Zuckerguss und Einstichstellen

Es ist mein erster Arbeitstag im neuen Job. Wie es sich für einen Neuling gehört, tänzle ich aufgeregt durch die Menschenmasse, atme tief ein und hoffe, nicht mein nettes Jackett zu verschwitzen. Gemietete Kleidung sollte man in einem einigermaßen passablen Zustand zurückgeben, denke ich mir und weiche einigen herausgeputzten Herren aus. Klar, es ist eine Hochzeit, aber ich komme mir sogar in der schicken Kleidung fehl am Platz vor und das aus gutem Grund. Noch gestern hatte ich versucht, den Boss davon abzubringen, mir diesen Auftrag zuzuschanzen. Leider erfolglos. Normalerweise habe ich kaum moralische Probleme mit den Dingen, die ich tue, an einer Hochzeit ist sowas allerdings fragwürdig. Nein, das ist zu viel für mich. Ein Lachen lenkt mich von meiner Suche nach dem Gesicht, das ich mir eingeprägt habe ab. Stattdessen beobachte ich wie der Bräutigam in Spe mit seinem Schwager alkoholfreien Champagner bechert. Richtiger Alkohol, das wäre es, ein paar Gläser Schampus helfen garantiert gegen die Nervosität.
Entschlossen stakse ich in die Küche, da ich nirgendwo in dem vermaledeiten Bankettsaal eine Flasche sehe; muss wohl eine nüchterne Gesellschaft sein. Ich betrete das Reich der gestressten Gastronomiehelden, die mich keines Blickes würdigen. Frei nach dem Motto „wenn ich da bin, wird das einen Grund haben“. Ich drängle mich durch das Gewusel, halte vor einer Torte und nasche am Zuckerguss. Professionell wie ich bin, lasse ich nach wenigen Bissen beschämt davon ab und husche zu einem Regal voller Champagnerflaschen.

Nachdem ich eine halbe Flasche gestürzt und in der Folge laut gerülpst habe, hebt sich meine Stimmung. Ehe jemand mich bemerkt, stelle ich die Flasche zurück zu den anderen und verschwinde unauffällig. Natürlich ist es toll, vom Schläger zum Profikiller befördert zu werden, immerhin braucht selbst die Mafia Profis nicht im Dutzend. Ich sollte mich also geehrt fühlen. Verdammte Scheiße, man bringt keinen auf einer Hochzeit um, Brauch hin oder her, sowas ist unangebracht! Feinde kann man in dunklen Gassen abstechen, vom Pier werfen oder mit ihrem Bentley zum Himmel sprengen. Ich hätte dem Don wesentlich mehr Anstand zugetraut, doch nein! Jetzt stehe ich, einen zweiten Rülpser unterdrückend, mit dem Messer in der Tasche zwischen fröhlich feiernden Menschen. Nun denn, man tut, was getan werden muss, ermahne ich mich und schlängle mich durch die heitere Gästemeute. Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der sich gerade herzhaft wenig amüsiert, trotz Beförderung; komische Welt. Konsterniert mein Schicksal akzeptierend, mache ich mich auf die Suche nach der Ratte.

Der Saal scheint aus allen Nähten zu platzen. Zum Glück nerven mich die feixenden Leute nicht, nur erschweren sie es mir blöderweise, mein Ziel zu finden. Einen Vorteil hat es dennoch: Ich falle niemandem auf. Ich wünsche mir, die Sache endlich hinter mir zu haben. Als ich Mafia-Profikiller wurde, habe ich mir das anders vorgestellt. Ich stoße mit einem älteren Gentleman zusammen, entschuldige mich und murmle anschließend einige Flüche vor mich hin, da entdecke ich ihn. Endlich! Direkt vor mir ist er, Frederique Da Capo, Sohn des fetten Dons, welcher meinem Don, dem dünnen Don, den Krieg erklärt hatte. Ich kann mein Glück kaum fassen, der Kerl schlendert tatsächlich in Richtung der Toiletten davon. Ich bleibe ihm auf den Fersen und ärgere mich, dass die beruhigende Wirkung des Schampus nachlässt. So vieles könnte schiefgehen und meinen ersten zum letzten Tag im neuen Job machen. Ich hätte gerne noch einen Schlecken vom Zuckerguss, um meine Laune zu heben. Da Capo darf mir keinesfalls durch die Lappen gehen, in der Masse fände ich den vermutlich nie wieder.
Er betritt das Klo, das wundersamerweise leer ist und ohne zu zögern ramme ich ihm die Klinge zwischen die Rippen.

„Ja, Boss?“, nehme ich den Anruf entgegen und bestätige sogleich: „Genau, Frederique ist erledigt, der liegt eingeschlossen in einer Toilettenkabine.“
Die Stimme blafft mich an: „Nicht Frederique, Francesco solltest du ausschalten, du unfähiger Idiot!“
Wie angewurzelt bleibe ich auf der Treppe zum Parkhaus stehen, reibe mir über die Augen und seufze: „Okay, Boss, ich korrigiere das gleich.“
„Gut“, brummte der Don hörbar fuchsig und legt auf.
Frustriert marschiere ich zurück ins Innere, um den zweiten Sohn des gegnerischen Clans zu meucheln. Geht das so weiter, bin ich noch in diesem Laden, wenn die Putzcrew auftaucht oder die Leichen entdeckt werden. Wenigstens habe ich das Messer nicht entsorgt, sonst hätte ich wohl oder übel mit einem Tortenheber Vorlieb nehmen müssen. Zuerst will ich aber etwas Zuckerguss naschen, man gönnt sich ja sonst nichts.

Vielleicht sollte ich einfach die ganze Familie abmurksen, dann erwische ich bestimmt den richtigen. Die Tür der Kabine klemmt, da Francescos Fuß noch herausragt und ich verfluche meine Existenz. Als ich mich bücke, um den Trottel hineinzuquetschen, schneide ich mir mit dem Messer, das ich in den Gürtel gesteckt hatte, die Seite meines Zeigefingers auf. Nun habe ich endgültig die Nase voll und mir wird klar, dass das Profikillerdasein von Hollywood geschönt gezeigt wird. In Wahrheit ist diese Branche nichts weiter als ein Knochenjob.

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: Zuckerguss und Einstichstellen
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