Wasser ist flüssiger als Blut

Zwölf lange Jahre hatten sie sich vorbereitet, jede Einzelheit bis ins Detail geplant, waren dem Beispiel ihres großen Vorbildes gefolgt, hatten dessen Vorlagen ausgefeilt, verbessert, perfektioniert. Und nun DAS! Schnaubend stapfte Benjamin durch den schmalen Flur im Obergeschoß seines Hotels. Blanke Wut mischte sich mit Verzweiflung, er musste sich beherrschen, um nicht entweder eine Wand mit seinen bloßen Fäusten einzuschlagen oder sich schluchzend auf den bunt gemusterten Teppich zu werfen. Er entschied sich für keine der beiden Optionen, sondern zwang sich dazu, einige Male tief durchzuatmen und anschließend seinen Geschäftspartner anzurufen.
„Howard, wir haben ein Problem“, informierte er stoisch und fügte an: „Komm sofort her.“ Der mintgrüne Hörer landete scheppernd auf der Gabel, ehe der andere die Möglichkeit hatte, eine Erklärung einzufordern. Benjamin setzte seinen strammen Marsch durch die Hotelflure fort, nicht ohne zwischendurch vor einem Raum stehenzubleiben und angestrengt nachzudenken, was er mit den darin befindlichen Gästen tun sollte.

Benjamin hörte seinen charmanten Partner erst kommen, als dieser bereits die oberste Stufe erreicht hatte. Schallisolierung und solide Verarbeitungsweise war beim Bau des Hotels aus naheliegenden Gründen eine Priorität gewesen.
„Was ist?“, bellte Howard ungehalten. Seiner Kleidung und dem Präsentationskoffer nach zu urteilen, kam er direkt von der Arbeit, seine saure Stimmung war also nachvollziehbar.
„Die Rohre“, antwortete Benjamin schlicht und schnäuzte sich. Seine Erkältung klang langsam ab, zu langsam, wenn man ihn fragte. Seine Muskeln schmerzten, seine Nebenhöhlen waren mit gelblichem Schleim zugekleistert und sein Kopf fühlte sich schwer an.
„Und?“, verlangte Howard zu erfahren.
„Sie sind verstopft.“ Benjamin schluckte, wartete ab, bis der Schrecken Howards Gesicht erreichte. Diesem entwich ein entsetztes Grunzen, bevor er nachhakte: «Bist du dir sicher?» Nickend ging Benjamin einige Schritte auf eine Tür am hinteren Ende des Gangs zu. „Ja, absolut sicher.“

Howard kratzte sich ungläubig den Schnurrbart und räusperte sich verärgert. „Wir haben alles getestet, die Bauarbeiter …“
„Ich weiß“, fuhr ihm Benjamin ins Wort. Umgehend hielt er inne, wartete auf eine Rüge des anderen, doch Howard verweilte ruhig neben ihm, sah ihn sogar interessiert an. „Naja, auf jeden Fall funktioniert der Entsorgungsschacht nicht. Ich befürchte, wir müssen einen Klempner holen.“
Es folgte langes Schweigen seitens Howard, der sich hefig auf die Unterlippe biss, dreimal zu einer Erwiderung ansetzte und schlussendlich meinte: „Unmöglich. Die Rohre waren bereits in Betrieb.“ Er hatte durchaus recht damit, es war undenkbar, einen Handwerker zu Rate zu ziehen, ohne in der nächsten Woche über ihre Machenschaften in der Zeitung zu lesen. Und Benjamin hatte überhaupt keine Lust auf den Strick, herrjeh, ihm war ja eine schnöde Grippe zu viel.
„Es sei denn“, brach Howard die Stille, „wir quartieren den Klempner in einem unserer Zimmer ein.“ Das war sie, die Lösung. Erfreut löste sich Benjamin von der Tür, deren Knauf er bis eben in seinen zittrigen Fingern gehalten hatte, gratulierte seinem Geschäftspartner zu der Idee und rannte dann durch den Flur zum Wandtelefon, um sogleich den jungen Rogers herbeizurufen.

Nach weniger als zwei Stunden stand der Nachfolger des alten Rogers von „Rogers & Sons – Plumbing“ mitsamt seinen Arbeitsutensilien im Foyer des Hotels. Er brauchte das Glöckchen am Empfang nicht zu läuten, denn Benjamin hatte ihn bereits erwartet und geleitete ihn in das obere Stockwerk, wo das defekte Rohr über eine Schachtluke zugänglich war.
„Vielen Dank, dass Sie so hurtig kommen konnten“, sagte der Hotelier freundlich, während er Rogers den Weg zeigte.
„Aber natürlich, Mister Peterson, das ist selbstverständlich. Mögen Sie mir verraten, wie Sie die Misere entdeckt haben?“, erkundigte sich Rogers ebenso höflich. Sie kamen vor der Tür am Ende des Gangs zum Stehen und Benjamin zögerte ein Weilchen, ehe er lapidar entgegnete: „Sie werden es gleich sehen. Seien Sie gewarnt, der Anblick ist … unschön.“ Der jugendliche Klempner begann lauthals zu lachen und japste seinem Auftraggeber gutmütig auf die Schulter klopfend: „Ach, Mister Peterson, ich bin mir den Dreck in Rohren gewohnt, Sie können mich nicht schockieren. Also, machen Sie auf.“

