Am Montag kommt der Weltuntergang

SarahAutorin: Sarah
Setting: Balkon/Terrasse
Clues: Atlas-Detektor (CERN), Schönheit, Rotweinessig, Waldgrenze, Weihnachtslied
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Ich lehnte mich auf dem Liegestuhl zurück und genoss die atemberaubende Schönheit der Aussicht von dem Balkon mit dem verschnörkelten Schmiedeeisengeländer, der vorne an der kleinen viktorianischen Villa einen Rundblick über den sanft anfallenden Hügel und den bis jetzt noch nicht zugefrorenen See ermöglichte. In dem fahlen Licht der von Wolken verdeckten Wintersonne, die ein Halo bildete und den Balkon nicht zu wärmen vermochte, wirkte die schneebedeckte Landschaft fast unberührt, bis auf die kleinen Spuren eines Fuchses, die von der Waldgrenze bis zum wellenlosen See führten, und den Reifenspuren des Busses, welcher auf der Nebenstrasse vor einer Stunde vorbeigerauscht war, geräuschlos wie alles an diesem kalten Tag, war nichts zu sehen. Selten schwebte eine Schneeflocke zu Boden, doch es war zu kalt, als dass es richtig schneien konnte. Ich nahm einen Schluck von meinem Drink, einem erdigen, teuren Whisky und zündete mir eine Zigarette an; mir war kürzlich gesagt worden, dass ich mit fünfzig Jahren nicht mehr rauchen und trinken sollte und es nicht zu meinem eleganten Outfit und der Brille mit dem feinen Silberrand passe – die Wahrheit aber war, dass es so viele Versionen von mir gab, dass niemand in meinem momentanen Umfeld eine Ahnung haben konnte, wer oder was ich wirklich war, geschweige denn, was ich eigentlich tat.

