Von Trollen und Füßen

„Welche Trottel laden all die Fuß-Bilder auf Instagram hoch?“, blaffte Betty, die eben das Zimmer betreten hatte, entnervt mit dem Daumen auf dem Handy scrollend. „Ist ja wie Tinder für Fußfetischisten, totaler Idiotenverein!“
„Pst“, knurrte Olivia und wandte sich an ihre Mitbewohnerin: „Kannst du dich bitte in einem anderen Zimmer beschweren?“
Betty sah auf und musterte die Schießerei, die sich auf Olivias Bildschirm abspielte. „Schon wieder am Zocken? Kriegst du ihn?“
„Nicht, wenn du …“ Sie unterbrach sich, ließ ihren Charakter springen und zerlegte einen Gegner mit der Maschinenpistole. „Ha, nimm das!“
Betty murmelte: „Keine Ahnung, irgendwie kann ich mich nicht dafür erwärmen, aber du scheinst deinen Spaß zu haben.“
„Bisher habe ich keine Fußfetischisten gefunden“, gluckste Olivia und benutzte ein Medkit, um für den nächsten Kampf gewappnet zu sein. „Dafür Fünfjährige, deren Träume ich mit einer Shotgun zerstöre.“ Ihr hämisches Lachen wäre gar einem Bond-Superschurken würdig gewesen, daran hegte sie keine Zweifel.
„Auch ein Vorteil“, erwiderte die Hinzugekommene schulterzuckend und blinzelte zwischen Olivias Game und ihrem Instagram-Feed hin und her, ohne Anstalten zu machen, den Raum zu verlassen. Ein Weilchen später legte sie das Handy beiseite, zog einen Stuhl heran und beobachtete den Match ihrer Mitbewohnerin. „Fehlt bloß Popcorn und ein Bier.“
„Hm“, machte Olivia, die auf einer Wiese unterwegs war und nach Feinden Ausschau hielt. „Dir ist klar, was Twitch ist, ja? Da kann man auch Leuten beim Zocken zusehen, ohne im selben Raum zu sein und ihnen auf den Keks zu gehen.“ Mit wenigen Sekunden Verzögerung erkundigte sie sich erheitert: „Hey, geht Bier mit Popcorn? Deine Geschmacksnerven haben sich wohl verirrt, Madame.“
„Hm, stimmt, wo du’s sagst, Chips passen besser.“
„Ach, wirklich? Moment.“ Olivia konzentrierte sich, visierte mit dem Scharfschützengewehr einen Gegner an, den Betty kaum ausmachen konnte, und erledigte ihn elegant. „Ha, zweihundertdreißig Meter! Manche haben den Killer-Instinkt, andere nicht.“
Das erstaunte Geräusch, das Betty entfuhr, irritierte Olivia, sie behielt allerdings ihre Aufmerksamkeit. „Wie du bei der Hitze in diesem alten Backsteinhaus überhaupt etwas triffst, ist mir ein Rätsel. Ich find grad mal das Klo oder die Küche in diesem überhitzten Zustand.“
„Ich hab auch ein Trägertop und einen Rock an, du ein langärmliges Oberteil, Anzughosen und Socken.“ Olivia widmete sich wieder ganz ihrem Game, während Betty indigniert ihre Kleidung inspizierte. „Das kommt davon, wenn man aus dem klimatisierten Büro kommt und sich nicht umzieht.“ Entschlossen kreuzte sie die Arme und wollte sich gerade das viel zu warme Oberteil vom Leib reißen, da schrie Olivia: „Nein!“ Erschrocken starrte Betty sie an. „Komm, sei nicht so prüde, wir wohnen über ein Jahr zusammen“, motzte sie und schlurfte aus dem Raum, um sich umzuziehen.
„Die trollt mich absichtlich“, wetterte Olivia, als die andere außer Hörweite war. „Trotzdem, das war knapp.“

