Clue Writing Interview: Jennifer Hilgert

InterviewsWerte Clue Reader,

Da kommt er, ganz still und blau
ums Eck geschlichen, scheu und schlau
ein neuer Tipp von uns an euch und
von ihr an uns, ein ganz besond’rer Fund

Es stimmt, bisher war die holde Lyrik des Clue Writers Stiefkind, doch nun darf sie mit Jennifer Hilgert rot, grün, gelb und allerlei über unseren CW-Tipp blühen. Den Namen „Dichter“ wörtlich nehmend, veröffentlichte die Wahlkalifornierin Jennifer Hilgert im letzten Jahr zwei Gedichtbände im Eigenverlag. Den Erstling „Dichtverkehr – Von kleinen und von großen Gedanken“, dessen Sprach- und Emotionsdichte wir uns einverleiben durften, und dann, ganz dicht darauf, „VollVerdichtet – 66 Kurze“.
Auf ihrem Blog „Schriftverkehr“, kann man der studierten Pädagogin und Germanistin auf den virtuellen Schreibtisch schmulen und nicht bloss aktuelle Projekte, sondern auch hier und da Gedankenströme mitverfolgen.
Neben Publikationen in Eigenregie schreibt Jennifer Hilgert für Wettbewerbe und Anthologien – besonders erwähnenswert ist hier die Kurgeschichtensammlung „Und Wünsche gehen doch in Erfüllung“, die einem tollen Zweck gewidmet wurde.
Und auch für den, der nicht in Zeilen blättern will, findet sie mit ihrem Youtube Kanal „Lyrik für die Ohren“, einen Weg zum Gedicht.

Vitafoto

Jennifer Hilgerts Werke finden nicht bloss in den hartgesottenen, dichterischen Welten der Literaturliebhaber ein Zuhause, sondern lassen sich zuweilen auch auf Parkbänken bestaunen, aber mehr dazu später.

Hallo Jennifer,
man sagt, es wäre kaum möglich, einem Dichter Fragen zu stellen, ohne dass dieser nach deren zugrundeliegenden Poesie fahndet. Für unseren üblich leichten Einstieg haben wir uns deshalb etwas besonders Unverdichtetes ausgedacht: Was hat man unter Kalifornischer Sonne im Mund, Kaugummi oder Bonbon?

Ein freundliches Wort.

Paarreime, Kreuzreime, Haufenreime, Schweifreime, Kettenreime, Kehrreime, ja, selbst umrahmende, körnige und verwaiste Reime gibt es. Erklär uns Lyrik-Laien wie wichtig denn das Reimen für das Dichten überhaupt ist. Und wenn wir schon dabei sind, wie viel Rhythmik braucht die moderne Lyrik, darf sie womöglich ganz taktlos bleiben?

Entschuldige, dass ich ausgerechnet bei dieser zweiten Frage schon klug scheißen muss, aber Du meinst sicher den umarmenden Reim, eine Reimfolge, die beispielsweise dann entsteht, wenn ein Reimpaar von einem anderen umschlungen wird.

Für mich gehört // der Reim dazu // Entscheide du // Empört?

Andererseits ist der Reim an sich keineswegs essentiell für ein Gedicht. Das macht moderne Lyrik ja inzwischen aus. Sie darf ganz frei- ohne poetische Normen auskommen.
Moderne Lyrik bedeutet auch, um nur einige Beispiele zu nennen, dass der Rhythmus wichtiger ist als das Metrum. Zeilenumbrüche dürfen nach Wunsch vorgenommen werden, ohne auf grammatikalische oder orthografische Gesetze zu achten und generell kann eine anarchistische Haltung gegenüber Formalitäten eingenommen werden.

Dabei dürfen die klassischen Formen und das freie, revolutionäre Dichten ganz selbstverständlich nebeneinander existieren.

Gut so, denn das macht Lyrik meiner Meinung nach so sexy und vielschichtig.

Dezent eingesetzt und vermutlich genau deshalb auffallend, spielst du in deinen Werken mit dem Schriftbild. Lässt das Hin und Her der Zeilen mehr Raum, um dazwischen zu lesen oder gehört das zur lyrischen Dekoration?

Spielen macht Spaß. Und dekorieren ebenso. Beides in meinen Werken ausleben zu dürfen ist ein riesiger Gewinn. Jeder Künstler malt mit anderen Farben, benutzt unterschiedliche Materialien und Formen. Ich male mit Worten und gebe jedem meiner Werke durch das Schriftbild eine eigene Erscheinung. Auf diese Art und Weise kleide ich jedes meiner Gedichte in ein eigenes Gewand.
Es sind meine Werke. Also darf ich sie anziehen (und ausziehen), wie ich es möchte. Manche laufen mit geöffneter Hose und andere geben sich eben hoch geschlossen.

