Kontraste, oder: Der güldene Dingo mit Titten

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Gelbe, grüne Farbe blättert ab. Die Sonne scheint träge, nach Sommer lechzend, durch bunte Gläser. An der Wand stemmt ein Abbild Gewichte. Gesundheit, frische Lungen waren hier einst das Ziel einer jeden Übung, heute schleicht der Besucher durch die Ruine.
„Robert, sieh dir das mal an!“ Er reagiert nicht sofort, bleibt zwischen Tür und Tür stehen im Flur, der irgendwo, irgendwann ins Freie führt. „Hey, du verfickter Pisser, hörst du mir überhaupt zu?“
Ein Gähnen, dann ein zweites, ehe er seine Locken bändigt und als zahmer Löwe in die Turnhalle schlendert.
„Was ist denn?“ Seine Sohlen knirschen mit jedem Schritt, zermartern Staub und Unrat, alten und neuen.
„Kriegst du deinen fetten Arsch da hoch?“ Roberts Augen suchen, dann prüfen sie und nur zaghaft nickt sein Haupt. Es will es schütteln, sich vom Zwang der kurzen Jugend endlich entledigen.
„Klar, ich bin doch kein Schlappschwanz, so wie du.“ Das Ruckeln gibt Mut, weckt Vertrauen in die morsche Barrikade und schon schiebt sich sein Fuß in die Ritzen.
„Wird das heute noch was, du Spast?“ Da ist es wieder, das Drängen ohne Sturm, das nicht nach Veränderung, bloß rascher Bestätigung verlangt.
„Jetzt hetz mich doch nicht so.“ Die Muskeln ziehen wie ihnen geheißen, überwinden vertikal ein kleines Stück Raum und damit ebenso die Zeit. Krumme Finger graben sich in brüchigen Stein, greifen, reißen und verschleissen. Mörtel fliegt mit ihm, dem Boden entgegen.
„Fuck!“ Die Dielen zeigen sich ungerührt, ignorieren Roberts Pein.
„Ha! Du bist echt unfähig!“ Die Häme pocht noch lauter als der Steiß, wird auch morgen in der Schule weiterklopfen.
„Ach ja? Dann mach’s doch besser“, trotz der Löwe ganz klein. „Nein, stimmt ja, du bist zu blöd zum Sprühen!“ Spott soll den Spott lindern, ist jedoch nur Zunder der Rivalität.
„Pf!“, schnaubt der andere verzückt, fühlt sich nicht verlacht sondern geschürt. „Wie schwierig kann es schon sein, einen Dingo mit Titten auf Wände zu schmieren?“
Robert will ausholen, will von der Komplexität ihm fremder Kurven berichten, doch da, gerade jetzt, wird das Ungleichgewicht empfindlich verletzt.
„Hi“, singt sie aus heller Kehle, schenkt ein Lächeln ohne Scham. „Woah! Das ist ja cool!“ Wind klopft an das Blütenfenster, es knackt und kracht. Auf den Spitzen ihrer beschuhten Zehen streckt sie Hand und Körper, um das gläserne Blatt zu berühren.
„Ähm, ja, saucool“, entgegnet Roberts nervöse Zunge. „Wirklich scheiße schön hier.“
Sie kichert in der Pirouette, strahlt die beiden Nebel-Künstler an, dann fällt sie mit ausgebreiteten Armen auf der Tanzbühne nieder.
„Verdammt!“ Beifall trieft, sickert in errötete Neugier, will mehr erfahren, gleichzeitig diesen Moment auf ewig gefangen halten.
„Hast du dir wehgetan?“ Nicht empört, nur etwas verletzt, nimmt Robert die Besorgnis des anderen zur Kenntnis. Er fragt sich stumm, wie es wäre, solch vage Fürsorge zu erleben.
„Nein, überhaupt nicht. Fallen tut nicht weh, nur Liegenbleiben.“ Ohne Lenkung, ohne Gedanken richtet sich Roberts Körper auf, springt zum Zeichen der Zustimmung in die Höhe.
„Wie heißt du?“, forscht der andere. Er will es einfach nicht verstehen, kann den Zauber nicht unangetastet lassen. Der Weg wurde gewählt und Robert lässt sich trotz Widerwillen darauf ein.
„Emilia.“ Ein Hauch, eine laue Brise, die Orkane in Robert entfacht. Ganz sachte, wie des Panthers Schritte, bricht er langsam aus sich aus und sagt:
„Krass. Ich bin Robert und das hier ist mein beschränkter Kumpel, Major Hackfresse.“ Das Glöckchen erklingt mit ihrem Kichern und die Ketten wollen schmelzen, schreien nach Auflösung in der Freiheit.
