Am Ende der Straße

„Maurice?“ Die Stimme erklang aus der Ferne und hatte einen wunderbaren Klag, sie hallte in dem großen Raum wieder, kehrte zurück und schwebte über mich hinweg. Vorsichtig schlug ich die Augen auf und weil ich zuerst alles nur durch einen Schleier sehen konnte, war alles, was ich in meinen ersten Sekunden erblicken konnte, nur Licht. Weißes, helles, reines Licht, das alles durchflutete, mich umfasste und dabei so eigenartig wirkte, als ob es nicht von dieser Welt stammte. Der Duft von Weihrauch lag in der Luft und von weit weg hörte ich etwas, das mich an das helle und klare Läuten von Glocken erinnerte. Langsam klärte sich mein Blick und ich konnte wieder erkennen, wo ich war. Das Innere der Kirche wirkte nicht so wie ich es aus meiner Jugend in Erinnerung hatte. Die Bänke waren zwar noch immer dunkel und mächtig, so wie sie […] Weiterlesen

Bicycle-Day-Special | Das unbeschreibliche Blumenfahrrad

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

19:30 Uhr
Die Gärtnerei liegt verlassen am Ende der staubigen Straße, nur das entfernte Zirpen der schläfrigen Grillen trägt das feuchtwarme Gefühl des jungen Sommerabends durch die schräggestellten Fenster. Seine Fahrkarte aus Löschpapier löst sich auf und die Reise beginnt.

20:11 Uhr
Zaghaft blättert er in einem Bildband über toxische Pflanzen und bildet sich ein, sich zu langweilen, den schweren, berauschenden Blütenduft, der durch seine Blutbahnen […] Weiterlesen

Kochen mit Eis

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Die Temperatur war seit dem Sonnenaufgang beachtlich angestiegen und Tanya vermisste die schneebedeckten Berge ihrer Heimat. Murray war vor gut zwei Stunden losgelaufen. Sie hatte ihn solange beobachtet, bis er am Horizont der Wüste verschwunden war und sie die einzige lebende Kreatur war, die sie in der tristen Einöde erkennen konnte, etwas, das ihr so unangenehm war, dass sie trotz der erbarmungslosen Hitze lieber im Lastwagen wartete, der etwas abseits der staubigen Straße stehen geblieben war. Tanya legte den gläsernen Messbecher weg, welchen sie während der letzten halben Stunde in ihren Händen hin und her gedreht hatte und […] Weiterlesen

Die verflucht unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält unüblich viele Kraftausdrücke.
Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Jeder kennt diese ungepflegten Gestalten, die zu jeder Tages- und Nachtzeit an den vielbelebten Plätzen der Stadt stehen, arglose Passanten um Kleingeld anbetteln und mit lautstarken Flüchen nur so um sich werfen, wenn sie nicht erfolgreich waren. Nun, Jan war einer dieser Idioten, die nicht nur ihre Jugend, sondern ihr ganzes klägliches Leben verschwendeten und sich auch noch erdreisten zu glauben, dass sie die Sympathie und den Rückhalt der Gesellschaft verdient hätten. Er war nicht ein Gefallener und es war ihm in seinem Leben auch nie wirklich schlecht ergangen; er war […] Weiterlesen

Halloween-Special | Nur ein toter Zombie ist ein guter Zombie

Die Nachmittagssonne schien Samantha unerbittlich blendend mitten ins Gesicht, als sie aufwachte und ein genervtes Stöhnen von sich gab. Sie brauchte einige Auenblicke, bis sie wieder wusste wo sie war. Das Atelier, in dem sie wohnte, sah verwüstet aus. Überall war Fledermauskonfetti über den Boden verstreut und neben vielen leeren Alkoholflaschen fielen vor allem die Kürbisse auf, die so aussahen, als ob sich jemand auf sie gesetzt hatte. Sie konnte die stechenden Schmerzen in ihrem Rückgrat fühlen und begriff, dass sie auf dem Glastisch geschlafen hatte, dessen transparente Platte nun von tausenden kleinen Rissen durchzogen war und bereits leicht durchhing. Sie ruderte leicht panisch mit den Armen in der Luft, um das Gleichgewicht zu behalten, während sie von der Platte herunterkrabbelte, bevor diese endgültig durchbrach. Leicht […] Weiterlesen

Geschichten, Namen und Variablen

Hank Morgan war nicht sein richtiger Name, doch er war der Meinung, dass dieser Name gut zu ihm passte. Er hatte ihn sich an dem Tag gegeben, an dem er als junger Bursche im Gymnasium entschieden hatte, Novellist zu werden; Romanautoren schienen ihm zu der Zeit zu gewöhnlich zu sein. Doch seit drei Wochen hatte er ein weiteres Pseudonym angenommen, eines das ihn immer tiefer in Schwierigkeiten gebracht hatte und ihn letztendlich hierhin, auf ein verlassenes Fabrikgelände, geführt hatte.

Erschöpft zog er die Kapuze seines anthrazitgrauen Dufflecoats über seine mittlerweile melierten halblangen Haare und sah dadurch wesentlich jünger aus, als er es eigentlich […] Weiterlesen

Präsidiale Stockenten

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„John Smith? Was für ein Name soll denn das sein?“, rief Aaron lachend aus, während er den Brief zur Seite legte. „Welche Eltern sind so grausam, ihr Kind so zu nennen? Kein Wunder, dass er Anwalt ist.“
Er sah sich in dem schwach erleuchteten Großraumbüro seiner Kanzlei um und ließ seinen Blick dann über die nächtlichen Lichter der New Yorker Skyline schwenken, wobei er immer sein Spiegelbild in der Fensterfront erkennen konnte. Das Schöne daran, im fünfzigsten Stock zu sein, war dass man die grandiose Aussicht genießen konnte; man konnte die Spitzen der Hochhäuser, wie sie majestätisch vor dem großen […] Weiterlesen