Anthropologie des Verlustes

Der Vorlesungssaal ist im Vergleich zu den ersten Studienwochen wirkt reichlich ausgestorben. Einige Studenten sitzen in kleinen Grüppchen beisammen, andere kramen in alle Himmelsrichtungen verstreut in ihren Taschen, tippen auf ihren Telefonen oder warten geduldig auf den Dozenten. Dort, auf der rechten Seite der hintersten Bankreihe, bei der einzigen funktionierenden Steckdose, hat Jessica platzgenommen. Ihre Haare sind unüblich zerzaust, der Lidstrich fehlt und ihr beerenfarbener Lippenstift unterstreicht die finstere Miene. Sie hat vor drei Tagen erfahren, dass ihre Oma schwer erkrankt ist, bereut heute zum ersten Mal, sich entgegen Omas Rat für Anthropologie statt Medizin entschieden zu haben. Diese Überlegung ist eine zugegebenermaßen unsinnige, dafür willkommene Abwechslung. Selbst wenn sie ihre bisherige Studienzeit mit […] Weiterlesen

Gaststory | 60 Minuten sind 1 Jahr

„Stellen Sie sich ein düsteres Kellerabteil irgendwo in einem x-beliebigen Plattenbau in Leipzig vor. Sehen Sie die Holztür, die schief in den Angeln hängt? Den grauen Betonboden und die Spinnweben vor den winzigen Fenstern? Riechen Sie den Moder der Wände und den Gestank, der aus den verrosteten Konservenbüchsen entweicht? Fühlen Sie das Holz unter Ihren Händen, als Sie über die brüchigen Regalböden streichen? Merken Sie, wie der Staub von Jahrzehnten an Ihren Fingern haftet?“ […] Weiterlesen

Special zum zweijährigen Jubiläum | Falsch verbunden

[17:27:37] Nina hat ihre Kontaktinformationen mit dir geteilt.

[17:28:33] Nina: Hey
[17:28:56] Natascha: Hallo :) Du hast mich gerade geaddet, oder?
[17:29:25] Nina: Ja
[17:29:32] Nina: Wir haben einen gemeinsamen Bekannten, Mike
[17:30:21] Natascha: Klar, meinste den aus Berlin oder den aus Köln? ;)
[17:30:39] Nina: Berlin. Hat er dir gesagt, dass ich mich bei dir melden werde? […] Weiterlesen

Bizarro-Blau

Hastig und reichlich ungeschickt strich ich meine Haare glatt, als ich ihn durch die zerkratzte Scheibe auf dem Bahnsteig entdeckte. Er trug eine khakifarbene Jacke, Jeans und seinen Rucksack, den er heute besonders schwungvoll über seine Schulter warf, während er auf das Trittbrett sprang. Grinsend winkte er mir zu, doch ich tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen und blickte erst auf, nachdem er sich vor mir auf die Bank hatte fallen lassen. „Sei jetzt bloß nicht wieder so seltsam!“, schalt ich mich gedanklich aus reiner Gewohnheit, bevor ich ihn freundlich begrüßte und unbeholfen anlächelte.
So wie eigentlich jeden Mittwoch hatte ich mich schon den ganzen Tag über darauf gefreut, ihm im Zug zu begegnen. Der gemeinsame Heimweg mit ihm war seit beinahe drei Jahren das Highlight meiner Woche, etwas, das mir irgendwann sogar so viel […] Weiterlesen