S09E13 | Anitas Abenteuer

Wir möchten euch herzlich zur dreizehnten Episode der neunten Staffel des Kurzgeschichten-Podcasts Clue Cast begrüssen. Sie basiert auf der Story „Anitas Abenteuer“ von Rahel. Bei manchen Abenteuern lernt man einen Menschen so richtig kennen. In dieser Geschichte wurden die vorgegebenen Clues „Freundlichkeit, Schlächter, Massenpanik, Vertrauen“ und „Korn“ vertextet und sie spielt am Setting „Gefängnisruine“. Die Sprecherin dieser Episode ist Elke Winkler. […] Weiterlesen

Repeat Beat

Was sie getan haben, begleitet uns bis heute.

Eine seltsame Mischung aus Interesse, Schuld und gelangweiltem Pflichtgefühl streift durch die gut besuchten Hallen. Das Museum für Kriegsgeschichte erhält Aufschwung, wann immer wir den Untergang befürchten.
„Kurt, kommst du?“ Mit schlurfendem Gang folgt der Angesprochene dem Ruf seiner Mutter. Sie ist aufgeregt, regt sich auf, vielleicht mehr als die anderen Statisten in diesem Film, der keiner ist. „Unfassbar“, stöhnt sie entsetzt auf einen Kunstruck deutend, der in Schwarz-Weiß einen Berg aus Schuhen zeigt. „Unfassbar schrecklich!“ Er nickt, ernsthaft zugleich hoffend, der nachmittägliche Spaziergang durch eine Vergangenheit, die nie seine […] Weiterlesen

Anitas Abenteuer

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Siehst du? Ich sagte doch, in der Nacht ist es viel schöner. Touristenfrei.“ Anita balancierte auf einer zerfallenen Mauer, direkt auf die triste Eingangspforte des alten Gefängnisses zu. Als hätten sie sich abgesprochen, trabte Nelson über den Zugangsweg, kam auf ihrer Höhe zum Stehen und reichte ihr die Hand, sodass sie unbeschadet herunterhüpfen konnte. „Zwei Touristen sind hier“, stellte er nüchtern fest. Seine ergraute Gattin brauchte eine Weile, um zu verstehen, wen er meinte, dann kicherte sie: „Blödsinn, wir sind keine Touristen, wir sind Glücksjäger!“ In ihrer Vorstellung war Anita stets eine waghalsige Draufgängerin gewesen und Nelson hatte es einst gefallen, sie in diesem […] Weiterlesen

Anthropologie des Verlustes

Der Vorlesungssaal ist im Vergleich zu den ersten Studienwochen wirkt reichlich ausgestorben. Einige Studenten sitzen in kleinen Grüppchen beisammen, andere kramen in alle Himmelsrichtungen verstreut in ihren Taschen, tippen auf ihren Telefonen oder warten geduldig auf den Dozenten. Dort, auf der rechten Seite der hintersten Bankreihe, bei der einzigen funktionierenden Steckdose, hat Jessica platzgenommen. Ihre Haare sind unüblich zerzaust, der Lidstrich fehlt und ihr beerenfarbener Lippenstift unterstreicht die finstere Miene. Sie hat vor drei Tagen erfahren, dass ihre Oma schwer erkrankt ist, bereut heute zum ersten Mal, sich entgegen Omas Rat für Anthropologie statt Medizin entschieden zu haben. Diese Überlegung ist eine zugegebenermaßen unsinnige, dafür willkommene Abwechslung. Selbst wenn sie ihre bisherige Studienzeit mit […] Weiterlesen

Willkommen in der OASE

„Willkommen in der OASE“, weckte ihn eine süßlich-honigzähe Stimme. Reflexartig blinzelte er gegen das orange Licht, seine erste Bewegung im diesem neuen Körper. „Mein Name ist Mimi und ich wurde Ihnen zum entspannten Übergang zur Seite gestellt.“ Ihre zierliche Gestalt erschloss sich ihm nur schemenhaft. Sie zeichnete sich verschwommen gegen den Sonnenuntergang ab, dessen Existenz, genau wie die ihre, den Eindrücken begabter Programmierer nachempfunden war. „Ich bitte Sie, einige Minuten liegenzubleiben und Ruhe zu bewahren. Sollten Sie Beschwerden bemerken, ob physisch oder mental, lassen Sie es mich wissen und ich kümmere mich sofort um die angemessene ‚Medikation‘.“ Ihr Tonfall verlor die liebliche Viskosität, wandelte sich in dünn-sterile Sprache. In Gedanken befand er sich auf dem Stahltisch der Pathologie, er war […] Weiterlesen

