Nicht lustig!

„Du findest das lustig?“, flüsterte Maddie empört, zog mich von den Trauergästen weg und verschränkte dann ihre Arme vor der Brust. Ich wusste, dass es nur eine richtige Antwort auf ihre Frage gab, die Unwahrheit, also schüttelte ich schuldbewusst den Kopf.
„Wieso sagst du denn so etwas Fürchterliches?“ Die feinen Linien auf ihrer Stirn glätteten sich langsam und ich wartete so lange ab, bis sie ganz verschwunden waren, bevor ich antwortete. „Ich hab es nicht so gemeint, entschuldige bitte.“
Uns beiden musste klar sein, dass ich nicht ehrlich war, das war ich nie, wenn um solche Dinge ging. Und so wie immer akzeptierten wir diese Tatsache schweigend, nahmen es einfach hin, dass ich immer lügen würde und sie ewig die Stimme meines Anstandes würde sein müssen. […] Weiterlesen

Die Neugier des Misanthropen

Ein wenig Mut reichte nicht aus, selbst eine ganze Handvoll brachte ihn nur zum flüchtigen Versuch, jedoch nicht über die Türschwelle. Um die Wohnung nach Jahren endlich zu verlassen, eine Antwort auf die quälendste aller Fragen zu finden, brauchte er Hilfe und er fand sie zwischen den Seiten seiner treusten Begleiter. So saß er, Nacht für Nacht, in seinem Sessel und las von Wagemut, sammelte die Tapferkeit aus dem Erfahrungsschatz all derjenigen, die vor ihm zu Helden geworden sind. Doch je länger er dort verweilte, desto klarer wurde ihm, dass es nicht der Mut war, der ihn aus seiner selbstgewählten Misere würde führen können, nein, nur die größte aller Tugenden würde ihn dazu befähigen, sich seiner Angst zu entledigen. Das Potential zur Größe, davon war er mittlerweile überzeugt, wohnte in steter Neugier. […] Weiterlesen

Alles wird gut

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Ich liege auf dem mit Unrat übersäten und schmutzigen Teppichboden und habe das Gefühl, dass sich Raum und Zeit in die Ewigkeit ausdehnen. Ich weiß nicht mehr, welcher Tag es ist und es spielte auch keine Rolle mehr. Das Linux-Handbuch, aus naheliegenden Gründen eines der wenigen Dinge in meinem Blickfeld, liegt aufgeschlagen da, während der Wind, welcher durch zerbrochenen Fenster weht, manchmal eine Seite umblättert. Immer dieselbe Seite, hin und zurück, eine der wenigen willkommenen Abwechslungen in meiner, den Umständen entsprechend eingeschränkten, Wahrnehmung. Das Wasser in der Sprühflasche, die wegen der nunmehr vertrockneten Zimmerpflanzen in einer Ecke […] Weiterlesen

Vergiss das nie

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Ich fasse es einfach nicht“, begann Darren mit dem fassungslosen Gesichtsausdruck eines Jungen, der gerade herausgefunden hatte, dass seine Freundin mit jemand anderen auf den Abschlussball gehen würde. „All die Jahre waren wir reich und ich habe nicht mal eine verfluchte Playstation bekommen?“ Caleb und ich sahen unseren Bruder nur etwas verwirrt an und zuckten simultan zusammen, als April ihm heftig gegens Schienbein kickte.
Dawn saß am unteren Tischende und erinnerte mich mit ihren glasig verheulten, grünen Augen an ein irisches Wiegenlied. Als sie meinen Blick bemerkte, blieb ihr ein Schluchzer […] Weiterlesen

Durststrecke

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Er hatte ihren Körper behutsam in den hinteren und kühleren Teil der Höhle getragen, sie sorgfältig in die farbige Hülle des Heißluftballons gewickelt und mit einem Stück Seil eingeschnürt, bevor er die wenigen Habseligkeiten, die ihm beim Überleben in dieser ihm unbekannten Wildnis helfen würden, sicher in seinem Rucksack verstaute. Ein letztes Mal wandte er sich nach ihr um und schob den knisternden Stoff soweit zur Seite, dass er sie zum Abschied auf die Stirn küssen konnte. „Es tut mir leid, Marlena“, flüsterte er matt und verließ die felsige Festung, die ihnen seit dem Schlangenbiss Unterschlupf geboten hatte. […] Weiterlesen

Oster-Special | Hasi futsch!

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Rund um den Osterhasen wuselten seine Mitarbeiter mit Champagnergläsern herum, als er sich in dem großen Ballsaal umsah. Überall standen sie und tauschen Belanglosigkeiten aus, die in ihrer Nutzlosigkeit kaum zu übertreffen waren. Der Weihnachtsmann, welcher gleich im Büro den Gang hinunter arbeitete, hatte sich mal wieder überessen uns saß nun müde auf einem der Sessel am Rand des Saals. Wie jeder Hase war auch der Osterhase sehr einfach gestrickt – er wollte vor allem seine Karotten haben und dann wäre alles im grünen Bereich. Das hatte er zumindest lange Zeit gedacht. Doch seit einigen Monaten hatte er eine Sinnkrise, die mit jeder Woche […] Weiterlesen