Es ist aber nicht nur lyrische Dekoration. Zwischen den Zeilen lesen, macht immer Sinn.

Wie ist es eigentlich mit den Worten selbst? Du bedienst dich in deinen Texten nicht nur der gehobenen und Standardsprache, sondern lässt dich auch mal zum „brechen“ verleiten, vergnügst dich mit Wortspielen und dem Unsinn, der aus kontextlosen Worten entstehen kann.
Ist das ein Mittel zur Authentizität oder deine Liebeserklärung an die Sprache?

Beides! Wenn die Sprache eine Kuscheldecke wäre, würde ich jede Nacht mit ihr schlafen.
Außerdem stecke ich da irgendwie mit drin. Mein lockeres Mundwerk. Mein Dialekt. Meine Bewunderung für Sprache. Das steckt eben an. Überträgt sich. Auf und in meine Schriftsprache.

Ich meine, ich bin nicht das Gedicht, aber ganz sicher bin ich der Moment, »in dem ich wach genug war, ihn in Worte zu fassen.« Dieses wunderschöne Zitat ist wiederum nicht von mir, sondern von Nathalie Goldberg.

Sprache ist mal schwierig, mal zuckersüß, mal locker flockig salopp, mal ernst, mal undurchsichtig und mal sinnfrei. So wie ich es eben auch sein kann.

Du sagst, das Schreiben sei für dich mehr Handwerk als Sport. Gilt auch in diesem filigran-grobschlächtigen Metier die alte Weisheit „Übung macht den Meister“? Inwiefern hat dein Germanistik-Studium deinen Umgang mit den Worten geprägt?

Ich denke, dass mein Germanistik Studium mich nur noch näher an die deutsche Sprache heran gerückt, als das Es mich entfernt hat. Obgleich ich dieses wahnsinnig langweilige und zugleich unheimlich interessante Studium nie abgeschlossen habe.

Ich will es nicht bewerten. Kann nicht sagen, dass ich nun besser oder schlechter geworden bin, denn sicherlich verdichtet sich der Umgang mit Sprache jedes Mal, wenn man mit ihr zu tun hat. Da muss man nicht Studierter sein. Auch Gedichte muss man nicht immer verstehen. Diesem Anspruch braucht man gar nicht gerecht werden. Es reicht schon, wenn man sich getraut sie zu lesen.
Jennifer_Hilgert_mit Dichtverkehr
Sicherlich aber sind Dinge, die man täglich tut, immer ein unbewusstes Training. Ob man nun ein Buch liest, eines schreibt oder Texte korrigiert. Jeder Augenblick, in dem man mit Worten zu tun hat, fördert und fordert. Genauso ist es mit dem Schreiben. Man kann es trainieren, ähnlich einer Sportart. Aber ihre Verfeinerung ist Handwerk.

Gedichte erzählen Geschichten, manchmal direkt, oft über Umwege. Das lässt natürlich sehr viel Platz für Interpretation, Analyse und, wer denn Böses will, auch Mutmassungen darüber, was der Autor über sich erzählen will.
Aller Aufgeschlossenheit zum Trotz, wurdest du schon mal mit einer Interpretation konfrontiert, die dich so richtig genervt hat?

JA! Aber sicher. Und das nervt wirklich. Gerade jetzt, nach der Veröffentlichung meines neuen Werkes »VollVerdichtet – 66 Kurze« wurde ich auf etwaige Schluckspecht- schwierigkeiten angesprochen.

»Frau Hilgert, ich mache mir Sorgen. Hand auf’s Herz: Trinken Sie?«
Um Himmels Willen…ja. Wenn es sein muss sogar drei Gläser Wein.

In den kurzen und den weniger kurzen Texten, die du über deine Werke und Seiten verteilst, findet man wiederholt das Ich, das sich von den anderen abgrenzen, anderssein möchte, dennoch auf Nähe hofft. Woher kommt dieser innere Widerspruch und wie können diese beiden Wünsche nebeneinander funktionieren?

Wie können die nebeneinander funktionieren? Nun, wie können die verschiedenen Religionen nebeneinander funktionieren? Indem sie es tun.

