Der Winter kommt

Rahel - resizedAutorin: Rahel
Setting: Pragser Wildsee-Hütte
Clues: Rollmops, Lenkstange, Eisportionierer, Urmeer, Vierauge

Der Mann erschien aus dem Dunkel auf die Veranda, seine Wanderstiefel prallten auf die Holzplanken wie tosende Donnerschläge. Die idyllische Stille wurde mit einem Mal zerrissen, zwei Raben hockten auf dem Geländer, fuhren hoch und flatterten davon, hinfort von diesem bärtigen Tier. Sinnierend gähnte er, liess seine Gelenke knacken und beschloss, beim Fischen abermals Fortuna herauszufordern. Seit Tagen zehrte er von dem schmächtigen Böcklein, das ihm in die Falle getrappt war. Es schmeckte fade, so ohne Salz, trotz seiner kümmerlichen Grösse war es zäh wie ein alter Hirsch. Vor ihm breitete sich der friedliche See aus, über ihm zeigte die kühle Wintersonne ihr fahles Gesicht, flach stand sie über dem Horizont. Hier oben trafen Welten aufeinander, als hätte sich ein Stück Karibik, eine in Türkis schillernde Lagune, in die Berge verirrt. Er hatte in einem Buch vom Urmeer gelesen und stellte es sich so vor, unberührt, nur mächtiger, grenzenloser. Nun waren die Tropen zur Geisel des Winters geworden, lagen zugefroren brach und erwarteten den nächsten Frühling. Ihm erging es ähnlich, die Winter waren stets die Zeit des Schlafes, des Rastens und Hütens der Energie. Viel davon hatte er nicht, also war sorgfältiges Haushalten angesagt. „Zu spät.“ Seine Stimme klang heiser, rau, er benutzte sie kaum noch. Sein Urgrossvater hatte als Kind einen flüchtigen Blick auf die einstige Hochkultur erhascht, zu kurz, um daran Geschmack zu finden, zu lange, um den Krieg mit Abgeklärtheit zu ertragen. Des Mannes Glück war, dass die Urgrossmutter den Urgrossvater fand, ehe dieser mit der Flinte alle Sorgen vertrieb. Es hatte wenig gefehlt, haarscharf war der Mann durch seines Ahnen Sorge, an der ewigen Leere vorbeigeschrammt. Stattdessen war er direkt ins Leben geworfen worden. Die Ränder des Sees ruhten, die Wellen versiegten in eisigen Krusten. Gemächlich schlug er milchig-hartes Wasser von den Seiten seines Pedalos, war gedanklich bereits zu Füssen der Berge, mit Haken, Leine und Maden in der Nussschale.

Hin und wieder fragte er sich, wie sie wohl war, diese Erde seiner Vorfahren. Voller kleiner Wunder, Technik haben die geheissen, grosser Wunder, Medizin haben sie diese genannt, und Gleichgültigkeit. Da waren alle Rädchen in einer Maschinerie gewesen, Rädchen, die so gerne mehr als Rädchen sein wollten. Leider erwuchsen sie aus ihrer Gier zum Mehrsein nicht zu Schrauben, deren einziger Zweck es ist, zu verbinden. Nein, sie alle wollten Hämmer sein, mit geringem Verstand, dafür mit Stolz und fixierten Zielen ihren Willen forcieren. Ein Hammer zerstört keine Zivilisation, doch hunderte, tausende, Millionen von ihnen zermürbten sich gegenseitig, liessen den Rest in ihren Splittern ersticken. Der Mann wäre freiwillig Rädchen, böte sich ihm diese Option. Ein Rädchen konnte Sinn im Drehen um sich selbst kreieren und damit andere vorwärtstreiben, glaubte er aus vollem Herzen, ohne je ein Rädchen gewesen zu sein. Die Lenkstange des gemütlichen Gefässes zog wie üblich nach rechts, er steuerte routiniert dagegen. Es schien ihm zu einfach, die Korrektur zu übertreiben, „zu sehr dies“ wurde schnell „zu sehr das“, der Kurs war im Nu verloren. Die Fische hingegen blieben ihrem Fahrwasser treu, widerstanden der wurmigen Verlockung und die Angelschnur war wieder einmal länger als der Faden seiner Geduld. Murrend packte der Mann die Lenkstange, trat in die Pedale und führte seinen Schwan voller Blessuren zurück ans erstarrte Ufer.

