Im Zeichen der Giraffe

SarahAutorin: Sarah
Setting: Schützengraben
Clues: Zikade, Migration, Freudensprung, Giraffe, Treppe

Das Zirpen der Zikaden war laut zu hören und schien die Abenddämmerung zu erfüllen, zusammen mit dem schweren, süsslichen Duft der blühenden Büsche, deren Namen Mal nicht kannte. Er warf einen Blick zu Liv hinüber, die sich eben eine Zigarette angezündet hatte, und fragte dann: „Wieder ein ereignisloser Abend?“
Sie sah erstaunt auf und schien aus ihrer geistigen Abwesenheit aufzuwachen, dann antwortete sie: „Jep. Wer will denn hier draussen schon  etwas anstellen?“
Mal vernahm ein entferntes Geräusch, das er nicht einordnen konnte und griff nach dem Fernglas, das er sich über das abgewetzte Hemd im Army-Look gehängt hatte. „Was ist das?“, murmelte er leise.
Liv hatte ihre Kippe ausgetreten und ihr Gewehr gehoben. „Ich gebe dir Deckung“, flüsterte sie, während er den Horizont der Gegend absuchte, die wie eine Mischung aus Steppenland und Savanne aussah. Lange konnte er nichts erkennen, ausser dem flachen Land, das in der heraufdämmernden Dunkelheit verschwand und dessen scheinbare Endlosigkeit von sanften Hügelketten begrenzt wurde, dann sah er es: Ein paar hundert Meter entfernt weidete eine Giraffe einen alten, an eine absurde Skulptur erinnernden, Baum ab. „Falscher Alarm“, murmelte er und zog sich in den Schützengraben zurück. „Aber wenn eine Giraffe bis hierher kommt, wird das sicher ein gutes Vorzeichen sein, normalerweise sind die viel weiter südlich, wo das Land fruchtbarer ist.“

Die Treppe war lang und breit, sie führte durch die ganze Stadt. Mal kauerte irgendwo auf halbem Weg an ihrem Rand im Gebüsch und konnte die Schreie hören, die Explosionen und die panisch nach oben und unten fliehenden Menschen, die im Chaos zu ertrinken drohten. Nicht würde es noch aufhalten können; es war zu spät.

Jahre nach der ersten grossen Migration, sass ein sichtlich gealterter und ausgemergelter Mal zusammen mit Liv, die er erst seit dem Exodus kannte, in einem Schützengraben an einem Ort, dessen echter Name er nicht aussprechen konnte. Jetzt hiess die Gegend „Newtown“, doch auch das war eine Neuschöpfung genau wie der Ort selbst, überlegte er, als er hinter sich die Stadtmauern der Siedlung gegen den sich dunkelblau verfärbenden Himmel erkennen konnte. „Hey“, konnte er Liv plötzlich halblaut rufen hören, „was ist das?“
Er fuhr herum und folgte ihrem Fingerzeig zum Himmel, an dem sich rasch bewegende, farbige Positionslichter zu erkennen waren. „Ein Flugzeug“, antwortete er, begriff jedoch einen Moment später, was das bedeutete und fragte aufgeregt: „Ein Flugzeug?“
Sie starrten schweigend auf die Lichter, bis Liv die Stille unterbrach: „Das muss noch lange kein Grund für einen Freudensprung sein, immerhin wissen wir nicht wer das ist.“
„Und sie werden uns sowieso nicht sehen“, entgegnete Mal. „Und selbst wenn – was könnten sie schon tun?“
„Sie könnten uns sagen, wo es sicher ist, irgendwo müssen die ja einen Landeplatz und Treibstoff haben“, antwortete Liv, im Ton plötzlich erweckter Zuversicht. Sie schwiegen beide, bis Mal einen Einfall hatte, wie er mit etwas Glück Kontakt aufnehmen könnte: „Der Funk!“
Hastig griff er nach dem Funkgerät, drückte den Knopf und begann rasch, zu sprechen. „Unbekanntes Flugzeug, hier Station Newtown, bitte melden, over!“

Das Chaos schien sich nach endlosen Stunden gelegt zu haben und Mal fragte sich, wieso er keine menschlichen Stimmen mehr hören konnte. Die Treppe wirkte wie ausgestorben, leergefegt. Vorsichtig kroch er aus dem Busch und sah auf die Metropole hinunter, die sich unter dem Hügel ausbreitete. Viele Gebäude standen in Flammen, in den Strassen schien jedoch kaum noch jemand unterwegs zu sein. Panisch dachte er an seine Frau und seinen Sohn, die irgendwo da unten sein mussten.

