Nein. Ja. Unbedingt!

Nein.

Eintrag Nr. 1 – 29. Mai
Liebes Tagebuch,
findest du es nicht auch albern, wenn Leute ihre Tagebucheinträge mit den Worten „Liebes Tagebuch“ beginnen? Ganz generell scheint es mir durch und durch albern, überhaupt ein Tagebuch zu führen. Natürlich kann es ganz hilfreich sein, wenn man seine aktuelle Situation rekapitulieren oder analysieren möchte. Vielleicht ist es auch ganz nützlich, um Ziele festzuhalten, wiederholt darüber zu schreiben, sodass man sie nicht aus den Augen verliert. Das Problem ist nur … Ich bin mir meiner Situation vollumfänglich bewusst und […] Weiterlesen

Todesstrahlen: Ursache und Lösung aller Probleme

Eines Tages werde ich hier im Freibad beim See abkratzen und meine angesengte Leiche wird als abschreckendes Beispiel dafür herangezogen werden, wieso die Sonne ein tödlicher Feind sein kann. Doch vorerst sitze ich noch im Schatten der dichten Ahornbäume, an einen knorrigen Stamm gelehnt und beobachtete die Kinder beim Spielen mit demselben Interesse, das ein durchschnittlicher Akademiker für das Nachmittagsprogramm von Privatfernsehstationen aufbringt. Immerhin steckte heute bisher niemand sein Kind mitsamt Windel in den See, das ist schon ein großer Fortschritt zum letzten Mal. Doch wo bin ich gewesen? Ich lenke mich immer selbst von meinen eigenen Gedankengängen ab. Ach genau, Todeszone Freibad: Mein ewiges Leid ist, dass ich nicht wirklich für die Sonne gemacht bin. Ich habe zwar keine richtige Allergie, aber mir […] Weiterlesen

Das Geheimnis der Hundesitterin

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der zweiten Clue Writing Challenge.

„Das wird sicher lustig!“, hat sie gesagt. „Er ist ein ganz lieber“, hat sie erklärt, „und macht auch kaum Arbeit“, hat sie gemeint. So eine gequirlte Scheiße habe ich ja noch nie gehört, echt jetzt! Und ich bin auch noch so blöd und lasse mich von ihrem treudoofen Blick einlullen, als hätte sie mich vor dem Abendessen um Süßigkeiten angebettelt. Aber wer hätte denn schon ahnen können, dass der sanfte Riese in Wahrheit ein alles verschlingendes, sabberndes, Ukulele-zerstörendes Monster ist? Ich bestimmt nicht, schließlich habe ich Pinky nie all seiner Pracht erlebt, sondern lediglich als braver Begleiter beim Kaffeetreff und da hat er immer unter dem Tisch gepennt. Wenn wir schon […] Weiterlesen

Frau Müller

Frau Müller hatte schon immer ein wenig in ihrer eigenen Welt gelebt. Nicht etwa weil sie außergewöhnlich wäre – ganz im Gegenteil. Man kannte die konservativ gekleidete Mittfünfzigerin als eine Frau, die fast jedem Stereotyp ihrer Generation entsprach. Sie arbeitete als Bibliothekarin, stricke und trank grünen Tee. Der geneigte Beobachter hätte mit etwas Wagemut vielleicht behaupten können, sie würde mit ihrer Verweigerungshaltung gegenüber dem populäreren Earl Grey Tea rebellieren. Aber die Mutter zweier erwachsener Kinder und Ehefrau eines Buchhalters hätte diese dreiste Anschuldigung mit ihrem steten Lächeln abgetan, denn ihre wahre Rebellion hatte wesentlich größere Ausmaße. Sie wusste jedoch auch, dass niemand davon erfahren durfte. […] Weiterlesen

