Wilbur: Der Hase, der von allem wusste

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Der Held dieser Geschichte ist ein ganz besonderer Hase namens Wilbur. Natürlich wusste Wilbur nicht, dass er ein Hase ist und hätte er es gewusst, dann wäre es ihm wohl überflüssig erschienen, sich als Hase zu identifizieren, denn seit jenem schicksalshaften Tag im heimischen Hasenbau hatte Wilbur weitaus wichtigere Dinge in seinem außergewöhnlichen Hasenhirn. Doch als Wilbur noch ein kleines, nacktes Häschen war, hatte niemand in der ganzen Wiesenlandschaft ahnen können, was für ein stolzer Rammler aus ihm werden würde; nein, man hätte wohl eher das Gegenteil vermutet, wenn man dem jungen Wilbur in die schwarzen Knopfaugen geblickt hatte. Er […] Weiterlesen

Weißes Rauschen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Die etwas heruntergekommene Küche in dem alten Häuschen, in welchem Mark wohnte, war kaum beleuchtet, als er in der Nacht hineintrat, um sich etwas aus dem Kühlschrank zu kramen. Einzig ein schmaler Streifen aus orangem Licht der Straßenlaterne fiel durch das schmutzige Fenster in den Raum, gerade genug um die Konturen der Anrichte und der Theke sichtbar zu machen, doch nicht annähernd genug, um die altmodische grüne Farbe erkennen zu lassen, in welcher alle Schränke gestrichen waren. Barfuß ging Mark über die wegen der schlechten Heizung kühlen Kunststofffliesen, deren Musterung entfernt an Stein erinnerte – nichts in diesem Raum, […] Weiterlesen

Die verflucht unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält unüblich viele Kraftausdrücke.
Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Jeder kennt diese ungepflegten Gestalten, die zu jeder Tages- und Nachtzeit an den vielbelebten Plätzen der Stadt stehen, arglose Passanten um Kleingeld anbetteln und mit lautstarken Flüchen nur so um sich werfen, wenn sie nicht erfolgreich waren. Nun, Jan war einer dieser Idioten, die nicht nur ihre Jugend, sondern ihr ganzes klägliches Leben verschwendeten und sich auch noch erdreisten zu glauben, dass sie die Sympathie und den Rückhalt der Gesellschaft verdient hätten. Er war nicht ein Gefallener und es war ihm in seinem Leben auch nie wirklich schlecht ergangen; er war […] Weiterlesen

Das kleine ABC

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Ernest sah sich in dem weiß gestrichenen Raum um, der schon für viele Jahre sein Labor gewesen war. Nun war die Anlage, die tief unter der Erde lag und hermetisch abgedichtet werden konnte, um eine Verfälschung der Resultate anzuschließen, umfunktioniert worden. Die Tische und Geräte waren an die Wände geschoben worden, wo sie am wenigsten im Weg standen und Ernest hätte sowieso nicht mehr forschen können, weil die Stromversorgung zusammengebrochen war und bloß noch das Notstromsystem funktionierte, das von den Solarpanels gespeist wurde. Immerhin reichte das noch für etwas Licht, den Fernseher und die Küche, dachte er leicht […] Weiterlesen

4.6 Milliarden Jahre

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„Lieber Freund
Ich bin heute neben dir aufgewacht als es draußen noch dunkel war, lange bevor du vom lauten Schellen des Weckers aus dem Schlaf gerissen wurdest. Ich habe dem Wind gelauscht und die Reflektion der Straßenlaterne auf der frostweißen Wiese hat mich in Gedanken weggetragen und in dem Moment habe ich realisiert, dass es meine Zeit ist, zu gehen. Doch bevor ich verschwinde, möchte ich dir etwas hinterlassen, etwas, das mir jeden Tag ein Lächeln schenkt. […] Weiterlesen