Rogers Überzeugung, allem Schmutz und Horror der Klempnerei gewappnet zu sein, war ein fataler Trugschluss, denn was sich ihm in diesem möbellosen Hotelzimmer, wenn man es überhaupt so nennen konnte, offenbarte war weit mehr, als schockierend. „Was …“, stieß er entrüstet aus, taumelte dabei nach hinten und stieß mit dem Rücken an Benjamin, welcher amüsiert kicherte.
„Ist sie nicht wunderhübsch?“, säuselte er dem jungen Rogers ins Ohr und deutete an ihm vorbei auf die nackte Frau. Sie war mitten im Raum aufgehängt wie ein Schwein nach der Schlachtung. An den Hand- und Fußgelenken in Fesseln gelegt, wurde sie über eine Seilwindenkonstruktion so sehr gestreckt, dass ihr Rückgrat zu reißen drohte, trotzdem keuchte sie leise, war noch Tage vom erlösenden Tod entfernt.
„Oh mein Gott!“, brachte Rogers irgendwann heraus und stolperte auf das Mädchen hinzu, wahrscheinlich um sie zu befreien. „Was ist geschehen?“
Dies verleitete Benjamin erneut zum Feixen. „Rogers, Rogers“, gluckste er belustigt die hektischen Bewegungen des panischen Klempners beobachtend. „Bind sie nur los, dann kracht sie auf den Zement und verreckt dort an ihrer eigenen Kotze.“
Howard trat bald nach der Ankunft Rogers ins Zimmer, ließ die Tür ins Schloss fallen und maßregelte Benjamin. „Das hier ist kein Vergnügen, Ben, schon vergessen?“ Damit schubste er seinen etwas unterbelichteten Partner beiseite und wandte sich an den verängstigten Rogers. „Gut, so wird es laufen: Du kontrollierst den Entsorgungsschacht, reparierst, was repariert werden muss, dafür wird dein Ableben weniger schmerzhaft sein, als ihres. Deal?“

Rogers kramte stumm in einer Ecke in seiner Werkzeugkiste herum, bemüht darum, die entblößte, mit Blutergüssen übersäte Frau zu ignorieren. So gerne er ihr helfen wollte, seine oberste Priorität war es, lange genug zu überleben, um einen Fluchtversuch wagen zu können, vielleicht wäre es möglich, einen der beiden kranken Bastarde mit einem Schraubenschlüssel zur Strecke zu bringen, wenn der andere das Zimmer verließ. Sobald er sich in Sicherheit wägte, könnte er die Polizei über die abscheulichen Machenschaften im Hotel informieren und so hoffentlich auch die Fremde retten.
„Geht’s schneller?“, drängte Howard zur Hast.
„Mister“, holte Rogers zaghaft aus. Nie zuvor hatte er solche Angst gehabt, weder damals, als er beinahe im zugefrorenen Weiher bei der Kirche ertrunken war, noch als sein Vater die Mutter bewusstlos geschlagen hatte. „Ich … Die Verstopfung … Es ist … Wissen Sie …“
„Herrgott, Rogers!“, donnerte Howard böse, „Raus mit der Sprache!“
„Ich benötige anderes Werkzeug. Was ich bei mir trage, wird niemals ausreichen.“ Verunsichert, was nun kommen mochte, duckte er sich hinter seinen Kasten und war keineswegs erleichtert, als Benjamin brummte: „Blödsinn, der Schacht muss bloß gespült werden. Immerhin haben die Installateure die Rohre erst vorletzte Woche erfolgreich getestet.“
„Moment“, unterbrach Howard. „Mit was wurden die Rohre geprüft? Wasser?“ Benjamin blickte erst verdutzt zu seinem Geschäftspartner, danach zu Rogers und dem Schacht. „Ja, mit Wasser“, bestätigte er.
„Wasser ist flüssiger als Blut“, flüsterte Roger, eine Vermutung äußernd. Daraufhin stapfte Howard zu Benjamin, klatschte diesem mit der beringten Hand ins Gesicht und brüllte: „Du hast es versäumt, bei den Berechnungen das trocknende Blut und die Leichenteile zu berücksichtigen?!“

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Wasser ist flüssiger als Blut
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