Der Weltverbesserer

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten. Zudem könnte das dargestellte Gedankengut auf einige beleidigend wirken. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

„Danke dir, Frank“, seufzt er zufrieden, als er sich auf meine Couch fallenlässt. „Das Chalet ist der schönste Ort zum Entspannen.“ Er lobt das weichgespülte Ambiente, ein Überbleibsel meiner verstorbenen Mutter, bei jedem Besuch und mir ist schleierhaft, wie ernst es ihm damit ist. Ihm ein kühles Blondes reichend, setze ich mich auf den kitschigen Ohrensessel.
„Kein Problem.“ Vor einigen Tagen habe ich ihn mit seiner Freundin im Kino getroffen, sie hat mir bei der Begrüßung ihr falsches Kichern entgegengekotzt und er glotzte schwärmerisch auf den Inhalt ihrer halbtransparenten Bluse. Ein Wunder, hat er es geschafft, mich lange genug zu beachten, um sich für das Wochenende in meinem Ferienhaus selbst einzuladen.
„Du, ich habe Neuigkeiten“, beginnt er kleinlaut und mir schwant schlimmes. Seit ich Melanies geschwollenes Gesäuge, ihre aufgedunsene, schwammige Haut gesehen habe, ist mir klar, dass mein bester Freund meine Ideale verraten hat. „Melanie und ich, wir …“ Er starrt auf seine Füße, bestätigt damit meine Befürchtung. Ich hätte früher agieren sollen, anstatt ihn zu verschonen. „Wir sind schwanger.“ Ich mache ein erstauntes Gesicht, von nun an wird alles, was ich tue, dem einen Ziel dienen, mein Versäumnis nachzuholen.
„Gratuliere, Kurt.“ Meine bodenlose Enttäuschung über Melanies Besamung, meinen Hass und die boshaften Absichten verberge ich hinter einem geübten Lächeln. „Dann müssen wir mit was Sprudelndem anstoßen.“ Ich stelle mein Bier auf den Couchtisch, erhebe mich und marschiere in die Küche.
„Ich bin etwas überrascht, Frank. Damit habe ich echt nicht gerechnet.“
„Womit?“, frage ich, ziehe die Metallhülse vom Champagnerkorken und öffne die Flasche.
„Na, ich weiß, du bist kein Kindermensch.“ Diese Aussage ist inkorrekt, es sind nämlich mitnichten Kinder, denen ich die Schuld am desaströsen Zustand der Welt gebe. Sie sind lediglich ein Symptom der Unvernunft. Sich jetzt noch zu zanken, halte ich für sinnlos, erst recht, wenn es weitaus Wichtigeres zu tun gibt. Ich nicke und zerstreue seine Sorge: „Ach was. Auch wenn ich keine will, kann ich mich trotzdem für dich freuen.“ Die Haldoltabletten habe ich in weiser Voraussicht bereits heute früh präpariert, sie im Mörser fein zerrieben. Sedativa wären eine geeignetere Wahl gewesen, aber Haldol ist halt das, was ich zur Verfügung habe und es wird ausreichen. Es dauert ein Weilchen, bis das Pulver sich in Kurts Drink aufgelöst hat, also lasse ich sein Glas auf der Anrichte stehen, öffne den Kühlschrank und überlege, was ich ihm dazu servieren könnte. Es ist eine Schande, eine Tragödie, alleine beim Gedanken daran, was Kurt und Melanie getan haben, wird mir speiübel. Es ist unrecht! Ein Klumpen formt sich mir in der Kehle, ich schlucke ihn runter und rufe: „Magst du einen Happen essen?“
„Was?“
Ich strecke meinen Kopf durch die Tür und wiederhole meine Frage: „Ob du einen Happen essen willst.“ Da sitzt er, mein bester Freund, mittig unter dem gerahmten Foto einer Sanddüne, das ich während unseres ersten gemeinsamen Urlaubs geschossen habe. Damals versicherte er mir, meine Ideen zu teilen und ich freute mich sehr gefreut, endlich einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Diese Hoffnung war bloß eine Fata Morgana, ein teuflischer Trugschluss. Ich bin der einzige, der es versteht.
„Ah. Nein, danke. Ich habe vor der Abreise eine Kleinigkeit gegessen.“ Wenn ich mir ihn mir so anschaue, ist es mir ein Rätsel, weshalb ich es vorher nie erkannt habe. Er ist wie alle anderen, eine niederträchtige Kreatur, eine widerwärtige Gestalt, des Atmens unwürdig. Zu schade. Zwei Gläser balancierend kehre ich zurück ins Wohnzimmer und reiche ihm das sprudelnde Getränk.
„Hier, lass uns feiern.“ Er stinkt nach ihrem klebrigen Parfüm und ich kann mir den Geruch des Wundsekrets lebhaft vorstellen, den sie nach dem Werfen ausdünsten wird. „Auf deine Familie.“

