Schiffbruch für Anfänger

„Ich erinnere mich noch genau an das Post-It, das zuhause an meinem Bildschirm klebt“, lachte Klaus sarkastisch. „Poseidon-DVD ausleihen für Filmabend mit Anna.“
„Ja, jetzt hast du eine bessere Geschichte, die du ihr erzählen kannst“, entgegnete Brigitte und starrte für einige Zeit auf das weite Meer hinaus, nichts als Wellen unter einem strahlendblauen Himmel. Über ihrem zerrissenen Abendkleid trug sie die Jacke, welche Klaus ihr gegeben hatte, um ihre Arme gegen die unerbittliche Sonne zu schützen – sein Hemd war langärmlig. Schließlich erkundigte sie sich abwesend: „Wer ist diese Anna eigentlich?“
„Du weißt schon, Anna eben“, murmelte Klaus und schien eine Weile zu brauchen, bis er in seinem an ein Delirium grenzenden Zustand begriff: „Ach, Anna, genau.“ Für eine […] Weiterlesen

Fahrt ins Blaue

„Meinst du wirklich, dass es klappen wird?“, fragte Sandra unruhig und warf einen Blick aus dem kleinen Seitenfensterchen des gepanzerten Kastenwagens, der früher der Stadtpolizei gehört hatte. Die mit Graffiti versprühten Hausfassaden der Badenerstrasse zogen draußen vorbei, eingeschlagene Schaufenster und ausgebrannte Autowracks dominierten die triste Szenerie. Niemand fuhr gerne durch die Badenerstrasse, doch das war schon so gewesen, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Damals.
Daniel, der gerade sein altes Sturmgewehr lud, blickte von seiner Tätigkeit auf und antwortete: „Es muss klappen. Ich bleibe doch nicht hier in der Stadt, wenn die Welt vor die Hunde geht, nur um nach ein paar Jahren beim erstbesten Problem aufzugeben.“
„Und wenn’s dich erwischt, kannst du mir wenigstens dein Gewehr vererben“, entgegnete […] Weiterlesen

Das gute Leben

Irgendjemand hatte mir mal gesagt, dass das gute Leben, das wir führen, nur dazu diene, uns vom Schmerz abzulenken. Ich bin mir nie sicher gewesen, ob das stimmte, doch heute war ich mir sicher. Mit gesenktem Haupt trat ich in die Suppenküche für Obdachlose und zwang mich dann, mich umzusehen. Ja, dachte ich mir, als ich all die gescheiterten Existenzen beobachtete, es stimmte wohl tatsächlich. Jetzt wäre ich wirklich froh gewesen, wäre Dr. Who aufgetaucht und hätte mich in seiner Tardis irgendwo und irgendwann hin mitgenommen, doch natürlich würde er nicht kommen.
Ich hatte Angst, irgendwie war für mich das Überschreiten der Schwelle zur Suppenküche ein offizielles Eingeständnis meines Abstiegs. Ich mochte vielleicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten leben, doch was viele vergaßen war, dass das Spektrum […] Weiterlesen

Freinacht und Selbsterkundung

Fortsetzung und Schluss zu: „Nachmittagstee und Menschenjäger“.

„Meinst du, sie sind hier?“, erkundigte sich Addison so leise sie konnte. Connor wandte sich vom Fenster ab, durch das er den Straßenzug überblicken konnte und erwiderte: „Ich kann sie jedenfalls nicht sehen. Ich denke, wir haben sie abgehängt und sind hier drinnen sicher.“
In dem Schlafzimmer im ersten Geschoß eines alten Backsteinhauses, in dem die beiden Kameraden nach der Schießerei im Teehaus Zuflucht gefunden hatten, schienen sie tatsächlich ziemlich sicher zu sein; sie konnten sich nicht vorstellen, dass ihre Verfolger all die Häuser hier im Quartier durchsuchen würden. Addison vermutete, dass sie wohl den […] Weiterlesen

Durststrecke

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Er hatte ihren Körper behutsam in den hinteren und kühleren Teil der Höhle getragen, sie sorgfältig in die farbige Hülle des Heißluftballons gewickelt und mit einem Stück Seil eingeschnürt, bevor er die wenigen Habseligkeiten, die ihm beim Überleben in dieser ihm unbekannten Wildnis helfen würden, sicher in seinem Rucksack verstaute. Ein letztes Mal wandte er sich nach ihr um und schob den knisternden Stoff soweit zur Seite, dass er sie zum Abschied auf die Stirn küssen konnte. „Es tut mir leid, Marlena“, flüsterte er matt und verließ die felsige Festung, die ihnen seit dem Schlangenbiss Unterschlupf geboten hatte. […] Weiterlesen

Letzte Tage

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Mary rennt und kann fühlen wie der Schweiß auf ihrer Stirn perlt und ihr in die Augen rinnt. Sie weiß nicht, wie lange sie sich hier noch verstecken kann. Es ist dunkel, sehr dunkel und sie findet sich nur deshalb zurecht, weil sie den Ort wie ihre Westentasche kennt. Trotzdem, es gibt nicht so viele Kammern hier und ihr Atem ist laut, ihre Schritte hallen unangenehm wider, es ist bloß eine Frage der Zeit, bis sie gefunden werden wird und sie ist sich sicher, dass dies keine Miesmacherei ist, nein, ihre Lage ist wirklich so übel. „Hier hätte ich doch sicher sein sollen“, dachte sie sich in dem Moment, als sie ein Schemen aus dem Nichts heraus anspringt und sie fühlen kann, wie ihr warmes Blut […] Weiterlesen