Die verflucht unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält unüblich viele Kraftausdrücke.
Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Jeder kennt diese ungepflegten Gestalten, die zu jeder Tages- und Nachtzeit an den vielbelebten Plätzen der Stadt stehen, arglose Passanten um Kleingeld anbetteln und mit lautstarken Flüchen nur so um sich werfen, wenn sie nicht erfolgreich waren. Nun, Jan war einer dieser Idioten, die nicht nur ihre Jugend, sondern ihr ganzes klägliches Leben verschwendeten und sich auch noch erdreisten zu glauben, dass sie die Sympathie und den Rückhalt der Gesellschaft verdient hätten. Er war nicht ein Gefallener und es war ihm in seinem Leben auch nie wirklich schlecht ergangen; er war […] Weiterlesen

Halloween-Special | Nur ein toter Zombie ist ein guter Zombie

Die Nachmittagssonne schien Samantha unerbittlich blendend mitten ins Gesicht, als sie aufwachte und ein genervtes Stöhnen von sich gab. Sie brauchte einige Auenblicke, bis sie wieder wusste wo sie war. Das Atelier, in dem sie wohnte, sah verwüstet aus. Überall war Fledermauskonfetti über den Boden verstreut und neben vielen leeren Alkoholflaschen fielen vor allem die Kürbisse auf, die so aussahen, als ob sich jemand auf sie gesetzt hatte. Sie konnte die stechenden Schmerzen in ihrem Rückgrat fühlen und begriff, dass sie auf dem Glastisch geschlafen hatte, dessen transparente Platte nun von tausenden kleinen Rissen durchzogen war und bereits leicht durchhing. Sie ruderte leicht panisch mit den Armen in der Luft, um das Gleichgewicht zu behalten, während sie von der Platte herunterkrabbelte, bevor diese endgültig durchbrach. Leicht […] Weiterlesen

Geschichten, Namen und Variablen

Hank Morgan war nicht sein richtiger Name, doch er war der Meinung, dass dieser Name gut zu ihm passte. Er hatte ihn sich an dem Tag gegeben, an dem er als junger Bursche im Gymnasium entschieden hatte, Novellist zu werden; Romanautoren schienen ihm zu der Zeit zu gewöhnlich zu sein. Doch seit drei Wochen hatte er ein weiteres Pseudonym angenommen, eines das ihn immer tiefer in Schwierigkeiten gebracht hatte und ihn letztendlich hierhin, auf ein verlassenes Fabrikgelände, geführt hatte.

Erschöpft zog er die Kapuze seines anthrazitgrauen Dufflecoats über seine mittlerweile melierten halblangen Haare und sah dadurch wesentlich jünger aus, als er es eigentlich […] Weiterlesen

Nebelwald

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Sein Körper wurde von den bebenden Atemstössen seines preisgekrönten Jagdpferdes rhythmisch auf und ab gewippt, als er das schweißnasse, dampfende Fell des muskulösen Tieres flattierte. Benedict knotete die Zügel fahrig am Ring des Aufstiegriemens fest, griff in die Brusttasche seines Designerhemds und zündete sich danach genüsslich einen Glimmstängel an. Die Sonne war bereits vor Stunden hinter den Baumwipfeln verschwunden und das Mondlicht, das durch trübe Nebelschwaden sickerte, verlieh dem Wald eine märchenhafte Stimmung, die beinahe über die unangenehme Kälte hinwegtäuschen mochte. […] Weiterlesen

Kulturerbe

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Staub und pulverisierter Mörtel rieselten bei jeder Erschütterung von der alten Decke, das Licht der blau getönten Glühbirne flackerte jedes Mal und der Emaille-Schirm der Lampe wankte leicht. Hannah seufzte, während sie sich an das alte und schon leicht schimmelig wirkende Bücherregal lehnte, das auf dem festgetretenen Erdboden stand. Es war nun die vierte Nacht in Folge, welche sie zusammen mit ihren Nachbarn in dem modrigen Keller verbringen musste. Sie waren zu viert: Nebst Hanna gab es noch den verwitweten Hauswart Rufus, der bereits um die siebzig war und heimlich BBC hörte – was eigentlich jeder wusste, da er wegen seiner Schwerhörigkeit das Radio so laut […] Weiterlesen

Erwach(s)en

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Sie hatte irgendwann mal gelesen, dass es einem in die Wiege gelegt wird, ob man ein Morgen- oder ein Nachtmensch ist. Als Marie sich vor wenigen Minuten in ihr neues Auto gesetzt hatte, war der Himmel noch in ein dunkles Blau gehüllt und nur wenige helle Flecken verrieten die Sonne, die hinter dem Horizont auf ihren allmorgendlichen Auftritt wartete. Als sie die schmalen Quartierwege verließ und auf die Hauptstraße abbog, kramte sie etwas ziellos in ihrem Handschuhfach, um nach einem Kaugummi zu greifen. Marie war kein Morgenmensch und doch liebte sie die frühen Morgenstunden, nahm sich jeden Tag Zeit dafür sie bis aufs Letze auszukosten. Ihre Routine war stets […] Weiterlesen

Innenleben

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Heute war wieder einer dieser regnerischen Tage, die selbst einen gut beleuchteten Raum in eine unheilvolle Atmosphäre tauchten und das leise Pochen der Regentropfen auf dem Flachdach der Gefängniskantine füllte meinen Geist mit Schwermut, so dass es mir bitter erschien, aufmerksam bleiben zu müssen. Ich ließ meinen trägen Blick durch die unzähligen Bankreihen schweifen und ließ zu, dass meine Gedanken abdrifteten, während ich mich gegen die kalte Wand, direkt neben der schweren Durchgangstür zum Westflügel, lehnte.
Dieses Gefängnis war in den letzten Jahren zu meinem Zuhause, meinem Biotop […] Weiterlesen

Flucht aus Paris

Seine strohblonden Haare klebten noch immer strähnig an seiner Stirn und sein graublaues Hemd war das letzte Mal vor drei Tagen gebügelt worden. Hätte er einen kurzen Augenblick inne gehalten, hätte er bemerkt wie angreifbar er sich in dieser trostlosen Halle gefühlt hatte, aber dazu fehlte ihm die Zeit. Also marschierte er mit ausladenden, stechenden Schritten vorbei an den mit bröckelndem Stuck verzierten Säulen, vorbei an den kleinen Kioskläden, die wie verloren gegangene Inseln in der Bahnhofshalle trieben und direkt zu den kleinen Schaltern, die sich mittig vor den alten Geleisen befanden. Vor ihm stand ein älterer Herr, dessen Nacken sich in einer dicken Wulst über den Schultern verlor und der gemütlich einen Glimmstängel rauchte, während er darauf wartete, dass die Dame im roten Sommerkleid vor ihm ihr Ticket […] Weiterlesen