Tief gesunken

Diese Geschichte spielt im erweiterten Universum „In ferner Zukunft“.

„Sir, wir haben die maximale Tiefe erreicht. Wir sind auf dem Meeresboden.“
Captain Delacroix wandte sich dem ersten Offizier zu und nickte zufrieden. „Gute Arbeit, Wilson. Aktivieren wir die Systeme.“
Stille legte sich über das Kommandodeck, einzig unterbrochen von dem gleichmäßigen Summen des nuklearen Antriebs sowie der Klimaanlage. Der Captain genoss diesen Moment, wohl wissend, wie kurz er andauern würde. […] Weiterlesen

Ruhestandsgärtnerei

Das Handy klingelte, Alex brummte erschöpft und legte die Gabel beiseite. Seine Mutter hatte seit jeher die Angewohnheit, ihn zu stören, wenn er vor dem Abendessen saß. Gestern Abend war sie von ihrer Kreuzfahrt mit Tante Olga heimgekommen, hatte also bestimmt viel zu erzählen. In Erwartung eines mehrstündigen Gesprächs, zögerte er einige Sekunden, ehe er sich erhob und zur Kommode mit der Ladestation ging.
„Hey, Mum. Wie war die Reis…“
„Alex, komm schnell! Pa ist vollends übergeschnappt“, zischte sie […] Weiterlesen

Wenn die Sonne erlischt

Zum ersten Mal seit vielen Monaten war es still. Keine Maschinen, die Sauerstoff in sie pumpten, keine Geräte, die Flüssigkeiten austauschten und kein leises Piepsen, das ihren fast Herzschlag bezeugte. Es war still. Unfassbar still. Seine Arme hingen schlaff herunter, das Handy entglitt ihm und landete lautlos auf dem Teppich. An Weihnachten vor siebenundzwanzig Jahren war sie zu ihm gekommen, ihre Mutter hatte sie auf der Schwelle seines Apartments überreicht und gemeint: „Ich kann das nicht. Sie gehört dir.“ Man hatte ihm […] Weiterlesen

Neulich bei den Reichsbürgern

Warnung: Das hier dargestellte politische Gedankengut entspricht in keinster Weise unserer Meinung und ist als Satire zu verstehen. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

Alternatives Deutschland, heute. In diesem Zeitstrang haben die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen, sukzessive die Herrschaft über Eurasien an sich gerissen und jeden Teil der Kultur unterwandert. Die heutige Episode unserer von der NSDAP prämierten Seifenoper „Eine schrecklich Deutsche Familie“ spielt wie üblich im Esszimmer der Familie Müller. […] Weiterlesen

Madame Mimi Moffats Märchen

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

2011

„Es liegt mir fern, unhöflich zu sein“, beginne ich ohne den Treuhänder anzusehen. Vor einigen Tagen hatte er mich in sein Büro geladen, wo heute Morgen alle Formalitäten besprochen und notwendigen Unterschriften gesetzt wurden. „Doch ich wäre lieber alleine. Die Nachricht verdauen, Sie verstehen?“
„Gewiss“, gibt der ältere Herr nickend zurück und verweilt einige Sekunden scheinbar ratlos inmitten des muffigen Wohnzimmers, ehe er mir auf die […] Weiterlesen

Der Mörder von Morville

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

Madame Mimi Moffat war eine typische alte Dame, nun ja, zumindest sah sie selbst das so. Allerdings fiel sie in dem kleinen Dörfchen Morville dank einiger Eigenarten auf. Sie wurde gemeinhin als die „schrullige Französin“ bezeichnet, die in einer zerfallenden Villa auf dem bewaldeten Osthügel lebte. Eigentlich war sie bloß zu einem Achtel Französin, nichtsdestotrotz bestand sie darauf, mit „Madame“ angesprochen zu werden, man sollte ihr schließlich den gebührlichen Respekt zollen. […] Weiterlesen

