Die Farbe Grün, oder was man sich wünscht

Autorin: Rahel
Setting: Schwimmbad
Clues: Migräne, Flipchart, Apotheke, Fleischermesser, Stiefmütterchen

Jane war eine seltsame Frau, nur wusste sie das nicht und so kam es, dass sie sich für langweilig hielt und glaubte, in der Masse der interessanten Menschen um sie herum unterzugehen. Vielleicht lag es ja daran, dass sie sich im Wasser schon immer so wohl gefühlt hatte; hier konnte sie selbst darüber bestimmen wie tief sie sank. Wie immer war sie die erste gewesen, die heute in der Früh das Schwimmbad betreten hatte und so wie jeden Tag legte sie ihr Handtuch und die Sporttasche auf ihren Stammplatz, setzte sich daneben, betrachtete kurz das stille Wasser und sog die stickige Hallenbadluft ein, bevor sie sich langsam ins Wasser gleiten liess. Sie würde vielleicht einen dreiviertel Kilometer schaffen, bevor die anderen Schwimmer eintreffen und die friedliche Atmosphäre stören würden.
Jane war nun beinahe Vierzig, doch sah man ihr das keineswegs an. Ihr Trainingsregime war hart und minutiös geplant und ihre Ernährung sowie ihr alltägliches Pflegeprogramm vorbildlich und so war ihr Körper in der letzten Dekade kaum gealtert. Jane wusste es nicht, aber die Frauen in ihrem Umfeld liessen deswegen kein gutes Haar an ihr und fielen während gemeinsamen Kaffeetreffen über sie her und beneideten sie um ihr Aussehen, währendem ihr die Männer im Fitnessstudio gierig hinterhersahen. Vielleicht hätte es sie glücklich gemacht zu wissen, dass sie doch bemerkt wurde, aber alles was Jane wusste war, dass sie nicht zum Kaffee eingeladen wurde und man ihrem Blick auf dem Weg zur Garderobe auswich und so war sie zu der Überzeugung gekommen, unsichtbar geworden zu sein und dass sie sich noch mehr würde anstrengen müssen um nicht irgendwann in Vergessenheit zu geraten.
Als sie noch jung war, so schien es ihr, war das Leben viel einfacher gewesen. Sie war die Königin der Highschool und wer sie nicht liebte, der fürchtete sie, denn so lieblich ihr Äusseres war, ihre Zunge war scharf wie ein Fleischermesser. Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass der Glanz der Schulzeit nicht ewig halten würde und so bemerkte sie die ersten Anzeichen ihres Untergangs nicht und hielt eisern an ihrem sozialen Status und ihrem Verhalten fest, bis sie an einem friedlichen Dienstagnachmittag unsanft mit der Realität zusammengestossen war. Jane war in der Apotheke ratlos vor einem Regal mit Erkältungsmitteln gestanden und hatte versucht, das richtige Nasenspray für ihren Jüngsten auszusuchen, als sie eine Unterhaltung aufgeschnappt hatte. Schnell hatte sie ein Fläschchen ergriffen und war zur Kasse gehastet um dort zu bezahlen, bevor sie den Laden fluchtartig verlassen hatte. Letzte Woche war ein Klassentreffen ihres Jahrgangs gewesen und keiner hatte sie dazu eingeladen, man hatte sie einfach so vergessen; sie war so langweilig geworden, dass niemand mehr an sie gedacht hatte.
Jane schwamm gerade die letzten Züge ihres ersten Kilometers, als sie durch die blau getönten Gläser ihrer Schwimmbrille Debora entdeckte, die am hinteren Ende der Bahn ein Flipchart mit Zeichnungen von Aufwärmübungen aufstellte. Dafür, dass Deboras Chemotherapie noch im vollen Gange war, sah die Grundschullehrerin fit und munter aus, dachte sich Jane und winkte ihr zwischen zwei Schwimmzügen kurz zu. Jane war in ihrem Leben noch nie ernsthaft krank gewesen, nicht einmal ihre zwei Kinder hatten es geschafft sie mit einem Schnupfen anzustecken und bis auf einige Migräneanfälle kannte sie keine Schmerzen. Doch anstelle davon sich deswegen glücklich zu schätzen, starrte sie trübsinnig auf den gefliesten Boden des Pools, währendem sie vom Crawl in den Bruststil wechselte und wünschte sich heimlich, auch die Aufmerksamkeit geniessen zu können, die man erhält, wenn man todkrank war.
Kurz darauf konnte sie bei jedem Auftauchen hören, dass sich das Schwimmbad langsam füllte und sie entschloss sich, sich nach der nächsten Bahn eine kurze Pause zu gönnen. Kaum hatte sie sich fahrig abgetrocknet, wurde sie von Carl und Marie begrüsst und in ein kurzes Gespräch über die Belanglosigkeiten des Lebens verwickelt. Währendem sie abwesend die immer selben Fragen nach ihrer Familie beantwortete und den beiden desinteressiert zuhörte, rubbelte sie sich ihre Haare trocken und schaute mindestens viermal auf die Uhr. Als das Ehepaar endlich weiterzog um eine andere Bekannte zu begrüssen, betrachtete Jane Maries ausladenden Hintern. Marie war eine unheimlich hässliche Frau und das steigende Alter wollte ihr nichts Gutes, betonte ihre Unzulänglichkeiten noch mehr. Aber sie war ein ausserordentlich freundlicher, zuvorkommender und gütiger Mensch und so war es wohl ihren guten Eigenschaften zu verdanken, dass Carl sie noch nicht verlassen hatte und dass sie sich noch immer um Jane bemühte, obwohl diese bei jeder Begegnung nur jammerte, lästerte und nörgelte. Und wieder war es Jane, die sich minderwertig fühlte und geknickt ihre perfekte Figur im beschlagenen Spiegel ansah, der neben den Schwimmflügeln an der Wand hing. Hässliche Menschen, und da war sich Jane sicher, hatten es schon immer gut gehabt. Sie hatte nie die Möglichkeit erhalten, ihren Charakter durch die Zurückweisung anderer festigen zu können, war immer bevorzugt worden und was hatte ihr das gebracht?
Jane sprang elegant zurück ins Wasser um ihr Training fortzusetzen und um Christoph zu entgehen, der sie wohl gerade entdeckt hatte. Sie mochte sich nun wirklich nicht mit diesem erbärmlichen Idioten herumplagen, erst recht nicht wenn sie in einer solch miesen Stimmung war wie heute und seit der Notar vor drei Jahren sein linkes Bein bei einem Unfall verloren hatte, fühlte sie sich nur noch unwohler in seiner Gegenwart. Also setzte Jane ihre kraftvollen Züge durch das Wasser fort und tat so, als würden all die interessanten Menschen um sie herum nicht existieren, in der Hoffnung, die könnte ihre eigene Belanglosigkeit vergessen. Und tatsächlich gelang es ihr, sich im verunreinigten Wasser schwebend für einen kurzen Moment zu entspannen, sich in Phantasien zu verlieren und darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, würde sie nie wieder auftauchen; würde jemand ihr Verschwinden bemerken?
Als Jane ihr Training beendet hatte zückte sie ihren Badeanzug zurecht, schlang ihr Frottiertuch eng um ihren athletischen Oberkörper und genoss das Gefühl der rauen Fliesen unter ihren nackten Füssen, als sie neben dem Pool herlief. Bei der Treppe angekommen wandte sie ihren Blick nochmal in die Schwimmhalle, um zu sehen ob sich jemand mit einem Kopfnicken von ihr verabschieden möchte, aber niemand sah in ihre Richtung und so trabte sie mit schwerem Gemüt zu den Duschen.