So ist es mit dem lyrischen Ich – meinem lyrischen Ich: Es baut auf Nähe, braucht sie. Verlangt sie. Fordert sie ein. Unbesehen.
Doch viel zu oft stößt es an die inneren Grenzen. Mein lyrisches Ich ist manches Mal von Selbstzweifeln zerfressen, liebt das Leben wiederum auf eine solch banale und einfache Weise, dass es ein leichtes ist nebeneinander zu existieren. Woher das kommt? Die Frage kann jeder für sich selbst beantworten, weil jeder es kennt. Es hat ja jeder diese unterschiedlichen Seiten in sich. Mal weniger und mal stärker ausgeprägt.

Die Suche nach dem ganz persönlichen Platz in dieser Welt, irgendwo zwischen kindlich-unschuldiger Freiheit und dem Versuch in den Alltags- und Gesellschaft-Zwängen einen Weg für sich zu finden, sickert in deinen Texten einige Male durch. Genauso wie die Zuversicht, dass man eben doch ganz zufrieden gleichzeitig dem Herzen und Verstand folgen kann.
Sind deine Gedichte auch ein Instrument, diese Gedanken zu sortieren, Dinge in Perspektive zu betrachten und Herangehensweisen zu finden?

Natürlich. Auch wenn ich mich von meinem lyrischen Ich zu distanzieren versuche, wie ein Schauspieler von seinen Rollen, so ist es tatsächlich (m)ein Instrument einen Platz zu finden.

Interessant ist auch die Hoffnung, die in deinen Gedichten auf jedes Übel folgt. Hilft dir das Schreiben dabei, dich auf diesen Optimismus zu besinnen oder schöpfst und gestaltest du ihn mit deinen Worten immer wieder aufs Neue?

Das ist unterschiedlich.
Einerseits trage ich aktiv dazu bei, meinem lyrischen Ich immer wieder aufs Neue Zuversicht zu geben.

Andererseits geschieht es manchmal wie von selbst, ohne dass ich darüber nachdenke. Oder gar nicht, weil ich selbst ein Kämpfer für die positive Sichtweise der Dinge bin. So unterschiedlich die Augenblicke des Lebens, so unterschiedlich auch das ex- oder implizite lyrische Ich.

Wenn man deine Zeilen liest, wird man an eine kleine und doch so wichtige Sache erinnert, die man manchmal nur zu gerne vergisst: Alles ist irgendwann, irgendwie vergänglich. Muss man gerade die Liebe manchmal sich selbst zuliebe loslassen können?

Die Frage ist sehr philosophisch.
Man muss alles einmal loslassen. Das ist der Lauf des Seins. Ich denke, dass auch Liebe dazu gehört. Aber: Vorüber ist nur das, was im Herzen keinen Platz mehr findet.

Wer schreibt, der trägt seine Narben nach aussen und lässt derweil auch zu, dass sie von anderen mitgefühlt, belächelt, verstanden und missverstanden werden. Ein Gedicht kann in dem Sinne Klartext, aber auch Versteck sein. Hilft dir das dabei, Dinge anzusprechen, die du ohne lyrisches Obdach nicht mit anderen teilen könntest?

Ich denke schon. Versteck und Klartext, Geheichnis und Offenbarung empfinde ich als wesentliche Faktoren im Gedicht.
Jeder Mensch empfindet. Und ein Gedicht ist Empfindung. Nicht jeder möchte aber mittels der lyrischen Sprachkunst seine Empfindsamkeit ausdrücken. Ich schon. Du hast es also schön getroffen, wenn du es als mein (lyrisches) Obdach beschreibst.

Ein nächster komponiert ein Lied, malt ein Bild oder schreibt Tagebuch. Man kann auf vielerlei Arten kreativ sein, den Dingen eine Zuflucht geben, um sie auszusprechen, zu verarbeiten oder mit vielen zu teilen.
Kreativität kann man in jeden Lebensbereich einfließen lassen. Sie hat viele Gesichter. Der Begriff ist nicht nur der Kunst vorbehalten.

Viele deiner Texte, so zeitlos sie auch sind, tragen eine Jahreszahl und obwohl die meisten aus dem Zeitraum 2012 bis 2014 stammen, sind doch einige vorher entstanden.
Sind deine Gedichte auch ein Spiegel deiner persönlichen Entwicklung oder dienen sie zur Erinnerung, dass du ähnliche Situationen bereits erfolgreich hast meistern können?

Nun, auch wenn ich immer betone, dass ich nicht das Gedicht bin, so zeigt es – so zeigen sie – meine Gedichte in ihrer gesamten Fülle natürlich schon gewisse Phasen meiner Entwicklung.

Das Leben setzt sich fort, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde und so spiegelt es sich während des Schreibens. Ich habe nichts anderes mitzuteilen als mich selbst und das was ich beobachte oder gesehen habe in den Jahren. Das Verfassen eines Gedichts ereignet sich in einem bestimmten Moment und setzt sich in sich fort. Genau wie meine Worte, die ich nicht bin, aber sicherlich mal war.

