Zaunfreundschaft

RahelAutorin: Rahel
Setting: Golanhöhen
Clues: Teezeremonie, Apachenstamm, Neonatologie, Kiefernadel, Insolvenz

Golanhöhen, zirka fünf Kilometer nordöstlich von Ramat Magshimim. Das Land ist steinig und wirkt trotz der vielen struppigen Gebüsche karg und der vom Wind aufgewirbelte Staub glüht rötlich im Licht der untergehenden Sonne.

Aus der Ferne kann man einige Kuhglocken hören und Feivel steht einige Schritte vor dem hohen Militärgrenzzaun und zupft seine Uniform zurecht. Ahmad erscheint hinter dem Zaun und schreitet gleichmässig auf Feivel zu.

Ahmad: (Klopft mit einer Thermoskanne an den Gitterzaun.)

Feivel: (Aufgeschreckt.) Ahmad! Musst du mich denn so erschrecken?

Ahmad: Feivel, mein Guter, was bist du auch immer so schreckhaft? (Lächelt freundlich und schraubt den Deckel von seiner Thermoskanne.)

Feivel: Ach, du alter Übeltäter, wie lang ist’s schon her? Sag, wie geht es deiner Frau und den Kindern?

Ahmad: Viel zu lange, viel zu lange. Yalda und meinen Söhnen geht’s prächtig, danke der Nachfrage. Weil die Ärzte die Kleinen noch beobachten wollten, mussten sie nach der Geburt einige Tage auf der Neonatologie bleiben, aber das war nur übertriebene Vorsicht.

Feivel: (Greift durch den Zaun nach Ahmads Hand und schüttelt diese euphorisch.) Das ist ja fabelhaft! Ich kann dir ja gar nicht genug gratulieren.

Ahmad: (Etwas verlegen.) Ja, Yalda hat das wirklich toll gemacht, nicht wahr? Ich könnte jeden Morgen, wenn ich nach Hause komme und die beiden sehe, vor Glück platzen.

Feivel: Wie schön, wie schön das doch ist. Los, las uns feiern! (Legt seine Camouflage-Jacke ab, zieht zwei in Aluminiumhüllen verpackte Zigarren aus seiner Hosentasche und reicht Ahmad eine davon.)

Ahmad: Oh, was für ein edles Stück. (Begutachtet die Zigarre, riecht daran und lässt sie sich dann von Feivel entzünden.) Ich danke dir.

Feivel: Nichts ist zu gut für den jungen Vater.

Ahmad: (Inhaliert genüsslich drei tiefe Züge und wird ernst.) Nun sag aber, ist deine Jüngste schon zurück?

Feivel: (Bleibt einige Augenblicke stumm und starrt abwesend auf seine Hände.) Ja, ist sie, aber sie spricht noch immer nicht mit uns. Sie vermisst Ben.

Ahmad: (Giesst etwas Tee in die Schraubtasse der Thermoskanne und reicht ihn Feivel durch den Zaun hindurch.) Das tut mir leid. Sie ist wohl noch zu jung um es zu verstehen, aber ich bin sicher, es wird nicht lange dauern und sie wird dich wieder anlächeln.

Feivel: (Nimmt die Tasse entgegen.) Danke. Nun ja, im Grunde hat sie ja Recht. (Trinkt einen Schluck und schliesst dabei geniesserisch die Augen.) Yaldas Tee ist wie immer exzellent. Rieche ich da Kiefernadel? (Ahmad nickt.) Ein Mann wie du kann wirklich nur beneidet werden.

Ahmad: (Winkt das Kompliment ab und nimmt geräuschvoll einen weiteren Zug von der Zigarre.) Du bist doch auch bei der Grenzpolizei. Ich dachte dir würde es gefallen, dass dein Sohn in deine Fussstapfen tritt.

Feivel: Man sollte meinen, aber was für ein Vater wäre ich, wäre ich von der Idee begeistert, dass sich mein eigenes Kind in Gefahr begibt? Sein Leben ist mir wichtiger als das meine.

Ahmad: (Nickt.) Das kann ich gut nachvollziehen. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken und hoffe, dass meine Sprösslinge so klein und von der schrecklichen Welt so unberührt bleiben, wie sie jetzt sind. Wobei das nächtliche Schreien und Wechseln der Windeln nicht sein müssten. (Lacht, wird danach aber wieder ernst.) Wer weiss, Feivel, in Anbetracht der jüngsten Ereignisse wird Ben vielleicht doch noch einsichtig und geht wieder zurück an die Universität.

Feivel: Man kann nur hoffen und beten.

Ahmad: Und ich werde dich und deine Familie in meine Gebete einschliessen. Was kann schon schiefgehen, wenn beide, dein Gott und Allah, über euch wachen? (Klopft Feivel durch den Zaun aufmunternd auf die Schulter.)

Feivel: (Trinkt die Tasse leer und reicht sie Ahmad mit einem Grinsen.) Amen. Weisst du, du alter Übeltäter, unsere kleine Teezeremonie hat mir wirklich gefehlt. Es freut mich, dass du wieder hier stationiert wurdest.

Ahmad: (Knetet etwas nervös seine Finger.) Nun schmeichelst du mir aber wirklich zu sehr. Ich war ja nicht lange weg und überhaupt, es ist ja nicht so, als wäre ich dein einziger Trinkgenosse.

