Erst töten, dann fragen

Mit einem gefrorenen Grienen nahm der Kellner Ps vollen Teller, deutete eine Verneigung an und trottete in Richtung Küche.
„Tut mir leid, dass du das mitansehen musstest“, meinte P zu Mara, die ihm gegenüber saß und schweigend in ihrem Lachs herumstocherte. „Manchmal muss man sich behaupten.“ Über Ps Nase verlief eine tiefe Furche, direkt vom unteren Rand des linken Nasenflügels bis zum inneren rechten Augenwinkel. Die gräulich lilafarbene Linie hatte P, wie er nie müde wurde zu erzählen, er von einem Angriff des Tigers erhalten. Neue Bekanntschaften ließen sich von dieser Geschichte immer fesseln; zum einen natürlich, weil Raubtierattacken als seltenes Ereignis grundsätzlich spannend waren, zum anderen, da jeder erfahren wollte, wie P zu so einer scheußlichen Narbe gekommen war. Die Neugier versiegte allerdings […] Weiterlesen

Gehen oder bleiben?

Zwischen ihnen war viel geschehen, vielleicht zu viel. Bis vor dreizehn Monaten hatte sie im Stillen an ihrer Ehe gezweifelt, weder ihm noch ihrer besten Freundin davon erzählt. Irgendwann war es schließlich passiert, sie hatte ihre Sachen gepackt und war mit dem Kleinen gegangen. Ihr Entschluss war keineswegs über Nacht gekommen, jedoch in einer einzigen gefällt worden. Sie beide hatten es kommen gesehen, das Gezanke war schon vor Jahren unerträglich geworden, dennoch hatten sie aneinander, an der Traumvorstellung ihrer perfekten Ehe, festgehalten. Sie war überzeugt, hätte nicht sie den ersten, beziehungsweise letzten Schritt gemacht, wäre er es gewesen. Eigentlich hätte das das Ende sein sollen, zumindest war das ihre Vorstellung gewesen, als sie die wenigen Zeilen geschrieben hatte, mit denen sie sich von ihm verabschieden wollte. „Wir […] Weiterlesen