„Ey, Arschloch!“, keift der andere erzürnt. Nackenhaare knistern, locken Wolken durch die Ruinen der vergilbt-vergessenen Heilstätten. Ein Vorhaben formt sich, türmt sich über Robert auf. Ihm schwant nichts, noch trinkt er Sekundentropfen des Triumphs. „Emilia, du musst meinen Freund entschuldigen. Was ihm an Witz und Charme fehlt, macht er mit seinen magischen Zeichnungen wett.“
„Was?!“, fällt es aus Roberts Mund, als die Grenzen zwischen diesem und jenem flackern. „Was soll das denn jetzt?“
„Robert, willst du der Lady nicht vorführen, was du kannst?“ Anständig, klar und schmunzelnd dringt die Aufforderung in dessen Geist, entfesselt Angst und Wut zugleich. „Etwas Hübsches wäre nett“, fährt er fort und schwingt Bedeutung in Roberts Gesicht; sprüh keinen Dingo mit Titten nicht.
„Scheiße Mann, du spinnst doch“, murmelt er, zu irritiert, um den Gegenschlag zu planen.
„Oh, bitte, Robert.“ Sie bittet und Robert will handeln, will, dass sie sich bald schon nach seinen Künsten verzehrt. Der andere soll nicht siegen, soll niemals kriegen, was Robert will.
„Na gut, weil du es bist, Emilia“, greift er des anderen Taktik auf und brüllt mit gehässiger Freundlichkeit: „Bist du so gut und gibst mir bitte das Verlängerungskabel?“ Die Mutter wäre entzückt, würde in Wellen des Glückes baden und sich an den Worten ihres Sohnes laben.
„Aber sicher doch, einen Moment.“ Der andere stolziert mit geradem Rücken unter dem Abbild der Starken durch die Tür. Für einen Atemzug, einen flüchtigen Moment, ist Robert allein mit dem Grund für ihre unartig fremde Manier.
„Was malst du denn?“ Was für eine unschuldige Frage, eine, die sich nie und nimmer einen gelben Dingo mit Titten ausdenken könnte. „Ich kann das ja so gar nicht.“
„Ach was, du, werte Emilia, kannst bestimmt alles, wonach dir der Sinn steht.“ Er protzt bescheiden und nähert sich mit einem Wippen. „Sicherlich sprießen Blumen wo immer du gehst.“
„Nein, wirklich nicht“, lacht sie heiter und fährt dann mit tiefen Augen weiter: „Ich habe erst kürzlich meine Yucca-Palme getötet, weil ich sie vergessen habe.“
„Meintest du das hier, Robert?“ Würde er doch bloß das Stören aufgeben, sinniert der wandelbare Löwe und seufzt. „Ich bringe dir auch gleich den Rucksack.“
„Cool, sind das Solarpanels?“ Anerkennung rauscht einmal hindurch, dann durch die Ritzen des verbarrikadierten Tors. „Für was braucht ihr die?“
„Weißt du, Emilia“, holt der andere großzügig aus und wird von Roberts flinker Reaktion behindert.
„Damit betreibe ich den Kompressor meiner Air-Brush-Maschine. Sieh, ich zeige sie dir …“
„Hallo.“ Ein Hüne mit Lichtapparat, ein kleiner Mann mit Kamera und eine Dame, so schön wie der Mond, der zart im Abendhimmel schimmert.
„Guten Abend, die Herrschaften“, grüßt der andere mit angedeutetem Knicks, während Robert seine Kunst im Rucksack belässt.
„Mhm“, macht die Schönheit, blinzelt Staub aus ihren hellen Iriden. „Leute, wir müssen hier shooten und mir wäre es lieber, wenn ihr dabei nicht zuseht.“ Sie hüstelt schüchtern, verschüchtert gar und deutet mit langen Fingern auf ihre seidene Robe.
„Aber selbstverständlich. Kommt, Emilia, Robert, lasst und den Operationstrakt der Klinik erkunden.“ Damit verschwinden die drei, zwei davon vorerst verwandelt, auf Streifzug durch die Ruinen der Beelitz Heilstätten. Zurück bleiben zwei verwirrte Gesellen und eine nunmehr nackte Frau im Blitzlichtgewitter unter dem Blütenfenster.
„Das war wirklich seltsam, als kämen die Teenies aus einer anderen Zeit.“
„Geister?“, wirft die Nackte in den weiten Raum.
„Vielleicht“, erwidert der Hüne mit gedankenschweren Brauen.
„Blödsinn.“ Alfredo, der kleine, kratzt sich am Bart. „Teenager sind immer seltsam, Selbstfindung und so.“
„Scheiße Mann, das scheint mir viel zu aufwändig, was die da treiben. Wir haben früher einfach gekifft, gewixt und gesoffen.“
Blaue, rote Farbe blättert ab. Die Sonne verstummt müde, sich nach der Nacht sehnend hinter satten Bäumen. Über der Tür beweist das Fresko Bärenkräfte. Vitalität, tiefer Atem warn hier einst das Ziel eines jeden Tages, heute nimmt der Besucher Bilder mit oder lässt sie an den Wänden stehen.

Autorin: Rahel
Setting: Ruine
Clues: Dingo, Major, Selbstfindung, Yucca-Palme, Verlängerungskabel
Wer mehr über das Setting dieser Kurzgeschichte erfahren und die Starke an der Wand sehen möchte, kann sich hier über die Beelitz-Heilstätten informieren und dabei gleich gespenstische Bilder bestaunen.
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