Momentum der letzten Blumen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Wenn ich mich richtig erinnere, dann müsste ich die Anhöhe in weniger als zwanzig Minuten geschafft haben, jedoch ist es doch schon ein Weilchen her, seit ich diese Bergtour zum letzten Mal gemacht habe; vielleicht sollte ich mich also nicht zu früh auf die saftigen Alpwiesen freuen. Eigentlich hätte ich heute ja viel Wichtigeres zu erledigen gehabt, als durch die atemberaubende Berglandschaft meiner Wahlheimat zu wandern. Doch als ich heute in der Früh die Augen geöffnet hatte und durch das Schlafzimmerfenster im Dämmerungslicht die taufrischen Berge sah, konnte ich der Verlockung einfach nicht wiederstehen. Zum Glück war die Schlafmütze mit der ich […] Weiterlesen

Restrisiko

Neal war Feuerwehrmann mit Leib und Seele; bereits als kleines Kind hatte er davon geträumt, andere aus brennenden Gebäuden zu retten und dabei unbeirrt und mit einer überlegenen Coolness durch das Inferno zu schreiten. Nun hatte er es endlich geschafft, er war ein Lokalheld, der Lebensretter der Stadt, der in seiner relativ jungen Karriere bereits fast einem Dutzend Menschen das Leben gerettet hatte. Wie immer, wenn er seine Schutzkleidung trug und die Axt in den Händen hielt, fühlte er sich völlig entspannt, stolz und beinahe erhaben. Doch es hatte viel Arbeit und Risikobereitschaft benötigt, um dahin zu gelangen, wo er nun war.
Neal rannte durch den rauchgeschwängerten Gang auf die Schlafzimmertür zu, hinter der die junge Frau eingeschlossen war. Frauen in der Mitte ihrer Zwanziger rettete er […] Weiterlesen

Halloween-Special | Quid pro Quo

Der frisch gefallene Flaum aus Schnee und Eisregen knisterte bei jedem seiner raschen Schritte und die meisten Menschen, die sich am späten Abend zum Schaufensterbummel hatten hinreißen lassen, trugen, vom frühen Frost überrascht, zu dünne Mäntel. Lukas nahm noch immer den Umweg um zu seiner Wohnung in der Gerechtigkeitsgasse zu gelangen, obwohl der Vorfall nun schon einige Monate zurücklag und er sich nicht einmal mehr sicher war, ob er sich das Ganze vielleicht nicht doch bloß eingebildet hatte; selbst die Polizei hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie seine Besorgnis, seine Ex-Freundin würde ihn beschatten, lächerlich fanden. Als er bei der Pavillon-Skulptur, welche die Pelikanstraße von der Bahnhofstraße trennte, vorbeikam rückte er den Schultergurt seiner Aktentasche etwas zurecht, zog seinen […] Weiterlesen

Halloween-Special | Nur ein toter Zombie ist ein guter Zombie

Die Nachmittagssonne schien Samantha unerbittlich blendend mitten ins Gesicht, als sie aufwachte und ein genervtes Stöhnen von sich gab. Sie brauchte einige Auenblicke, bis sie wieder wusste wo sie war. Das Atelier, in dem sie wohnte, sah verwüstet aus. Überall war Fledermauskonfetti über den Boden verstreut und neben vielen leeren Alkoholflaschen fielen vor allem die Kürbisse auf, die so aussahen, als ob sich jemand auf sie gesetzt hatte. Sie konnte die stechenden Schmerzen in ihrem Rückgrat fühlen und begriff, dass sie auf dem Glastisch geschlafen hatte, dessen transparente Platte nun von tausenden kleinen Rissen durchzogen war und bereits leicht durchhing. Sie ruderte leicht panisch mit den Armen in der Luft, um das Gleichgewicht zu behalten, während sie von der Platte herunterkrabbelte, bevor diese endgültig durchbrach. Leicht […] Weiterlesen

