Im stillen Kämmerchen

Ralf lehnte mit seinem schmalen Rücken und angezogenen Beinen an den nach Großmutters Mottenkugeln duftenden Mantel, der schon seit Jahren nicht mehr getragen wurde. Angespannt starrte der Junge auf den einzelnen, warmen Lichtstrahl einer Glühbirne, der durch den schmalen Spalt fiel, da wo die Tür nicht ganz abdichtete. Normalerweise gefiel es ihm, sich in dem Kämmerchen zu verstecken, sei es, weil er spät aufblieb, um zu lesen oder weil Mami und Papi sich mal wieder stritten. Ralf mochte es nicht, wenn seine Eltern sich zankten. Wenigstens hatte er schnell begriffen, dass sie sich stets versöhnten und ihm Mami danach sogar ein Eis brachte, wenn das Geld reichte.
Diesmal war alles anders, denn der Mann unten im Wohnzimmer war ein Fremder. Seine sonore Bassstimme wechselte sich mit der von Papa ab, klang bestimmt, Ungemach […] Weiterlesen

Weihnachts-Special | Die dunklen Machenschaften des Mr. Spekulatius

„Guten Tag, Mr. Spekulatius, was darf es denn heute sein?“ Und da stand sie wieder, so wie am Tag zuvor und am Tag davor und vermutlich wird sie auch noch morgen und übermorgen und in zwanzig Jahren hier stehen. Versteht mich nicht falsch, ich mochte die Frau, deren Namen ich schon tausendmal gehört habe und mir doch nicht merken kann, weil er mir in etwa so wichtig ist, wie die Lage im Libanon, im Prinzip wirklich sehr gerne. Oder besser gesagt, ich mochte es, sie wie die vielen anderen Konstanten in meinem Leben als allmorgendlichen Orientierungspunkt zu benutzen. Aber, und dieses eine „aber“ kann ich nicht genug betonen, die gute Dame war dermaßen unterbelichtet, dass man meinen könnte, irgendein verrückter Professor aus einem drittklassigen Horrorroman für sterbensunglückliche, egomanische Teenager hätte an ihr eine Lobotomie durchgeführt. […] Weiterlesen

Mathematik und die Liebe

„Wieso ist eigentlich niemand hier?“, fragte Phil nach einer Weile, ohne sich zu ihr umzudrehen. Valencia zögerte einen Augenblick, ehe sie mit unsicherer Stimme knapp erklärte, dass der Garten bereits seit einigen Jahren für die Öffentlichkeit geschlossen war. Schließlich räusperte sie sich sichtlich beschämt und fügte an: „Mein Vater sagt, die Besucher hätten zu viele Probleme verursacht.“
„Oh“, war Phils einzige Antwort darauf, danach schwiegen sie wieder.
Er hatte sie vor nur drei Monaten kennengelernt, als er mit einem seiner alten Kumpels um die Häuser gezogen war. Sie war ihm sofort aufgefallen, jedoch nicht wegen ihren kurzen blauen Haaren oder dem zerrissenen AC/DC-Shirt, welches den Großteil ihres Outfits ausgemacht hatte. Es war die Art gewesen, wie sie sich auf der Tanzfläche bewegt hatte, […] Weiterlesen

Vergiss das nie

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Ich fasse es einfach nicht“, begann Darren mit dem fassungslosen Gesichtsausdruck eines Jungen, der gerade herausgefunden hatte, dass seine Freundin mit jemand anderen auf den Abschlussball gehen würde. „All die Jahre waren wir reich und ich habe nicht mal eine verfluchte Playstation bekommen?“ Caleb und ich sahen unseren Bruder nur etwas verwirrt an und zuckten simultan zusammen, als April ihm heftig gegens Schienbein kickte.
Dawn saß am unteren Tischende und erinnerte mich mit ihren glasig verheulten, grünen Augen an ein irisches Wiegenlied. Als sie meinen Blick bemerkte, blieb ihr ein Schluchzer […] Weiterlesen