Heimweg

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Lynn lehnte am Geländer der langen Rolltreppe und blickte den schrägen Tunnel entlang, den sie eben hinunterfuhr. Es war etwas später am Abend, als der grösste Ansturm auf das chronisch überfüllte Londoner U-Bahn-System bereits vorüber war. Lynn schloss für einen Augenblick die Augen und steckte ihre Hände in die tiefen Taschen ihres Mantels. Sie konnte den warmen Luftzug fühlen, der über ihre Wangen strich, den Mantel flattern ließ und ihr kurzes Haar nach hinten blies, als ein Zug in die Station einfuhr; eine angenehme Abwechslung zur bitteren Kälte draußen in der Stadt. Mit einem müden Seufzen öffnete sie ihre Augen wieder und konnte erkennen, dass die […] Weiterlesen

Road Trip

Es war Samstagabend und eine deprimierende Woche ging langsam zu Ende. Karl war gerade mal acht Jahre alt, dennoch begriff er die Tragweite der jüngsten Geschehnisse, zweifelte jedoch langsam daran, dass sein Vater das ebenfalls tat. Dieser saß nämlich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck auf dem einzigen Holzstuhl vor dem kleinen Beistelltischchen, welches bereits so abgenutzt war, dass sich die oberste Kunstholzschicht in eine klebrige Maße verwandelt hatte, und begutachtete die Reiseprospekte, die er in der schändlich vernachlässigten Lobby des Motels aufgesammelt hatte. Karl wischte einige Male misstrauisch mit seinen Wollhandschuhen über das fleckige Ausziehbett und seufzte leise, bevor er sich darauf ausstreckte und seine Schuhe auf den beinahe haarlosen Teppichboden fallen ließ. […] Weiterlesen

Jane Doe

Das Postamt war ein niedriger und alter Backsteinbau, der seine besten Tage schon längst hinter sich hatte. Die Fugen schienen zu bröckeln, wahrscheinlich waren sie vom nach brackigem Wasser riechenden Meerwind über Jahrzehnte hinweg angegriffen worden, und die Fassade war mit grauschwarzem Dreck bedeckt. Niemand wusste, warum das kleine Dorf in Südengland, dessen Namen ich hier nicht nennen will, überhaupt noch ein Postamt hatte – zur nächsten Stadt wären es mit dem Auto bloß zwanzig Minuten gewesen. Ach ja, das Dorf: Vielleicht vierzig Häuser, alle aus den typischen roten Ziegeln gebaut und altersschwach, eine nur leicht befahrene Hauptstraße und die größte Attraktion ein Leuchtturm an der nahen Küste, dessen einsamer Strahl jede Nacht verirrten Fischerbooten in dem dichten Nebel den Weg […] Weiterlesen

Momentum der letzten Blumen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Wenn ich mich richtig erinnere, dann müsste ich die Anhöhe in weniger als zwanzig Minuten geschafft haben, jedoch ist es doch schon ein Weilchen her, seit ich diese Bergtour zum letzten Mal gemacht habe; vielleicht sollte ich mich also nicht zu früh auf die saftigen Alpwiesen freuen. Eigentlich hätte ich heute ja viel Wichtigeres zu erledigen gehabt, als durch die atemberaubende Berglandschaft meiner Wahlheimat zu wandern. Doch als ich heute in der Früh die Augen geöffnet hatte und durch das Schlafzimmerfenster im Dämmerungslicht die taufrischen Berge sah, konnte ich der Verlockung einfach nicht wiederstehen. Zum Glück war die Schlafmütze mit der ich […] Weiterlesen

Restrisiko

Neal war Feuerwehrmann mit Leib und Seele; bereits als kleines Kind hatte er davon geträumt, andere aus brennenden Gebäuden zu retten und dabei unbeirrt und mit einer überlegenen Coolness durch das Inferno zu schreiten. Nun hatte er es endlich geschafft, er war ein Lokalheld, der Lebensretter der Stadt, der in seiner relativ jungen Karriere bereits fast einem Dutzend Menschen das Leben gerettet hatte. Wie immer, wenn er seine Schutzkleidung trug und die Axt in den Händen hielt, fühlte er sich völlig entspannt, stolz und beinahe erhaben. Doch es hatte viel Arbeit und Risikobereitschaft benötigt, um dahin zu gelangen, wo er nun war.
Neal rannte durch den rauchgeschwängerten Gang auf die Schlafzimmertür zu, hinter der die junge Frau eingeschlossen war. Frauen in der Mitte ihrer Zwanziger rettete er […] Weiterlesen