Willkommen im Schlaraffenland

Das Fenster gab den Blick frei auf eine saftig grüne Wiese, auf der mehrere Kühe weideten. Die leicht hügelige Landschaft wurde von einer dicken, grauen Nebeldecke eingehüllt, die nur wenig des spätnachmittäglichen Herbstlichts hereinließ. Ein Zug der S 55 tuckerte gemächlich durch die nur dünn besiedelte Landschaft, ganz so als schien er den Begriff „S-Bahn“ verhöhnen zu wollen. Hier draußen, in der Umgebung von Niederhasli, Oberglatt und Niederweningen, im Niemandsland der fantasielosen Ortsnamen, der fast schon unangenehm grünen Wiesen und der Schlafdörfer, lag der Bauernhof. Der Hof, auf dem ich nun arbeitete, wenn man das denn so nennen wollte, und aus dessen Küche ich nun den Blick über die Gegend schweifen ließ und meinen Gedanken nachhing. Das versprochene Schlaraffenland, ging es mir nicht ohne einen […] Weiterlesen

Die Farbe Grün, oder was man sich wünscht

Jane war eine seltsame Frau, nur wusste sie das nicht und so kam es, dass sie sich für langweilig hielt und glaubte, in der Maße der interessanten Menschen um sie herum unterzugehen. Vielleicht lag es ja daran, dass sie sich im Wasser schon immer so wohl gefühlt hatte; hier konnte sie selbst darüber bestimmen wie tief sie sank. Wie immer war sie die erste gewesen, die heute in der Früh das Schwimmbad betreten hatte und so wie jeden Tag legte sie ihr Handtuch und die Sporttasche auf ihren Stammplatz, setzte sich daneben, betrachtete kurz das stille Wasser und sog die stickige Hallenbadluft ein, bevor sie sich langsam ins Wasser gleiten ließ. Sie würde vielleicht einen dreiviertel Kilometer schaffen, bevor die anderen Schwimmer eintreffen und die friedliche Atmosphäre stören würden. […] Weiterlesen

Der Kloster-Job

Erfüllt von Wonne blickte Manfred zur Schwarzen Madonna hoch und seufzte zufrieden. Ein weiterer langer und strenger Tag ging dem Ende zu, während sich der Himmel über dem Kloster von Einsiedeln dunkel färbte. Der in eine Mönchskutte gekleidete Mann in mittleren Jahren verließ die Kapelle und schritt ruhig und zufrieden in die Richtung seiner bescheidenen Schlafgemächer, in denen der einzige Gegenstand aus seinem früheren Leben eine Kuckucksuhr war, die er von seinem Großvater geerbt hatte. Mit einem schwachen Lächeln erinnerte er sich daran, wie viel Überzeugungsarbeit es damals gebraucht hatte, den Abt dazu zu bewegen, ihm die monströse Uhr im Zimmer zu gewähren. Ja, Manfred mochte das Mönchsleben – besonders, weil der strikte Lebensstil für Ausgeglichenheit und inneren Frieden sorgte. […] Weiterlesen

Nebelwald

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Sein Körper wurde von den bebenden Atemstössen seines preisgekrönten Jagdpferdes rhythmisch auf und ab gewippt, als er das schweißnasse, dampfende Fell des muskulösen Tieres flattierte. Benedict knotete die Zügel fahrig am Ring des Aufstiegriemens fest, griff in die Brusttasche seines Designerhemds und zündete sich danach genüsslich einen Glimmstängel an. Die Sonne war bereits vor Stunden hinter den Baumwipfeln verschwunden und das Mondlicht, das durch trübe Nebelschwaden sickerte, verlieh dem Wald eine märchenhafte Stimmung, die beinahe über die unangenehme Kälte hinwegtäuschen mochte. […] Weiterlesen

Mörderspiele

Unruhig wälzte Dulé sich auf dem billigen Liegestuhl hin und her, die Sonne brannte unangenehm auf seinen Füssen, die vom Schirm nicht mehr verdeckt wurden, und der Mojito, den er vor einigen Minuten an der Bar des nahegelegenen Strandbistros gekauft hatte, drohte überzuschwappen. Der Strand vor voller Menschen, lauten Kindern und noch lauteren alkoholisierten Eltern, die durchs Meer rannten und planschten und früher oder später würde wieder jemand hinfallen, wobei Dulé einen Lachanfall würde unterdrücken müssen. Er fand diesen Ort unerträglich, doch sein bester Freund, mit dem er schon seit mehreren Jahren zusammenarbeitete und der ihn angeblich immer wieder aus seiner Misanthropie befreien wollte, hatte ihn zu diesem Strandurlaub eingeladen und leider diktierten ihm nun die soziokulturellen Konventionen, an einem […] Weiterlesen

