Der Mann mit dem Bratschenkasten

Auf dem Rasen vor dem Universitätsgebäude saßen einige junge Leute, vermutlich vertrieben sie sich die Zeit bis zur nächsten Vorlesung beim gemütlichen Plausch mit Kommilitonen. Einige wenige nahmen sogar die Mühe auf sich, wenigstens den Anschein erwecken zu wollen, als würden sie gewissenhaft lernen und hatten zumindest ein oder zwei Bücher neben sich auf das trockene Gras gelegt. Vor einigen Wochen noch hätte sich Theo von der typischen Szenerie auf der Großen Schanze zu nostalgischen Schwelgereien […] Weiterlesen

Ruhestandsgärtnerei

Das Handy klingelte, Alex brummte erschöpft und legte die Gabel beiseite. Seine Mutter hatte seit jeher die Angewohnheit, ihn zu stören, wenn er vor dem Abendessen saß. Gestern Abend war sie von ihrer Kreuzfahrt mit Tante Olga heimgekommen, hatte also bestimmt viel zu erzählen. In Erwartung eines mehrstündigen Gesprächs, zögerte er einige Sekunden, ehe er sich erhob und zur Kommode mit der Ladestation ging.
„Hey, Mum. Wie war die Reis…“
„Alex, komm schnell! Pa ist vollends übergeschnappt“, zischte sie […] Weiterlesen

Wenn die Sonne erlischt

Zum ersten Mal seit vielen Monaten war es still. Keine Maschinen, die Sauerstoff in sie pumpten, keine Geräte, die Flüssigkeiten austauschten und kein leises Piepsen, das ihren fast Herzschlag bezeugte. Es war still. Unfassbar still. Seine Arme hingen schlaff herunter, das Handy entglitt ihm und landete lautlos auf dem Teppich. An Weihnachten vor siebenundzwanzig Jahren war sie zu ihm gekommen, ihre Mutter hatte sie auf der Schwelle seines Apartments überreicht und gemeint: „Ich kann das nicht. Sie gehört dir.“ Man hatte ihm […] Weiterlesen

Der Notizblock

Ihre nackten Füße streifen über den Teppich, das weiche Gewebe ist angenehm, wie eine Massage für ihre Zehen, die seit sechs Uhr in der Früh in High Heels steckten. Dimmes Licht scheint aus dem Badezimmer und sie lauscht dem Summen des Lüfters. Von einem Gähnen übermannt, bleibt sie auf der Schwelle zum Schlafzimmer stehen und lässt ihren Kopf kreisen, bis sie ein wohliges Knacken vernimmt.
„Du bist schon im Bett?“ Sie lächelt den auf dem Kissen zusammengerollten Kater an, der sie wie üblich ignoriert. „Katze müsste […] Weiterlesen

Jarvis braucht vier Dinge

„Mister Peterson, schon wieder hier?“ Hank Lewis‘ Wärteruniform verlieh seiner ohnehin stattlichen Erscheinung noch mehr Autorität. Ebenso zackig, wie er durch den Flur marschierte, hielt er abrupt vor Adrien an, klopfte diesem grinsend auf die Schulter und erkundigte sich: „Na, welchen haben Sie denn heute? Den Harris-Jungen?“
„Nein. Jarvis Williams, häusliche Gewalt“, gab der Rechtsanwalt zurück und folgte Hank zum an den Hof grenzenden Besuchertrakt. […] Weiterlesen

Hector bekommt immer seine Antwort

Die Tür ging auf und damit verstummte das hektische Stimmengewirr. Hector atmete auf, genoss die Sekunde der Ruhe, ehe die Gesellschaft aus Berichterstattern, Filmteams und Schaulustigen in lautes Gebrüll ausbrach. Die Lobby des Parlamentsgebäudes versank im Chaos, alle stürmten zu Senatorin Redondo, welche sich, soweit es ihr möglich war, hinter ihren Bodyguards versteckte. Der offene Brief ihres Schwiegersohns hatte sie über Nacht zur Zielscheibe für die Presse gemacht. […] Weiterlesen

Fan-Bonus | Der sprichwörtliche Judas

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Marja

Die Keksschachtel ist seit einigen Tagen offen, dementsprechend trocken und krümelig ist das Mandelgebäck. Flavia gönnt sich jeweils zwei pro Mittagspause, eine Weile hat sie es mit einem probiert, aber so viel Verzicht mundet ihr nicht, es reicht, erstmal das Abendessen ausfallen zu lassen.
„Hi“, sagt sie zu Sanja und Margret, die wie üblich früher in die Pause gegangen sind, um auf der Rampe beim Lieferanteneingang eine zu rauchen. Sie gucken von ihren Smartphones hoch, wo sie vermutlich gerade die neusten Instagrambilder der jeweils anderen studierten, starren Flavia […] Weiterlesen

Madame Mimi Moffats Märchen

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

2011

„Es liegt mir fern, unhöflich zu sein“, beginne ich ohne den Treuhänder anzusehen. Vor einigen Tagen hatte er mich in sein Büro geladen, wo heute Morgen alle Formalitäten besprochen und notwendigen Unterschriften gesetzt wurden. „Doch ich wäre lieber alleine. Die Nachricht verdauen, Sie verstehen?“
„Gewiss“, gibt der ältere Herr nickend zurück und verweilt einige Sekunden scheinbar ratlos inmitten des muffigen Wohnzimmers, ehe er mir auf die […] Weiterlesen

Special zur sechshundertersten Story | Sechshundert Leben

Und auf einmal kehrt Ruhe ein. Die Hektik fällt unter dem Druck einer schweren Gewissheit in sich zusammen, wir treten zurück und ich mache offiziell, was uns allen klar ist: „Zeitpunkt des Todes: Zwei Uhr dreiundfünfzig.“ Meine rechte Hand, Schwester Thea, nickt mir aufmunternd zu. Ich erwidere die Geste, sie ist Routine geworden. „Bereiten Sie ihn vor. Ich spreche mit der Familie.“
Mein Besteck landet in der Nierenschale, der Schurz im dafür vorgesehenen Abfalleimer beim Durchgang zum Waschraum. Das Waschen ist zum Ritual geworden, einem, das ich liebgewonnen habe. Durchatmen, meine Reflektion im Spiegel anstarren, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Dieser Moment, unmittelbar nachdem ein Menschenleben unter meinen Fingern sein Ende gefunden hat, ist mir heilig. Doch er dauert keine drei Minuten, […] Weiterlesen