Der Preis, den andere zahlen

„Ich habe keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist“, brummte Dara und schaute sich im Gästezimmer ihres besten Freundes um. Seit ihr Loft vom Dreitägigen Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden war, oder eher, die ganze Fassade verloren hatte, wohnte sie gezwungenermaßen mit Marius zusammen.
Er hatte es sich auf einem alten Sessel bequem gemacht, wippte mit den Füssen und hielt eine Tasse Tee in der Hand. „Also ich bin weiterhin überzeugt von meinem Plan.“
„Das wundert mich wenig, du bist von deinen Ideen immer überzeugt“, gab Dara zurück und erhob sich mit einem Seufzen. „Wir leben nicht länger in einer Welt, in der Meinungsfreiheit herrscht, um dich mal wieder daran zu erinnern.“
„Ja, weil wir nach drei Tagen vor der Besatzungsmacht kapituliert haben“, wetterte er. „Ich bin ja bereit, mich von meiner Katze herumkommandieren zu lassen, aber bestimmt nicht von einem fremden Regime!“
„Du hast gesehen, zu was sie fähig sind“, wandte Dara ein. „Sie haben meinen Vater umgebracht weil er in einer Partei war, die sich für demokratische Werte eingesetzt hatte. Denkst du wirklich, deine Idee sei passabel? Überleg mal, wer dann wohl als nächstes im Arbeitslager verschwindet.“ Dara schluckte, der Verlust nagte noch immer an ihr. Ihr Wunsch gegen die neuen Regenten vorzugehen war zwar stärker denn je, trotzdem begegnete sie dem Vorschlag, das unkoordiniert statt zielgerichtet zu tun, mit Verständnislosigkeit.
„Blödsinn, die stecken mich für das Veröffentlichen einer Kurzgeschichte, die bloß ein kleines Bisschen subtile Regimekritik enthält, nicht gleich in ein Lager. Die sind zu sehr damit beschäftigt, uns zu terrorisieren, zum Lesen kommen die kaum.“
Dara streckte sich auf dem Gästebett aus, eigentlich war sie müde und wollte die Unterhaltung mit ihrem Freund nicht fortführen, dummerweise war dieses Gespräch dringend notwendig. Wenn er tatsächlich etwas derart Unbedachtes täte, würde Dara auch ihn verlieren und als Mitbewohnerin ebenso im Lager landen, dessen war sie sich sicher. Sie versuchte es von neuem: „Na, was denkst du denn, wie die uns alle terrorisieren? Maschinen überwachen jeden Satz, den du in der Nähe eines Mikrofons sagst, lesen jeden Text, den du schreibst – wir leben in einem Überwachungsstaat, gewöhn dich besser schnell daran. Ich garantiere dir, sie werden im Nullkommanichts wissen, was du getan hast. Und vergiss bitte nicht, dass du nicht alleine den Preis für solchen Leichtsinn bezahlst. Was würde aus Benjamin?“ Dara deutete auf den getigerten Kater, der bei ihren Füssen auf der Bettdecke friedlich schlummerte.
Marius schwieg eine Weile, ehe er aufstand und patzig meinte: „Ich bin Schriftsteller, die Kunst sollte frei sein. Nun ja, du hast Recht, für Benjamin bin ich verantwortlich, ich darf das Risiko nicht eingehen. Schlaf gut und bis morgen.“
Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, murmelte Dara: „Die Kunst sollte frei sein, was für ein Witz. Wir alle sollten frei sein.“