„Unbekanntes Flugzeug, bitte melden!“ rief er zum wiederholten Mal in das alte Funkgerät, das nur ein lebloses Knistern von sich gab, wieder keine Antwort. Rasch wechselte er die Frequenz und versuchte es erneut, diesmal hastiger, weil er befürchtete, dass sie bald ausser Reichweite sein mochten: „Unbekanntes Flugzeug, bitte melden!“
Liv setzte dazu an etwas zu sagen, während sich die Maschine bereits zu entfernen schien. Und dann, endlich, erklang eine von vielen Interferenzen verstümmelt und abgehackt klingende Antwort. „Bravo-Delta-Charlie 137, wer spricht da?“
Mit einem Zeichen von Hoffnung in seinen Augen, das Liv wahrscheinlich in der Dunkelheit gar nicht sehen konnte, erwiderte er: „Sie haben die Siedlung Newtown überflogen. Können Sie uns etwas über die Aussenwelt sagen? Wo ist es sicher?“
„Negativ, unbekannter Siedler“, erklang die Antwort. „Dazu sind wir nicht autorisiert.“ Liv kickte frustriert einen Stein weg und sah den sich rasch entfernenden Lichtern hinterher, während sie murmelte: „Na toll, Militär.“ „Bitte“, rief Mal in das Funkgerät und fügte dann hinzu: „Oder erzählt irgendjemandem da draussen von uns.“
„Negativ“, erklang die sture und teilnahmslose Antwort. Mal war kurz davor einen wütenden Kommentar in das Funkgerät zu murmeln, als es nochmals knisterte und der Pilot hinzufügte: „Aber weil ihr auch Menschen seid, ein guter Rat: Geht in Deckung!“
„Oh verdammte…“, flüsterte Liv und schaute zu Mal hinüber, der in derselben Sekunde wie sie begriff, was jetzt geschehen würde.

Lange war Mal durch die verwüstete Stadt geirrt, bis er es endlich wahrhaben wollte – oder konnte. Alles, was er gekannt hatte war zerstört, lag in Trümmern. Seine Familie, wie Tausende oder Millionen anderer, war ausgelöscht. Die Welt hatte sich über Nacht verändert, war nicht mehr das friedvolle Zuhause, das er gekannt und in dem er sich wohlgefühlt hatte. Hinter ihm führte die lange, verwaiste Treppe scheinbar sinnlos den Hügel empor ins Nichts. Denn nichts war geblieben.

Das Zirpen der Zikaden verstummte, als die Nacht zum Tag wurde. Erst war das unglaublich helle, weisse Licht zu sehen, das sehr weit entfernt hinter den Hügeln aufblitze, ihn aber trotzdem blendete. Dann folgte ein Sausen in der Luft, ein gruseliges Geräusch das Mal noch niemals zuvor gehört hatte, doch er wusste, was es bedeutete. Die Grashalme bogen sich immer stärker, doch das Rascheln wurde von dem Wind übertönt. „Deckung!“, schrie er, doch er hatte keine Chance, Liv hätte ihn in dem Lärm nicht hören können. Er packte sie am Arm und riss sie panisch mit zu Boden, er wollte seine zweite Frau nicht auf die gleiche Weise verlieren wie die erste. Dann erst folgte die Schockwelle, sie traf sie hart, Mal konnte das Splittern von Holz hören und Sand und Erde fühlen, die über den Schützengraben fegte. Nach einer scheinbar endlosen Zeit ebbte das beängstigende Rauschen ab und sie richteten sich zaghaft auf. Am Horizont war eine grosse, orangebraune, pilzförmige Wolke zu erkennen, die weit in den Himmel reichte. Die Realität hatte sie wieder eingeholt und Mal wusste, es würde lange dauern bis erneut eine Giraffe an ihnen vorbeischlendern würde.

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