hier sitze und pinkle?

T minus siebzehn Minuten:
Waco? So langsam ließ die Sorge nach und meine Assoziationen begannen, sich in Luft aufzulösen. In etwas mehr als einer Stunde wäre sicher alles vorüber. Eigentlich liebe ich meinen Job, um ehrlich zu sein, er war meine einzig wahre Liebe, und dieses verdammte „Waco“, das drohend über allem hing und das ich schon aus den Gesichtern meiner Teamkollegen lesen konnte, würde mir das nicht verderben. Ich blickte auf und fragte in die Runde: „Irgendwelche Updates?“
„Es ist jetzt bestätigt, in dem Gebäude sind zweiunddreißig Personen, ein Dutzend davon Kinder vor ihrer Pubertät, sechs Teenies“, antwortete Smith ruhig.
„HRT-Team und lokale SWAT-Teams gebrieft und auf Position“, ergänzte Liz, eine für ihren Job ziemlich junge SSA, deren gutes Aussehen und Herumspielen mit ihrem Haar mich schon mehr als einmal von meiner eigentlichen Arbeit abgelenkt hatte. Doch nicht heute, am Tag des Jüngsten Gerichts. Ich musste kurz grinsen. Mein Blick wanderte an dem Fraktal-Bild entlang wieder zur Fensterfront, nun schien die Abendsonne seitlich in die Büroräume des Glas-Stahl-Hochhauses, das gleich gegenüber stand und seit geraumer Zeit von dem Kult bewohnt und als Hauptquartier genutzt wurde, gegen den wir nun vorgehen mussten. Wie konnte man sich bloß so vollständig dem Fundamentalismus verschreiben, bis man bloß noch in wildem Fanatismus vor sich dahin vegetierte, geistig so trockengelegt wie ein Feld in Texas während einer Dürreperiode? Waco. Wieso hatte ich bloß an Texas denken müssen? Afrika hätte es auch getan. Ich war noch nie eine große Menschenversteherin gewesen, was ich verstand, waren taktische Situationen – für die Kommunikation waren die Geiselnahme-Spezialisten zuständig und diese hatten nach kurzer Zeit das Handtuch werfen müssen, denn mit Fundamentalismus-erprobten Religionszombies konnte man kaum verhandeln, erst recht nicht mit Jesus 2.0. Und es war nur natürlich, dass ich mit meinem Job verheiratet war, wenn ich bei einem Date Begriffe wie „Bedrohungsanalyse“ und „Kollateralschaden“ im Hinterkopf hatte. Immerhin gäbe es da bei Liz einen Vorteil, die wurde von allen hinter ihrem Rücken als „kaltes Biest“ bezeichnet und ich hätte jede Wette gemacht, dass sie ihr Privatleben genauso taktisch anging wie ich.
Ich schüttelte die Gedanken ab, es war an der Zeit, die Sache zu einem Abschluss zu bringen. Ein Griff nach meinem Funkgerät und ich war wieder hellwach und koordiniert, so wie mich mein Team kannte. „Alle Einheiten melden, bitte.“

T gleich null:
„Zugriff“, erklärte ich mit einer ruhigen, doch bestimmten Stimmlage. Waco war verschwunden, dies ist Miami, das hier und jetzt und das alles ohne Schimären aus der Vergangenheit. Ich hatte meine Pubertät längst hinter mir, und Unsicherheit war ein Wort, mit dem ich mich schon längst nicht mehr beschrieb. Rasch schwenkte ich in dem Stuhl herum und beobachtete auf den Monitoren und durch die Fenster im Haus gegenüber live, wie die Zugriffsteams das Stockwerk stürmten. Sie rannten in voller Kampfmontur mit schweren Waffen in Händen durch die umgenutzten Büroräume, als man plötzlich das charakteristische Aufblitzen von Stahl von der Stelle her erkennen konnte, an welcher sich die Kult-Mitglieder verschanzt hatten. „Waffe“, rief ich in das Funkgerät, doch es war schon zu spät.

T plus drei Minuten:
Waco! Eben doch. „Wir stehen unter heftigem Beschuss“, erklang die Stimme des SWAT-Anführers in meinem Headset. Ich konnte gut erkennen, wie im Büro auf der anderen Straßenseite Schüsse abgefeuert wurden. Ich haderte bloß einige Augenblicke, dann erklärte ich entschieden: „Alpha-Blau: Prioritätenänderung – bringt die Kinder lebend raus.“
„Bestätige, Kinder sind lokalisiert. Einige Gegner sind zwischen ihnen und uns.“
Wieder griff ich ohne zu zögern nach dem Funkgerät. „Alpha-Blau, die Verwendung tödlicher Gewalt ist autorisiert.“
Nein, diesmal nicht, diese Leute hatten ihre Chance gehabt und sich für ihren Tag des Jüngsten Gerichts entschieden – sollten sie ihn haben. Nur die, welche nicht frei hatten wählen können, sollten nicht für die Fehler ihrer Eltern büßen müssen.

T plus einundsechzig Minuten:
Miami. Operation beendet, ein verletzter Agent, alle Kult-Mitglieder tot oder schwer verletzt. Ein Riesendesaster für die Presse, ein großer Erfolg für mich, denn die Kinder konnten gerettet werden. Sie sollten ihre Chance kriegen, sich später in ihren Leben zu entscheiden, wann für sie der Tag des Jüngsten Gerichts kommen soll, wenn überhaupt. Mochten sie sagen, was sie wollen, dies war nicht Waco, dies war Miami, dachte ich mir, als ich bereits die ersten Leute der Abteilung für interne Ermittlungen aus dem Fahrstuhl steigen sah. Nein, ich war zufrieden und würde wieder schlafen können wie ein Murmeltier.

Autorin: Sarah
Setting: Sitzungszimmer
Clues: Krebs, Reinigung, Fundamentalismus, Drachenkurve, Pubertät
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2 Gedanken zu „Waco 2.0 – Ein weiterer Tag im Paradies“

  1. Idee der Beschreibung eines hartnäckigen Gedankens hervorragend umgesetzt, interessanter neuer Kontext für den Ausdruck „Jüngstes Gericht“ :)

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