Ahnenhalle

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Als ich diesen Ort vor drei Jahren zum letzten Mal betreten hatte, rutschten meine Fersen bei jedem Schritt aus den Gummistiefeln meiner Mutter und meine Hände wirkten in den geblümten Gartenhandschuhen, wie die einer Puppe. Vieles hatte sich verändert, wir alle waren nicht mehr dieselben und es erstaunte mich doch sehr, dass das marode Gewächshaus nicht einer kargen Eisscholle, sondern einem urbanen Urwald glich. Die unzähligen Pflanzen, […] Weiterlesen

Kulturerbe

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Staub und pulverisierter Mörtel rieselten bei jeder Erschütterung von der alten Decke, das Licht der blau getönten Glühbirne flackerte jedes Mal und der Emaille-Schirm der Lampe wankte leicht. Hannah seufzte, während sie sich an das alte und schon leicht schimmelig wirkende Bücherregal lehnte, das auf dem festgetretenen Erdboden stand. Es war nun die vierte Nacht in Folge, welche sie zusammen mit ihren Nachbarn in dem modrigen Keller verbringen musste. Sie waren zu viert: Nebst Hanna gab es noch den verwitweten Hauswart Rufus, der bereits um die siebzig war und heimlich BBC hörte – was eigentlich jeder wusste, da er wegen seiner Schwerhörigkeit das Radio so laut […] Weiterlesen

Erwach(s)en

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Sie hatte irgendwann mal gelesen, dass es einem in die Wiege gelegt wird, ob man ein Morgen- oder ein Nachtmensch ist. Als Marie sich vor wenigen Minuten in ihr neues Auto gesetzt hatte, war der Himmel noch in ein dunkles Blau gehüllt und nur wenige helle Flecken verrieten die Sonne, die hinter dem Horizont auf ihren allmorgendlichen Auftritt wartete. Als sie die schmalen Quartierwege verließ und auf die Hauptstraße abbog, kramte sie etwas ziellos in ihrem Handschuhfach, um nach einem Kaugummi zu greifen. Marie war kein Morgenmensch und doch liebte sie die frühen Morgenstunden, nahm sich jeden Tag Zeit dafür sie bis aufs Letze auszukosten. Ihre Routine war stets […] Weiterlesen

Einzelteile

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Der junge Mann streckte sich und warf einen Blick aus dem verdreckten Seitenfenster des alten Dodge-Kombis, welcher in der brütenden Spätnachmittagshitze auf einem dieser riesigen, leeren Supermarkt-Parkplätze stand. Die Motorhaube war von der langen Fahrt durch die Everglades noch warm, der Wagen war gerade eben angekommen. Aus dem Radio dudelte irgendeine Melodie, die er schon so oft gehört hatte, sodass er sie kaum mehr wahrnahm – typische Fahrstuhlmusik eben. Er mochte keine unscheinbare Musik, da bevorzugte er Pauken und Trompeten oder Orgelklänge, Hauptsache es weckte auf, sowohl physisch als auch spirituell. Er hatte das große Buch […] Weiterlesen

Innenleben

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Heute war wieder einer dieser regnerischen Tage, die selbst einen gut beleuchteten Raum in eine unheilvolle Atmosphäre tauchten und das leise Pochen der Regentropfen auf dem Flachdach der Gefängniskantine füllte meinen Geist mit Schwermut, so dass es mir bitter erschien, aufmerksam bleiben zu müssen. Ich ließ meinen trägen Blick durch die unzähligen Bankreihen schweifen und ließ zu, dass meine Gedanken abdrifteten, während ich mich gegen die kalte Wand, direkt neben der schweren Durchgangstür zum Westflügel, lehnte.
Dieses Gefängnis war in den letzten Jahren zu meinem Zuhause, meinem Biotop […] Weiterlesen