Kurts fettleibigen Körper von der Couch in die Küche zu schleppen war anstrengender, als ich antizipiert hatte, ihm die Hose auszuziehen ebenfalls. Nun wird es einfacher werden, schließlich habe ich Erfahrung und die Prozedur ist bei Männchen sowieso ruckzuck vorbei. „Ein Kinderspiel“, kichere ich vor mich hin, packe meinen Freund an der Schulter und hieve ihn in die Rückenlage. Verblüfft stelle ich fest, dass Kurt mir die Arbeit, das Operationsfeld zu rasieren, schon abgenommen hat. „Ha“, entweicht es mir beim Betrachten seines glattrasierten Hodensacks. „Okay, Melanies Haaraversion betrifft wohl nicht nur die Katze.“ Sorgfältig tupfe ich seinen Schambereich mit einem in Wodka getränkten Lappen ab. Diesen Teil eines Tieres anzufassen ruft immensen Ekel in mir hervor, doch was getan werden muss … Erneut steigt Reue in mir auf. Reue und Schuldgefühle, weil ich damit zu lange gewartet habe. „Tut mir Leid, Kumpel. Ohne Raumzeitriss ist es eigentlich zu spät.“ Man sollte seine eigenen Limitationen akzeptieren und meine Fähigkeiten sind zu unausgereift, um Weibchen zu sterilisieren, geschweige denn, einen sicheren Abort vorzunehmen. Nachdem ich Kurts Penis, Damm, Testikel und Anus ausreichend gereinigt und sterilisiert habe, werfe ich den Lappen und meine Einweghandschuhe in den Müll, ehe es mich schüttelt. Ekel, dieser unfassbare Ekel! Ein perfekter Mensch käme ohne Reproduktionsorgane auf die Welt. Nein. Ein perfekter Mensch käme überhaupt nicht auf die Welt, er würde schlichtweg nicht existieren. „Wir sind siebeneinhalb Milliarden. Das ist zu viel, Kurt, viel zu viel. Die Welt hat Besseres verdient, als siebeneinhalb Milliarden Parasiten, die sie zerstören“, erkläre ich und ziehe mir neue Handschuhe über. „Keiner hat darum gebeten, die Qualen des Lebens ertragen zu müssen. Keiner, kapierst du das?“ Seine Beine weit spreizend, inspiziere ich die Abscheulichkeit dazwischen nochmal genau und finde rasch die richtige Stelle. Auf dem Tablett von Mutters Teeservice habe ich meine Instrumente bereitgelegt. Tief durchatmend taste ich nach dem frisch geschliffenen Schnitzmesser und überwinde mich, seinen linken Hoden zwischen meinen Daumen und Zeigefinger zu quetschen. Ein vier Zentimeter langer Schnitt reicht aus und die Keimdrüse flutscht hinaus, woraufhin ich unkontrolliert würge. „Scheiße!“ Ich schieße hoch, renne zum Waschbecken und speie angewidert das Erbrochene in meinem Mund aus. Das ist mein achter Eingriff, dennoch leide ich unter derselben Verstörung wie beim ersten. Immerhin bleibe ich bei Bewusstsein. Entschlossen wende ich mich wieder Kurt zu, schnappe mir den Fischerfaden, wickle ihn viermal um den Samenstrang und ziehe ihn so fest ich kann an, bevor ich den schleimigen Leiter mit der Küchenschere durchschneide. Das Geräusch erinnert mich an das Zerteilen eines Brathähnchens. Widerlich, widerlich, widerlich! Kurt reagiert mit einem schwachen Stöhnen. Haldol ist wirklich untauglich für solche Unterfangen, selbst mit der hohen Dosis ist es kaum möglich, ein hundertzwanzig Kilogramm schweres Tier vollständig zu narkotisieren. Sofort wickle ich die entfernte Gonade in ein Blatt Haushaltspapier, gehe zum Hundenapf, schüttle das Bündel, bis das unnütze Organ hineinklatscht. „Fast geschafft, Kurt“, murmle ich und nehme mir vor, meinen Psychiater um ein potentes Schlafmittel zu bitten. Propofol wäre ideal, allerdings herrscht seit Michael Jacksons Tod eine überzogene Hysterie um darum, meine Chancen, es auf legalem Weg zu bekommen, sind dementsprechend gering. Auf Knien rutsche ich vom Futternapf zwischen Kurts Beine, kneife den rechten Hoden in den Pinzettengriff und wiederhole dasselbe Verfahren. Vier Zentimeter Schnitt, gefolgt vom Herausflitschen der glitschigen Keimdrüse. Dieses Mal gelingt es mir, den Brechreiz zu unterdrücken und den Faden gleich um den Samenleiter zu knoten.
„F… Fr… Fra…“, tönt Kurt benommen und wackelt schlaff mit den Füssen. “Frank?“ Flink lege ich mich mit dem Oberkörper auf ihn, beruhige ihn mit meinem Gewicht und meiner Stimme: „Alles ist gut, Kurt. Ich helfe dir, ein besserer Mensch zu werden.“

Autorin: Rahel
Setting: Chalet
Clues: Raumzeitriss, Verstörung, Anrichte, Hysterie, Sanddüne
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