Das Kind mit der Plüschaxt

„Rebecca, bitte!“, flehte Cordelia ihre Vierjährige an, während sie sanft am Ärmel des hellgelben Regenmantels zerrte. Das Kind hatte sich in den letzten Wochen so sehr verändert, das sie es kaum wiedererkannte – aus dem einst so braven Mädchen war ein Biest geworden, das an Sturheit bloß von einem Maultier überboten werden konnte.
„Rebecca!“, versuchte sie es erneut. Ohne Erfolg, das Mädchen bewegte sich keinen Millimeter von ihrem Platz auf der Reling weg und streckte ihr sogar die Zunge heraus. Laut seufzend ließ sie ihre Finger über den beschichteten Stoff des Mantels herabgleiten und blieb eine kurze Weile mit hängendem Kopf vor ihrer Tochter stehen, ehe sie sich neben sie setzte. Cordelia war nicht naiv, ihr war klar gewesen, dass ihr liebes Kind irgendwann damit beginnen würde, sich gegen ihre mütterliche Fürsorge zu sträuben. […] Weiterlesen

Disziplin, Bitch!

„Ah!“, stöhnte Angela langgezogen und grinste erst einmal ausgiebig, ehe sie den pinken Leuchtstift aus ihrem Etui fischte. Wieso sie nicht früher auf die fantastische Idee gekommen war, den Heizungsraum für sich zu beanspruchen, war ihr ein Rätsel, denn alles hier war einfach absolut und vollkommen perfekt: Es war angenehm warm, man hatte genügend Platz um eine Sammlung von Fachbüchern, Notizheften und Zetteln auf dem Boden auszubreiten und vor allem war weit und breit keiner ihrer Mitbewohner zu sehen.
Den Drang ignorierend, willkürlich auf Videos zu klicken, die tollpatschige Hundebabys versprachen, scrollte Angela durch ihre Favoriten-Playliste und wählte dann einen leisen Pianosong. Das Stück war gerade monoton genug, dass es sie nicht zum Hin- und […] Weiterlesen

Am schlimmsten ist die Stille

Als ich heute Morgen meinen Wagen aus der Auffahrt lenkte, fiel mir ein, dass ich etwas vergessen hatte. Also habe ich wieder zurückgesetzt, den Schlüssel stecken lassen und bin durch die Küchentür gehastet, um das Geld für Jamies Exkursion auf den Tresen zu legen. Ich erinnere mich daran, dass ich am Vortag so wütend auf sie gewesen war, weil sie wieder einmal meinen Lieblingspulli ohne meine Erlaubnis genommen hatte. Doch das kommt mir jetzt nur noch wie ein schlechter Witz vor.

Mein Tag hatte so angefangen wie die meisten anderen und ich hätte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass er auch so enden würde. Ich war um viertel vor fünf aufgestanden, war laufen gegangen, mich danach geduscht, meine Bluse in den Bleistiftrock gesteckt […] Weiterlesen

Vergiss das nie

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Ich fasse es einfach nicht“, begann Darren mit dem fassungslosen Gesichtsausdruck eines Jungen, der gerade herausgefunden hatte, dass seine Freundin mit jemand anderen auf den Abschlussball gehen würde. „All die Jahre waren wir reich und ich habe nicht mal eine verfluchte Playstation bekommen?“ Caleb und ich sahen unseren Bruder nur etwas verwirrt an und zuckten simultan zusammen, als April ihm heftig gegens Schienbein kickte.
Dawn saß am unteren Tischende und erinnerte mich mit ihren glasig verheulten, grünen Augen an ein irisches Wiegenlied. Als sie meinen Blick bemerkte, blieb ihr ein Schluchzer […] Weiterlesen

Von Tiefflügen und Klammerbemerkungen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Ja, da stehe ich nun. Vor dem Spiegel in der öffentlichen Toilette lausche ich dem Kotzgeräusch meiner Teenager-Tochter, in die ich Jahre mühsamer Arbeit investiert habe und zu der mir nur noch ein einziges Wort einfällt: Versagerin. Nein, das darf ich nicht sagen, gar nicht erst denken, geht es mir wie jedes Mal durch den Kopf, denn am Ende muss man seine Kinder bedingungslos lieben, zumindest behaupten das immer alle. Doch auch wenn ihr Versagen zum Teil auch mein Fehler sein mag (auch das sagen alle, aber ich konnte trotz großer Mühe bisher noch keinen Beweis dafür finden), irgendwann ist das Maß voll. Wütend reibe ich mir Handcreme auf meine […] Weiterlesen