Alsbald das Tau festgezurrt, die ausbleibende Beute betrauert und der Tag für beendet erklärt war, stapfte der Mann über knirschend knöcheltiefes Wasser, auf seine Pragser Wildsee-Hütte hinzu. Verwundert entdeckte er, Rauch, der aus dem Kamin den Woken entgegen zog, sich mit Magentafarbe vermischte. „Das Feuer?“, krächzte er, seinen Schritt beschleunigend. Den ganzen Sommer über hatte er Holz gehackt, wollte es dennoch für die richtig kalte Saison aufsparen, es nicht dem leichten Frösteln opfern. Der Kamin sollte keine Glut im Bauch haben, er hatte ihn seit dem letzten Winter nie gefüttert.
„… übermorgen, vielleicht in einer Woche“, drangen fremde Laute an sein Ohr. Abrupt hielt er inne, wurde erst von Verblüffung, anschliessend kurzlebiger Panik, schlussendlich Neugier übermannt. „Was meinst du?“ Der Mann hörte auf zu atmen, um sich vom zarten Flüstern in entfallene Erinnerungen entführen zu lassen. Es musste ein Wunder sein, ein namenloses zwar, aber wenn es kein Wunder war, was dann? Da waren Menschen in seiner Hütte!
Vorsichtig die Sohlen seiner Stiefel vorwärtsschiebend, näherte er sich den Geräuschen, versuchte jedes einzelne aufzusaugen, labte sich am Singsang der Sprache. „Und was machen wir, wenn der Bewohner wiederkehrt?“ Das war er, der Bewohner, dachte er, sie wussten, dass es ihn gab. Überschwängliche Freude herrschte lediglich eine Weile, wich dem Entsetzen, als er vernahm: „Na was wohl? Wir erschiessen ihn. Fleisch täte uns sowieso gut.“
Des Mannes Nüstern blähten sich, Schultern, Nacken und Rücken wurden steif, bereiteten sich vor auf den Kampf, während seine Beine die rasante Flucht planten. Bloss sein Geist verweilte in interessierter Gelassenheit, störte sich kaum an der Bedrohung. Er war ein Lebwesen, das von der Mutter, dem Vater zur Beherrschung des Waldes, der Berge erzogen worden war, ein Tier ohne Feind. Furcht war ihm keineswegs unbekannt, allerdings weniger Hindernis, denn vernünftiger Begleiter, sofern, ja, sofern der Forscherdrang sie heile liess. Die Planken knarrten, er näherte sich der Tür, alsdann streckte er seine Pranke zum Gruss an der Pforte. „Hallo.“

Flink war er ins Innere gehuscht, hatte die das Überraschungsmoment ausgenutzt, Gewehr und Machete vom Kamin gestohlen und sie, weise wie er war, durchs Fenster in den See geworfen. „Ich …“, begann der Mann mit den Worten ringend. Die Eltern waren längst Asche, in den Himmel entflogen, seither hatte ihm niemand gelauscht. „Ich nicht Beute. Ich Mann“, klärte er schüchtern lächelnd auf, bot erneut die schwielige Hand zur Versöhnung. „Ich Hannes.“
„Scheisse“, raunte die Frau, schnappte sich den nächstbesten Gegenstand und schleuderte ihn an die Wand. Der Mann legte seinen Kopf schief, betrachtete erst den um sich selbst rotierenden Eisportionierer, danach sie. Die Sonne hatte zierliche Ranken in ihr Haar gebrannt und ihm fiel auf, sie sah ganz anders aus als Mutter oder Grossmutter, ihr haftete etwas Unheimliches an. Der Mann war ebenfalls ungewöhnlich, ein Vierauge, wie Hannes skeptisch feststellte. „Du Arschloch hast unsere Waffen … Ach, vergiss es. Ralf, wir gehen!“
„Nicht gehen“, flehte der Mann nervös. Wer die Berge verliess, der marschierte in sein Verderben, so hatte er es von den Eltern gelernt. Da unten lag die alte Ordnung im Sterben, Konflikt baute auf Konflikt. Früher waren sie zahlreich gewesen, die Rädchen und Hämmer, aber je weniger sie wurden, desto verbitterter, erbarmungsloser wurde ihre Fehde, denn es waren noch immer zu viele. „Gibt Essen und Wärme hier. Bald kommt Winter!“
„Ralf?“ Die Frau wich ihm aus, verweigerte dem Mann ihren Blick. “Komm, der ist nicht normal.”
“Nein, warte“, sagte der Ralf, fasziniert vom Wilden und schritt auf ihn zu. „Ich bin Ralf“, betonte dieser mit der Nachsicht, die man einem dummen Kind schenken würde. „Und das“, meinte er auf seine augenrollende Begleiterin deutend, „ist Magdalena.“ Hannes zuckte, vor Schreck wie Freude, als der andere endlich seinen Handschlag akzeptierte. „Möchtest du einen Rollmops, Hannes?“
„Sag mal, spinnst du?!“, keifte Magdalena und krallte sich ihren Rucksack. „Wir geben dem bestimmt nicht unseren Proviant!“
„Jetzt sei nicht so. Mit Fischen fängt man wilde Männer“, lachte Ralf und reichte Hannes ein Glas auf dem eine abgegriffene Etikette klebte. Hannes war unklar, weshalb der andere amüsiert gluckste, erkannte jedoch den Gegenstand und rief: „Einmachglas.“ Aufgeregt drehte er sich um, rannte zum hohen Einbauschrank und öffnete ihn, sodass die beiden Besucher seine randvollen Reserven bewundern konnten. „Ich gemacht Einmachgläser.“
„Scheisse“, tönte sie wiederholt, nun kein bisschen ablehnend, sondern gänzlich überwältigt von der prächtigen Auslage.
„Na, willst du noch immer gehen?“, schmunzelte Ralf und legte seinen Arm um sie.

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Für Setting und Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei Chris Bennett. Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung oder eure Unterstützung auf Patreon freuen. Möchtet ihr, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Rahel nächsten Dienstag mit [den folgenden Vorgaben schreiben wird:
Setting: Unter dem Esszimmertisch
Clues: Abschminktücher, Gummiente, Miniaturstatur, Epilepsie, Duftkerze

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