Special zur sechshundertersten Story | Sechshundert Leben

Und auf einmal kehrt Ruhe ein. Die Hektik fällt unter dem Druck einer schweren Gewissheit in sich zusammen, wir treten zurück und ich mache offiziell, was uns allen klar ist: „Zeitpunkt des Todes: Zwei Uhr dreiundfünfzig.“ Meine rechte Hand, Schwester Thea, nickt mir aufmunternd zu. Ich erwidere die Geste, sie ist Routine geworden. „Bereiten Sie ihn vor. Ich spreche mit der Familie.“
Mein Besteck landet in der Nierenschale, der Schurz im dafür vorgesehenen Abfalleimer beim Durchgang zum Waschraum. Das Waschen ist zum Ritual geworden, einem, das ich liebgewonnen habe. Durchatmen, meine Reflektion im Spiegel anstarren, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Dieser Moment, unmittelbar nachdem ein Menschenleben unter meinen Fingern sein Ende gefunden hat, ist mir heilig. Doch er dauert keine drei Minuten, […] Weiterlesen

Advents-Special | Das Phantom vom Nordpol

Diese Geschichte ist Teil der lose verbundenen Story-Reihe „Weihnachtsdorf“.

Mit einem pathosgeladenen Seufzer ließ sich Marcel auf den Armsessel fallen und starrte auf das prasselnde Kaminfeuer. „Wer hätte gedacht, ein Musical zu schreiben sei so schwer?“
Liv, seine Verlobte, sah von ihrem Roman auf und frotzelte: „Ich, darum schreib ich keines.“
„Na super“, gab er trocken zurück und legte das Notebook weg, dem Drang widerstehend, es ins Feuer zu werfen. „Wieso habe ich meine doofe Musical-Idee bloß öffentlich angekündigt? Jetzt erwartet der ganze Nordpol, dass ich abliefere. Ich hätte einfach eine weitere Parodie raushauen können, alle mögen die – sogar der Alte.“ […] Weiterlesen

Bedingung(slos)

Alles im Leben kostet etwas und selbst das, was einem scheinbar gratis in den Schoß fällt, fordert früher oder später seinen Preis. Zumindest die Dinge, die von Bedeutung sind. Natürlich gibt es Leute, die das Gegenteil behaupten und die Meinung vertreten, die schönsten Sachen seien umsonst. Manchmal ist es schwierig, einen Lügner von einem Dummkopf zu unterscheiden, überlegte er den Katheterschlauch betrachtend.
„Herr Victor … Herr Viktor Victor?“ Ihr Gesicht blieb beinahe vollständig hinter dem Klemmbrett verborgen, auf dem sie seinen gedoppelten Namen ablas.
„Ja. Das bin ich.“ Der Geruch von kaltem Zigarettenrauch und viel süßlichem Parfüm juckte ihm in der Nase, erinnerte ihn an seine Tante, die vor einigen Jahren an derselben Krankheit verstorben war, die jetzt seinen […] Weiterlesen

Halloween-Special | Halloween für Fortgeschrittene

Man hat seine Traditionen. Ich beispielsweise entwickelte im Laufe meines Lebens die Angewohnheit, Halloween mit jeder Iteration ein bisschen detailgetreuer zu feiern. Angefangen hat es vor zwanzig Jahren, als ich zum ersten Mal durch die typisch-amerikanische Vorstadt getingelt bin, verkleidet als Graf Dracula an Türen geklingelt und Süßes verlangt sowie mit Saurem gedroht habe. Herrje, dabei hatte ich keine Ahnung, was Saures war und begnügte mich mit Kinderkram wie faule Eier und Klopapier zu werfen. Lachhaft gegen die Möglichkeiten, die sich einer erwachsenen Person mit dem Einkommen eines, in der Forschung eines großen Pharmakonzerns angestellten, Biologen bieten. Ein weiterer Anfängerfehler, den ich damals mangels besseren Wissens und der nötigen Ressourcen gemacht habe, ist das Außerachtlassen taktischer […] Weiterlesen