„Schon wieder?!“ Diesmal wäre Olivia vor Schreck beinahe vom Bürosessel gerutscht, als Betty erneut die Tür öffnete und euphorisch rief: „Ich bin zurü-hück! Siehste? Sommerkleid. Da schwitzt man weit weniger.“
„Kann ich nicht mal einen einzigen Match … ach, vergiss es“, seufzte die Gamerin, rückte ihre Brille zurecht und hüpfte mit ihrem viel zu bunt gekleideten Charakter über ein Feld. Es gab Situationen, in denen sie sich wünschte, es hätte in ihrer Kindheit keine Antibiotika oder Asthmainhalatoren gegeben, dann wäre sie vermutlich längst tot und würde nicht beim Zocken abgelenkt.
Betty ließ sich auf ihren Stuhl fallen und meinte fröhlich: „Hab dich nicht, klär mich lieber auf. So“, holte Betty aus, „wen musst du in dieser Mission umbringen?“
Olivia verdrehte die Augen. „Das ist Battle Royale, also alle, bis ich als Letzte stehe.“ Sie unterdrücke dem Impuls, hinzuzufügen, dass dies besonders schwierig sei, wenn einem jemand vollquatsche, denn leider war ihre Mitbewohnerin auf dem Apell-Ohr sowieso völlig taub. Eigentlich verstand sie sich gut mit Betty, nur, deren Weigerung jegliche „Bitte nicht stören“-Schilder an ihrer Zimmertür zu befolgen, war ein Problem.
„Hey, da ist einer“, quietschte Betty laut und fuchtelte panisch in Richtung des Bildschirms. „Da, da drüben, links.“
Nun musste Olivia grinsen. „Ich seh ihn, keine Bange – das ist ein Noob, der trifft mich niemals. Routiniert wechselte sie zum Snipergewehr, nahm sich einen Wimpernschlag Zeit, besagten Noob im Fadenkreuz zu zentrieren, drückte ab und kommentierte trocken: „Headshot.“
„Und jetzt?“
Olivia fand es mittlerweile schwer, ihr Amüsement zu verbergen, Bettys Fragen waren einfach zu unterhaltsam. „Jetzt finde ich den letzten und kille den. Danach darfst du dir wieder auf Instagram Fußfetischisten ansehen gehen.“
„Scheiße, hör bloß auf mit den Füßen“, schmollte Betty, indes suchte Olivia die Landschaft ab, die vom Sturm noch unberührt war. Mit einem Mal brach sie in Gelächter aus und prustete: „Der hat sich in einem Busch versteckt.“
„Bitte, was?“ Fasziniert beugte sich Betty vor, als Olivia auf einen Busch anlegte und den letzten Gegner mit einer gezielten Salve ins virtuelle Jenseits beförderte. Das freudige Kreischen hinter ihr war ohrenbetäubend und die Gewinnerin riss sich das Headset vom Kopf, um sich die Ohren zuzuhalten, noch bevor ihr Charakter einen Siegestanz vollführte.
„Wieso tanzt du?“, wollte Betty sogleich wissen und Olivia erklärte in ihrer besten Vortragsstimme: „Rituelle Zelebration nach erfolgtem Sieg findet in nahezu allen Kulturkreisen sowie auf Gameservern statt.“
Betty kicherte und sprang auf. „Idiotin. Na, ich bin dann mal auf meinem Zimmer, wenn du mich suchst.“
„Klar, viel Spaß“, sagte ihre Kameradin und fügte nach einem Blick auf den zweiten Monitor hinzu: „Der Chat findet dich witzig und möchte dich hierbehalten.“
„Der Chat?“ Auf Bettys Stirn hatten sich Furchen gebildet. „Welcher Chat?“
Mit einem Mal begriff Olivia – ihre Wohnungsgenossin ignorierte ihre „Bitte nicht stören“-Schilder derart konsequent, dass sie sie nicht einmal mehr las. „Geh zur Tür und schau den Zettel an, den ich da rangepinnt habe, ja?“
Verwirrt folgte Betty der Anweisung, klaubte das Blatt von der Tür und entzifferte die krakelige Handschrift: „‚Bin am Livestreamen, bitte nicht stören.‘ Halt mal – heißt das, du bist gerade …“
„Live auf Twitch, ja“, gab Olivia feixend zurück und ergänzte: „Vierhundert Zuschauer. Ich dachte, du wolltest mich trollen, aber offenbar hast du dich selbst getrollt. Kappa.“

Autorin: Sarah
Setting: Backsteinhaus
Clues: Bier, Antibiotika, Zelebration, Idiotenverein, Instagram
Wir hoffen, die heutige Geschichte hat euch gefallen. Teilt sie doch mit euren Freunden auf den Social Media und schaut bei der Gelegenheit auf unseren Profilen vorbei, wo wir euch gerne mit mehr literarischer Unterhaltung begrüßen. Eine besondere Freude macht uns eure Unterstützung auf Patreon, die wir euch mit exklusiven Inhalten verdanken. Und wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit Clues vorschlagen.

Deinen Senf dazu abgeben!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.