Der Kloster-Job

Erfüllt von Wonne blickte Manfred zur Schwarzen Madonna hoch und seufzte zufrieden. Ein weiterer langer und strenger Tag ging dem Ende zu, während sich der Himmel über dem Kloster von Einsiedeln dunkel färbte. Der in eine Mönchskutte gekleidete Mann in mittleren Jahren verließ die Kapelle und schritt ruhig und zufrieden in die Richtung seiner bescheidenen Schlafgemächer, in denen der einzige Gegenstand aus seinem früheren Leben eine Kuckucksuhr war, die er von seinem Großvater geerbt hatte. Mit einem schwachen Lächeln erinnerte er sich daran, wie viel Überzeugungsarbeit es damals gebraucht hatte, den Abt dazu zu bewegen, ihm die monströse Uhr im Zimmer zu gewähren. Ja, Manfred mochte das Mönchsleben – besonders, weil der strikte Lebensstil für Ausgeglichenheit und inneren Frieden sorgte. […] Weiterlesen

Innenleben

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Heute war wieder einer dieser regnerischen Tage, die selbst einen gut beleuchteten Raum in eine unheilvolle Atmosphäre tauchten und das leise Pochen der Regentropfen auf dem Flachdach der Gefängniskantine füllte meinen Geist mit Schwermut, so dass es mir bitter erschien, aufmerksam bleiben zu müssen. Ich ließ meinen trägen Blick durch die unzähligen Bankreihen schweifen und ließ zu, dass meine Gedanken abdrifteten, während ich mich gegen die kalte Wand, direkt neben der schweren Durchgangstür zum Westflügel, lehnte.
Dieses Gefängnis war in den letzten Jahren zu meinem Zuhause, meinem Biotop […] Weiterlesen

Postapokalyptischer Läufer

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Das Geräusch, das seine etwas in die Jahre gekommenen Laufschuhe bei jedem seiner Schritte machten, wurde vom Rascheln der Büsche hinter den weißen Lattenzäunen beinahe ganz verschluckt. Er rannte schon seit einiger Zeit und seine Beine waren müde, sein Gesichtsausdruck erschöpft geworden, doch er konnte es sich nicht erlauben, langsamer zu werden und so trieb er seinen Körper stetig vorwärts. Wenn alles gut laufen würde, würde er die kleine Arztpraxis in einigen Minuten erreichen können, aber Daniel vermied es davon auszugehen und bemühte sich sehr, trotz seiner erschlagenden Müdigkeit wachsam zu bleiben. […] Weiterlesen

Das letzte Gefecht

Sven schlug die Tür zu der verlassenen Berghütte zu und lehnte sich keuchend an den Rahmen. Der Geruch nach altem Bergkäse lag in der abgestandenen heißen Luft, unangenehm und beißend. Das späte Nachmittagslicht fiel durch die zwei Fenster, sodass in der staubigen Luft einzelne Sonnenstrahlen erkennbar waren. Mittlerweile waren wieder die Grillen zu hören, die bei Svens Ankunft verstummt waren. Gehetzt blickte er sich um; endlich war er alleine und fürs Erste sicher. Noch immer schwer atmend schob er den modrigen Holzriegel vor und lehnte sein Gewehr neben der Tür an die getäfelte Wand. Dann warf er die rot verfärbten Einweghandschuhe, die er in der linken Hand gehalten hatte, auf den Boden – immerhin hatte er so den Gegnern keine allzu offensichtliche Spur hinterlassen. Dann blickte er sich in dem Raum um, der ein […] Weiterlesen

Flucht aus Paris

Seine strohblonden Haare klebten noch immer strähnig an seiner Stirn und sein graublaues Hemd war das letzte Mal vor drei Tagen gebügelt worden. Hätte er einen kurzen Augenblick inne gehalten, hätte er bemerkt wie angreifbar er sich in dieser trostlosen Halle gefühlt hatte, aber dazu fehlte ihm die Zeit. Also marschierte er mit ausladenden, stechenden Schritten vorbei an den mit bröckelndem Stuck verzierten Säulen, vorbei an den kleinen Kioskläden, die wie verloren gegangene Inseln in der Bahnhofshalle trieben und direkt zu den kleinen Schaltern, die sich mittig vor den alten Geleisen befanden. Vor ihm stand ein älterer Herr, dessen Nacken sich in einer dicken Wulst über den Schultern verlor und der gemütlich einen Glimmstängel rauchte, während er darauf wartete, dass die Dame im roten Sommerkleid vor ihm ihr Ticket […] Weiterlesen