Selbst wenn ich in diesem Moment ein Gedicht auf facebook hochlade, so bedeutet das nicht, dass ich mich gerade in dieser oder jener Situation befinde. Nach einer Sekunde, in der das Gedicht im sozialen Netzwerk hochgeladen ist, so sehr ist es im nächsten Augenblick schon wieder Vergangenheit.
Es bleibt jedoch zeitlos, weil sich irgendjemand darin wiederfinden wird, in dem Moment, in dem er es liest. Das hoffe ich zumindest.

Der Wind, der mal sanft, mal orkanartig über deine Worte fegt, ist nur eines der vielen Sinnbilder, die man häufiger antrifft und man bekommt den Eindruck, dass die Natur und die Wege, die durch sie führen, für dich eine Uhr und ein Zeitportal in die Vergangenheit und Zukunft ist.
Woher kommt deine Verbundenheit zur Natur und inwiefern findet sie sich in deinem Alltag wieder?

Ganz platt: Dorfkind. Mit allem drum und dran. Milch vom Milchbauern, Dreck unter den Fingernägeln nach einem Tag auf dem Matschberg und Butterblumen pflücken für Mama in der Abenddämmerung, bevor die Kirchturmglocke mich an den Abendbrottisch trieb.

Die Natur ist meine Muse. Sie ist gütig. Ist immer für mich da. Verlangt nichts und gibt doch alles. Fängt mich auf, wenn ich mal strauchele. Nichts ist ehrlicher, direkter, unmittelbarer als die Kraft der Natur. Ich bin ein Teil von ihr. Nicht mehr und nicht weniger.

Egal wo wir sind und was wir tun. Wenn wir aufmerksam sind, begegnen wir ihr immer und überall.

Dazwischen ist immer wieder Zeit für Schabernack, Beobachtungen, Freunde und Getränke. Verarbeitest du deine Gedanken und Beobachtungen meist sofort oder fallen sie dir beim Schreiben wieder ein?

Mal so und mal so. Aber ohne ein kleines Notizbüchlein gehe ich nicht aus dem Haus.
Gerade Sprüche oder Situationsreime wollen spontan festgehalten werden. Gedankenblitze brauchen da einfach eine Papier- und Kulistütze.
Als gelernte Erzieherin ist mir das Beobachten und Dokumentieren ohnehin in die pädagogische Wiege gelegt worden.

Du nimmst in einigen deiner Gedichte eine kritische Haltung gegenüber dem Konsumverhalten und dem allgemeinen Stellenwert materieller und finanzieller Güter ein. Der Tonfall bleibt aber eher leicht und augenzwinkernd, anstelle davon, zu belehren.
Ist der soziale Status, den viele mit den grünen Scheinen erreichen wollen, gerade für Menschen, die sich im kreativen Bereich wohlfühlen, lästig oder sogar belastend?

Wie viel Zeit jeder einzelne seiner Neigung oder Kunst widmen kann, hängt sicherlich davon ab, was die Realität einem abverlangt. Grundsätzlich wünsche ich jedem, tun zu können was ihm entspricht und wofür sein Herz schlägt.
Letztlich: Ohne Knaster – diesem Laster – läuft auch in der Kunst nichts. Nur von Lob und Kritik allein werde ich nicht satt.

Am 1. Oktober 2014 konnten sich Parkbesucher in Karlsruhe über ein Geschenk von dir freuen. „Einfach so“ wolltest du Fremden mit deinem Gedichtband eine Freude machen und damit ein persönliches Statement gegen die heutige Skepsis gegenüber Grosszügigkeit machen.
Aber mal Hand aufs Herz, wie sehr spielte der Promotionsgedanke eine Rolle, als du dich mit den „Dichtverkehren“ aufs Fahrrad gesetzt hast?

Ertappt! Natürlich spielte der auch eine Rolle. Ich bin Selfpublisher und suche Aufmerksamkeit. Ohne sie würde ich nur für mich, Freunde oder Familie schreiben.

Tatsächlich hatte ich vor meinem Umzug nach Amerika noch Dichtverkehre aus meiner Großbestellung übrig. Da kam mir die Idee sie kostenlos zu verteilen.

Schon die erste Runde auf meinem Rad war grandios. Das anonyme Beobachten vertiefter Parkbesucher auf Holzbänken zur Herbstzeit während der zweiten Runde – unbezahlbar!