Ein Rumpeln, gefolgt von gerufenen Befehlen, ließen Dara aus ihren Träumen hochschrecken. Kater Benjamin dagegen hob lediglich desinteressiert den Kopf, den er solgleich wieder unter seinem bauschigen Schwanz begrub. Leichtfüßig und dank dem Adrenalinschub hellwach, sprang Dara auf und huschte in Richtung Zimmertür, wobei sie sich einen großen Zeh an einem Topf mit Katzengras stieß und einige derbe Flüche unterdrückte. Lautlos öffnete sie die Tür einen Spaltbreit und lauschte angespannt. In der Tat vernahm sie kurz darauf Marius, der panisch brüllte: „Das könnt ihr doch nicht machen, es war nur eine verdammte Kurzgeschichte!“
Dieser Trottel hatte sie tatsächlich veröffentlicht, stellte sie resigniert fest, bevor ihr Überlebenswille einsetzte. Sie schnappte sich ihre stets gepackte Reisetasche, man konnte schließlich nie wissen, wann man schnell flüchten musste. So gern sie Marius geholfen hätte, es war zu spät. Er war schon immer ein Utopist gewesen, einer von der unverbesserlichen Sorte, sich das schönzureden war sinnlos – sein Idealismus hatte ihn eingeholt und sie wünschte sich, er käme wenigstens in ein halbwegs humanes Arbeitslager. Mehr Sorgen und Gedanken an ihren guten Freund konnte sie sich nicht erlauben. Die Zeit drängte, zweifelsohne durchsuchten die Sittenwächter früher oder später den Rest des Hauses. Eilig hob Dara den schlaftrunkenen Benjamin hoch, stopfte ihn in die Reisetasche und zog den Reißverschluss. Kleider hatte sie genug dabei, aber ohne Schuhwerk aufzubrechen wäre ein ernsthaftes Problem. Sie wirbelte herum, schlüpfte in ihre Turnschuhe und band sie im Dunkeln fahrig zu, wobei aus ihrer Tasche ein protestierendes Miauen ertönte. Dara hoffte, der Tiger sei gleich wieder ruhig, als sie die Tasche hochhob und zum Rückfenster, das auf die Feuerleiter führte, ging. Marius‘ Gezeter klang so, als sei er mittlerweile auf der Straße vor dem kleinen Häuschen, ihr Fluchtweg war also gut gewählt. Unten angekommen trabte sie zu dem schwarzen Fahrzeug, dankbar dafür, dass Marius ihre Biodaten in seinen Wagen eingespeichert hatte, und entriegelte die Fahrertür. Sie wusste noch nicht, wo sie hinfahren sollte, Hauptsache so weit weg von hier wie möglich.

Das Dorf war vor einigen Minuten hinter den Hügeln am Horizont verschwunden. Dara hielt in einem dichten Wald an und atmete durch. Vorerst wäre sie in Sicherheit, die Frage war allerdings, für wie lange? Der Adrenalinrausch ebbte ab, das leichte Zittern in ihren Händen ließ nach – Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen. Sie beugte sich zum Beifahrersitz hinüber, zog den Verschluss der Reisetasche auf und sofort tauchte Benjamins Köpfchen in der Öffnung auf. Mit einem staubigen Blick musterte er sie und gab ihr zu verstehen, dass er diese Art des Reisens keineswegs goutierte. Dann hüpfte er aus der Tasche und rollte sich auf dem Beifahrersitz zusammen. „Wir sind jetzt obdachlos“, erklärte sie dem Kater, da sie den Drang hatte, mit jemandem zu sprechen. „Kopf hoch, vielleicht finden wir eine Waldhütte ab vom Netz oder sowas ähnliches. Wir müssen halt improvisieren.“
Gleichgültig sah der Flauscheball zu ihr auf und begann zu schnurren. „Das Herrchen kommt nicht wieder, sorry, Kleiner. Er hatte eine Idee. Den Preis dafür bezahlen wir alle, obwohl er selbst das schlechteste Los gezogen hat. Shit happens.“
Entschlossen lenkte Dara den Wagen tiefer in den Wald, auf der Suche nach einer Unterkunft. Sie wollte, nein, musste über kurz oder lang selbst etwas gegen die Lage unternehmen – aber erst, wenn sie einen Weg gefunden hatte, diese Last nicht anderen, insbesondere Benjamin, aufzubürden. Daran, Katzenhalterin zu sein, muss ich mich jedoch noch gewöhnen.

Autorin: Sarah
Setting: Gästezimmer
Clues: Katzengras, Seufzen, Verständnislosigkeit, Kurzgeschichte, Meinungsfreiheit
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