Zukunftssturm

Sie rannte, rannte so schnell ihre schwachen Beine sie tragen mochten. Die Straßen waren leergefegt, der Himmel grollte düster, wenn nicht bedrohliche Blitze die Nacht für einige Atemzüge zum Tag machten. Noch stand der Zytglogge-Turm, die Lauben krachten nicht nieder, dienten dem Wind als Tunnel, leiteten ihn durch die Gassen wie ein Flussbett. Wenn es so weiterginge, wäre bald die ganze Stadt dem Untergang geweiht, zusammen mit ihr all die armen Seelen, die es nicht rechtzeitig in Sicherheit geschafft hatten. Es war nie ihre Intention gewesen, die Erde zu zerstören, dennoch war sie mitunter dafür verantwortlich, hatte jeden Tag ein winziges Stück dazu beigetragen. Und jetzt wusste sie nicht, wohin sie fliehen sollte. Ihr Daheim im Mätteli-Quartier lag seit Tagen unter Wasser, war von der Aare geradezu verschluckt worden. Erneut zuckte ein Energiebogen über das […] Weiterlesen

S01E11 | Unerwartete Kundschaft

Willkommen zur elften Episode des Kurzgeschichten-Podcasts Clue Cast. Sie basiert auf der Kurzgeschichte „Unerwartete Kundschaft“ von Rahel. Manchmal treten Leute in einen Laden, mit denen der Verkäufer nicht gerechnet hätte. In dieser Geschichte wurden die vorgegebenen Clues „Oberstübchen, Popel, Herbstlaub, Gummibärchen“ und „Mandarine“ vertextet und sie spielt am Setting „Fernsehreparaturgeschäft“. Der Sprecher dieser Episode ist Dennis Prasetyo.

Die Badewanne zu einer anderen Welt

Seit dem ersten Aufwachen heute früh, hatte sich Deirdre irgendwie seltsam gefühlt. Es war schwer zu beschreiben, nicht vergleichbar mit einer Grippe oder etwas anderem, das sie schon einmal erlebt hatte, sondern einfach ein völlig fremdartiges Gefühl. Den ganzen Morgen hatte sie tapfer dagegen angekämpft, ihre Arbeit erledigt aber dann, als sie zur Mittagspause aufstehen wollte, war sie umgekippt und von ihren Bürokollegen nachhause geschickt worden.
Nun saß sie, mit angezogenen Beinen und Shampooresten im Haar in der leeren Badewanne, unfähig etwas anderes zu tun, als mit leeren Augen auf die Fliesen zu starren und darauf zu warten, dass ihr jemand zu Hilfe eilte. Deirdres Welt drehte sich, verschwamm zu einem einzigen Punkt. Das pulsierende Rauschen durchzog noch immer […] Weiterlesen

Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor | Die Scheune

Dies ist der 6. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor“.

„Wir sind bloß auf der Durchreise“, begann Tess und überlegte sich kurz, ob sie zum Zeichen der Friedlichkeit langsam den Lauf ihres Gewehrs senken sollte, der noch immer zwischen die Augen der Rothaarigen gerichtet war. Sie entschied sich dagegen und versuchte stattdessen im Gesicht ihres Gegenüber abzulesen, was sie sagen sollte. Faktisch gesehen waren sie unerwartet in ihr Gebiet eingedrungen, es war also verständlich, dass ihnen mit Skepsis begegnet wurde und eher unwahrscheinlich, dass die Fremden sie überfallen wollten. Als die unbekannte Frau für einen Sekundenbruchteil […] Weiterlesen

Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor | Der Waldweg

Dies ist der 5. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor“.

Die letzten vier Tage, die sie auf der Farm verbracht hatten, waren wunderbar gewesen und am Morgen des Aufbruchs, hatte sich Tess wie neu geboren gefühlt. Sie hatte nicht nur in einem richtigen Bett schlafen können, ein Luxus, den sie früher nie zu schätzen gewusst hatte, sondern sie hatte sich auch einigermaßen sicher gefühlt und war in den Nächten nur ein- bis zweimal erschrocken aufgewacht. Natürlich konnte auch das gemütlichste Bett ihre Alpträume nicht vertreiben, aber so war es nun halt in dieser grotesken Zombie-Welt; niemand schlief ohne böse Träume und während man früher […] Weiterlesen

Unerwartete Kundschaft

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Die alte Bahnhofsuhr, die seit Jahrzehnten hinter dem Tresen hing und deren gusseiserne Schnörkel noch nie einen Putzlappen gesehen hatten, zeigte dreizehn Minuten nach sechs an. Christoph Hugentobler, dessen Name in großen Lettern das Schild über dem Eingang zierte, pickte abwesend ein gelbes Gummibärchen aus dem Einmachglas und kaute geräuschvoll darauf herum. Er hatte seiner Frau gesagt, dass er die Naschereien für die Kinder aufgestellt hatte, doch in Wahrheit wollte er sich seine Tage damit etwas versüßen, währendem er auf Kundschaft wartete oder an einem alten Fernsehgerät herumwerkelte. Das widerspenstige Gummitierchen blieb unter seiner […] Weiterlesen