Ich konnte hinter mir hören, wie jemand die Balkontür aufzog, die leise in ihren Angeln quietschte, und dann mit den kaum vernehmbaren Schritten von Turnschuhen neben mich trat und die Türe nicht mehr schloss, sodass aus dem Wohnzimmer hinter mir nun ein Weihnachtslied, das im Radio spielte, nach draussen drang.
Mit seinen ausgewaschenen Jeans, dem dunkeln Sweatshirt mit der schräg hängenden Kapuze und einem Aufdruck, der etwas mit Baseball zu tun hatte und dem langen, leicht gewellten Haar wirkte mein momentaner Geschäftspartner in den grossen, mit Stuck verzierten Räumen leicht deplatziert, beinahe schon verloren. Zudem war er jung, er hätte mein Sohn sein können und manchmal hatte ich das Gefühl, dass er sich mir gegenüber genauso verhielt – rebellisch, etwas frech und ständig auf der Suche nach etwas, mit dem er mir sein Können unter Beweis stellen konnte. Als er sich auf den Korbstuhl neben mir fallen liess, fragte ich: „Möchtest du auch einen Whisky?“
Er verzog leicht das Gesicht in einer sehr gespielt wirkenden Geste und entgegnete mit einem indignierten Ton in der Stimme: „Das Zeug schmeckt noch schlimmer als Rotweinessig, das trinke ich nicht freiwillig.“
Ich konnte mir das schwache Lächeln, das um meine Lippen spielte, nicht verkneifen. „Ist alles bereit?“
Er nickte und streckte sich lässig. „Ich habe gerade die Hardware zusammengepackt und in den Wagen geladen. Wir sollten heute Nacht in London sein. Bis jetzt schaut es nicht danach aus, als ob uns jemand sucht.“
„Wie immer haben wir die Situation unter Kontrolle und alles ist in bester Ordnung“, entgegnete ich gelassen. „Bis jemand bemerkt, was geschehen ist, haben wir längst neue Identitäten und ein neues Leben.“
Er lachte kurz und erklärte dann mit einem Gesichtsausdruck, der mich an eine Mischung aus Verwirrung und Respekt erinnerte: „Für eine Abzockerin bist du ganz schön arrogant.“
„Das bezeichnet man kultiviert als Betrugskünstlerin“, gab ich in meinem besten britischen Englisch zurück. „Wir sind ab morgen Engländer, das solltest du nicht vergessen.“
Er schüttelte leicht den Kopf, sodass sein zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar leicht von der einen Seite zur anderen hüpfte. „Dass dir die Etikette der Briten gefallen würde, war ja so was von klar, du machst immer einen auf zivilisierte Meisterbetrügerin.“
Ich wusste, dass ich dazu tendierte, ihm Vorträge zu halten, doch es war mir wichtig, dass er meine Sicht nicht bloss verstand, sondern auch mit jeder Faser erfasste. „Ich kann meinen Zielpersonen mit dem richtigen Kostüm und einem überzeugenden Lächeln fast alles glaubhaft machen. Ein guter Betrug ist voller Schönheit, voller Eleganz – wie ein Puzzle, dessen Teile langsam an ihre Stellen fallen und für das Ziel so schlüssig sind, das es aus tiefster Überzeugung glaubt, das richtige zu tun. Wir haben eben einigen Leuten, die ziemlich klug sind, das CERN als eine Weltuntergangsmaschine verkauft – jedes Kind mit etwas Verstand sollte begreifen, dass wegen einem Teilchen-Experiment nicht der ganze Planet in einem schwarzen Loch verschwindet, das wir selbst geschaffen haben; erst recht nicht, wenn man ihnen dazu bloss ein paar fingierte Grafiken und eine Fotografie vom Atlas-Detektor zeigt. Ein Erfolg ist für mich nicht bloss, viel Geld einzunehmen, sondern zu beweisen, dass wir Leuten, die mit ihrem Geschick Millionen verdienen, die absurdesten Dinge glauben machen können. Es geht um Kontrolle und Überlegenheit, um die wahre Schönheit und Perfektion eines Planes und darum, die anderen besser zu kennen als sie sich selbst kennen wollen.“
Er seufzte, ich war mir nicht sicher, ob er es wegen meinem jüngsten Vortrag – bei weitem nicht mein erster – tat oder wegen dem, was er mir wohl schon einige Male hatte erklären wollen. Schliesslich fragte er, ziemlich nachdenklich und etwas unwohl: „Du liebst das, was du tust über alles, oder?“
Ich trank den Whisky aus und stellte ihn hin; es gab keinen Grund, unzivilisiert zu werden. „Ich denke schon – es ist das, was ich am besten kann, wenn nicht gar das einzige, das ich richtig kann.“
Er erhob sich und liess seinen Blick über die Szenerie schweifen, die sich kaum verändert hatte; bloss ein kleiner Vogel hatte irgendwo in dem Wald zu zwitschern begonnen, er klang etwas verloren in der Stille. „Wenn du so gut bist, wie du sagst, dann weisst du sicher auch, wer ich wirklich bin?“
Ich wusste, dass ich mit dem Feuer gespielt hatte, mehr als je zuvor, weil Zweifel an mir nagten und die konditionierte Überheblichkeit nicht mehr Trost genug war, und obwohl alles, was ich mit grosser Mühe aufgebaut hatte, einzustürzen drohte, fühlte ich mich erstaunlich gelassen. „Du bist ein verdeckter Ermittler von Interpol. Ich denke, es ist unnötig, weiter ins Detail zu gehen, oder?“
Er zog die Augenbrauen hoch. „Du bist gut – wie lange weisst du es schon?“
„Ein paar Monate, ich habe es kurz nach dem Beginn unseres Coups herausgefunden.“
„Warum bist du denn nicht geflüchtet?“, fragte er mich mit einem Unglauben, der gar mich etwas überraschte.
Ich sinnierte kurz, bevor ich wusste, was ich antworten wollte – es war schwer, manche Dinge in Worte zu fassen. „Ich kann nichts unbeendet lassen. Ausserdem wollte ich wissen, wie gut ich wirklich war; ich denke, dass du das nicht vermutet hättest, aber auch ich kann an mir zweifeln.“
Er schwieg einige Zeit, wahrscheinlich hatte er gerade das Gefühl, das erste Mal hinter meine Fassade geblickt zu haben. Schliesslich atmete er tief durch und erklärte: „Ich gebe dir zehn Minuten Vorsprung.“

Während ich durch das reich möblierte und trotzdem leer wirkende Wohnzimmer schritt, die Autoschlüssel bereits in der Hand, fragte ich mich, ob es das wert gewesen war. Ich wusste, dass ich noch immer so gut war wie früher und dass ich eine gute Chance hatte, die Polizei abzuhängen. Doch zum ersten Mal seit einer Zeit, die mir Äonen entfernt erschien, empfand ich aufrichtiges Mitleid für jemanden. Ich wusste zwar, weshalb er mir den Vorsprung gewährte und insgeheim hoffte, dass ich entkam, doch diesmal blieb ein fahler Nachgeschmack, der Grübeleien und lange, schlaflose Nächte ankündigte.

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