Herzschlag

Ich kann kaum atmen, etwas lastet schwer auf meiner Brust. Ruhig bleiben, ermahne ich mich, liege reglos auf der weichen Matratze auf dem Rücken, starre in die einsame Dunkelheit. Natürlich beschwert nichts meinen verschwitzten Oberkörper, außer der dünnen Decke, ohne die ich nicht einschlafen kann. Da aber bei diesen Temperaturen Realität etwas wabbelig wird, kann mich bereits ein Milligramm Gewicht fertigmachen. Zwar verstecken sich keine Monster unter dem Bett, aber der schiere Gedanke daran, dass ich hier liege, hier und jetzt existiere, schnürt mir die Kehle zu. Bevor ich mich hinlegte, habe ich geduscht und schon triefe ich wieder vor Schweiß, ach, sind wir Menschen nicht widerlich, stinkend, eklig, klebrig?
Ein leiser Windstoß bauscht den dünnen Vorhang, erreicht knapp meine Zehenspitzen, mit […] Weiterlesen

Zombies in Brügge!

Kevin hatte sich oft gefragt, was Menschen taten, wenn sie allein zuhause waren. Er hielt es nie besonders lange aus und das war auch der Grund dafür, dass er heute Nacht seine Freunde überzeugt hatte, an diesem Halloweenabend mit ihm ins Kino zu gehen, obwohl er morgen früh arbeiten musste. Es lief zwar nur eine Wiederholung von „Brügge sehen … und sterben?“, doch Kevin war von dem Film so begeistert, er hätte ihn auch hundert Mal geschaut, ohne sich zu beschweren. Die Schlange vor der Kasse bewegte sich nur langsam, ganz so als würden die Leute wie Sirup in das alte Gebäude, das immer nach Popcorn roch, tropfen. Der eine oder andere Kinogänger war kostümiert, die meisten hingegen wirkten, angesichts des nicht besonders gruseligen Filmes, relativ normal.
„Sag mal“, beendete Ye-jun eben das Schweigen zwischen den drei Freunden, „habt ihr […] Weiterlesen

Uluru Sunset

Die Steigung war sanft genug, dass selbst das Rentnerehepaar vor ihnen keine große Mühe damit hatte, dicht auf den Fersen ihrer beiden Enkelkinder zu bleiben. Diese tobten auf dem Weg nach oben und hielten nur hier und da inne, um Seifenblasen in die glasklare Abendluft zu pusten. Es wehte kein Wind und die Sonne kroch gemächlich dem Horizont entgegen. Noch glühte der Himmel nicht in Orange und der Felsen reflektiere in fahlem Braun, auf dem das grelle Grün ihrer Wanderschuhe fremdartig wirkte.
„Ach komm schon, das hast du dir immer gewünscht“, drängelte sie weiter, ohne sich nach ihm umzuwenden. Es fiel ihm nicht schwer, zu erraten, weshalb sie stur geradeausblickte. Einige hundert Meter hinter ihnen, am Fuß des Ayers Rock, standen einige Reihen mit Autos und Reisebussen, mit denen die vielen Ausflügler hierhingelangt […] Weiterlesen

Fiedler auf dem heißen Blechdach

„Und so, mein lieber Freund, sitzen wir nun hier auf einer Bank am Ameisenhügel und essen unsere Eiersandwiches“, meinte Ralf mit einem Pathos in der Stimme, welcher der banalen Aussage ein unglaubliches Gewicht verlieh. Manchmal glaubte sein Kumpel, dass Ralf in etwa so witzig wie Krusty der Clown bei dem Simpsons war – nicht besonders. Kurt schnaubte einmal, bestenfalls leicht amüsiert, bevor er einen Fluch unterdrückte, als ihm eine Scheibe Ei aus dem von der Majo aufgeweichten Vollkorn-Toast rutschte und auf seinen schlammbespritzten Wanderschuh klatschte. Entnervt kickte er das Ei auf den Ameisenhügel, in der Überzeugung, die geschäftigen Biester würden es ihm danken. Ralf schien es nicht bemerkt zu haben oder sich den für seine Verhältnisse längst überfälligen, halbwitzigen Kommentar sparen zu wollen, denn er schwieg und kaute, während eine […] Weiterlesen