Feivel: Das nicht, aber der einzige, der diesen vermaledeiten Zaun von der anderen Seite her bewacht… Und wie ich schon sagte, Yaldas Tee ist vortrefflich. (Klopft sich auf den Bauch und lacht laut.)

Ahmad: (Wischt sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel und seufzt dann langezogen.) Ach, Feivel. Wäre es nicht wundervoll, wenn du und deine Familie uns besuchen könntet? Yalda würde deiner Sarah sicher das Rezept für ihren geheimnisvollen Tee verraten. (Zwinkert und schenkt Feivel eine weitere Tasse ein.)

Feivel: Das wäre einfach traumhaft, alter Übeltäter, einfach traumhaft. Aber ich befürchte, dass eher ein Apachenstamm in deinem Garten campiert, als dass wir euch so ungezwungen besuchen können.

Die beiden schweigen sich eine Weile betrübt an und sehen andächtig zu, wie die Sonne gemächlich hinter dem Horizont verschwindet und die staubige Landschaft der Golanhöhen in eine violett-blauen Atmosphäre taucht. Im Hintergrund sind noch immer die leisen Kuhglocken zu hören.

Ahmad: Feivel, du weisst doch, dass ich euch nur das Beste wünsche?

Feivel: (Verdutzt.) Natürlich, ich hätte nie daran gezweifelt.

Ahmad: Das Geschäft von Onkel ‚Amid läuft nicht mehr, er musste Insolvenz anmelden. (Nimmt einen letzten, tiefen Zug von seiner Zigarre und tritt diese dann behutsam aus.) Ich werde in der kommenden Woche in eine andere Einheit wechseln, du weisst schon, damit ich besser bezahlt werde. Schliesslich muss ich jetzt für eine Familie sorgen.

Feivel: (Blickt überrascht auf und tritt nachdenklich einen Schritt näher, so dass er Ahmad die leergetrunkene Tasse zurückgeben kann.) Oh, da kann man wohl nichts machen. (Feivel sieht Ahmad erwartungsvoll an.) Aber das macht doch nichts, wir können uns weiterhin hier treffen, oder?

Ahmad: (Bleibt einige Sekunden stumm und kickt einen Stein, der vor seinen Füssen liegt, weg.) Nun, das ist es nicht. Ich war gestern, nach meiner offiziellen Einweisung, zum ersten Mal bei einer Strategiesitzung und… Ach, Allah, hilf mir! (Mit einem verzweifelten Stöhnen legt Ahmad die Hände auf sein Gesicht, währendem Feivel ihn verwirrt beobachtet.) Wenn jemand herausfindet, dass ich dir das erzählt habe, könnte ich hingerichtet werden.

Feivel: (Hastig und aufgeregt.) Dann sage es mir nicht! Ich will nicht, dass du dich wegen mir in Bedrängnis bringst.

Ahmad: (Winkt den Einwand mit einer ausladenden Geste ab.) Nein, ich kann nicht einfach tatenlos zusehen! Du bist mein Freund, hast Frau und Kinder.

Feivel: Du doch auch. Ich bitte dich, das Leben hier ist schon gefährlich genug, dagegen können wir beide nichts unternehmen, aber wir können es wenigstens nicht noch schlimmer machen. Also hör auf mich und schweige. (Feivel klopft Ahmad durch den Zaun brüderlich auf die Schulter.)

Ahmad: Du bist eine gute Seele, Feivel, eine wirklich gute Seele und es wäre ein Verbrechen dich nicht zu warnen. Unser Militär wird…

Feivel: (Unterbricht Ahmad mit einem gutmütigen Lächeln.) Schon gut. Ich verstehe und da es dir ernst zu sein scheint, werde ich deine Besorgnis nicht hinterfragen. Ich werde so bald wie möglich mit Sarah und Dalia verreisen.

Ahmad: (Erstaunt.) Aber ich habe dir noch gar nichts erzählt.

Feivel: Ach Ahmad, wir kennen uns seit Jahren und auch wenn ich weder deinen Glauben, noch deine Vorliebe für Pfefferminzkaugummi teile, ich erkenne einen guten Menschen wenn ich ihn sehe. Ich vertraue dir, obwohl du ein alter Übeltäter bist. (Grinst Ahmad etwas angespannt, aber nicht minder freundschaftlich an.) Und nun vergessen wir all die Sorgen und geniessen die letzten Minuten, bevor du zum Abendgebet gehst, du bist ohnehin schon spät dran.

Im Dämmerlicht ist weit weg die Silhouette eines Hirten zu erkennen, der die weidenden Kühe eintreibt und das Grillenzirpen wird stetig lauter. Ahmad atmet erleichtert aus. Die beiden Männer teilen sich den Rest des Tees in stiller Freundschaft und reichen einander danach durch den Zaun die Hand.

Ahmad: (Sieht Feivel mit ernster Miene in die Augen.) Wir werden uns morgen noch einmal wiedersehen, ich weiss nicht, ob es danach noch ein weiteres Mal geben wird. Bitte versprich mir, dass du mich nicht suchen wirst und deine Familie in Sicherheit bringst.

Feivel: Das verspreche ich dir, alter Übeltäter, das verspreche ich dir.

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