Nun zu etwas andrem und doch verwandten: Wie bist du auf die Idee gekommen, deine Gedichte zu vertonen und welche Vorteile hat das gesprochene zum geschriebenen Wort? Bietet das Video-Format sogar noch mehr?

Die Idee Poesie oder Lyrik hörbar zu machen ist ja nicht neu. Mir kam sie nach meinem Ausflug in den Poetry Slam….wie gesagt. Ausflug. Der Poetry Slam hat seine Daseinsberechtigung, denn (Slam)-Lyrik geht anders ins Ohr, wenn man sie hört oder darstellt.

Lesung im Deutschen LiteraturfernsehenIch stehe noch am Anfang dieser Möglichkeiten. Es gibt diesbezüglich noch sehr viel zu lernen. Das Nutzen der modernen Medien stellt mich noch vor einige Herausforderungen.
Die Vorteile sehe ich ganz klar darin, Lyrik zeitgemäß präsentieren zu können. Die moderne Welt bewegt sich im Netz. Als hätte es Paul Celan schon geahnt: Das Gedicht braucht ein Gegenüber, dem es sich zuspricht.
Du siehst also – mit der Idee des Video Formats stellst du mich bereits vor eine neue Herausforderung. Danke dafür…

Du schreibst und liest auch im Auftrag von Kunden und hast nicht nur Gedichte zum Gedenken und Hochzeiten, sondern auch für ein Kinderballett vertont und verfasst.
Gibt es Verwendungszwecke, für die du niemals einen Text von dir beisteuern würdest?

Ja. Den gibt es sicher. Wenn dieser Zweck kommt, dann lasse ich dich davon wissen. Auf meinem virtuellen Schreibtisch…

Halt Moment: ich wurde mal nach einem persönlichen Liebesgedicht gefragt. Das habe ich abgelehnt. Worte des Herzens, für einen Liebsten, oder eine Liebste…die muss man selbst finden.

Auf deinem Blog, pardon, deinem imaginären Schreibtisch willst du eine Verbindung zwischen dir und der Welt schaffen. Dort sagst du auch, dass du schreibst um gelesen zu werden und nicht nur für die Schreibtischschublade.
Wie viele unveröffentlichte Gedichte und Geschichten finden sich eigentlich in der sagenumwobenen Schublade?

Interessiert euch tatsächlich eine Zahl? Ich bin ein Strukturist. Ich habe unzählige Ordner und Unterordner auf meiner Festplatte und drei verschiedene Ablagekörbe, mit unterschiedlichen Klebezetteln drauf, die verschiedene Kategorien und Inhalte abdecken. Wenn ich die alle zählen müsste, würde ich mir jetzt gerne erst mal einen Kaffee kochen…

Und da ist sie auch schon, die Frage zum Schlusspunkt: Was würdest du den Lesern sagen wollen, die so gar nichts mit Lyrik anfangen können? Weshalb sollten sie der verdichtet-gereimten Sprache eine Chance geben?

Hierzu antworte ich mit einem gereimten Vierzeiler (Ein Wort wäre für mich als Dichterin nicht zu ertragen):

Alles im Leben
hat eine (neue)
Chance verdient?!
Eben.

Wir von Clue Writing möchten uns herzlich bei Jennifer Hilgert bedanken, gewiss nicht nur, weil sie sich Zeit für dieses Interview genommen hat, sondern insbesondere deshalb, weil sie es gewagt hat, ihr Werk von zwei Lyrik-Banausen beschnuppern zu lassen.
Jennifer Hilgerts Erstlingswerk zeigt als Geschenkbuch nur eine seiner Stärken, denn nebst der schönen Aufmachung hat der Inhalt das Potential, selbst die abgebrühtesten Lyrik-Verweigerer zu überzeugen. Ihre Worte sind mal pointiert, mal verspielt, oft ernst und doch stets nach vorne gerichtet. Sie sprechen vom inneren Kampf zwischen Müssen und Wollen, dem Hingeben und Weggehen und umfassen Facetten der menschlichen Natur, die uns allen auf unsere ganz persönliche Weise bekannt sind.
Gerade deshalb fällt es leicht, sich in Jennifer Hilgerts Gedichten selbst zu entdecken und den Eindruck zu haben, man würde durch die Distanz der Buchstaben hindurch auch die Autorin kennenlernen – Das mag bloss überanalysierte Einbildung sein, doch wahrscheinlich liegt genau darin der Reiz der, für uns so kryptischen, Lyrik.

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Vielen lieben Dank an Jennifer und unsere werten Leser
Eure Clue Writer
Rahel und Sarah

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Dieses Interview wurde von Rahel geführt.