Jane war eine wirklich seltsame Frau; sie war neidisch auf diejenigen, welche vom Glück verlassen wurden, weil diese es dennoch schafften, nicht in der Verzweiflung zu ertrinken, und bemerkte dabei ihr eigenes Glück nicht. Genau genommen bemerkte Jane so vieles nicht, weil sie es versäumt hatte zu lernen, ihre eigene Sicht auf die Dinge in Frage zu stellen um sich selbst die Chance auf Zufriedenheit zu geben. Deshalb verbrachte sie ihre spärliche Freizeit damit, ihrer Obsession über ihr Äusseres nachzugeben, empfand die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern als langweilige Verschwendung und versäumte es, ihrem Mann die Aufmerksamkeit zu geben, die er mit seiner liebevollen Art verdient hätte. All die Momente, die von ihr unbeachtet vorbeizogen und denen sie keine Bedeutung zugemessen hatte, hätten sie glücklich machen können. Doch sie bemerkte sie nicht; genauso wie sie die Stiefmütterchen nicht bemerkt hatte, die ihr ihre Tochter zum Geburtstag geschenkt hatte und welche kläglich und einsam eingegangen waren. Eigentlich ein komischer Zufall, dass ihre Tochter, ganz im Gegensatz zu ihr, ein so aufmerksames Mädchen geworden war. Sie war es auch, die Jane vor drei Wochen in die Dorfpraxis geschickt hatte, weil ihre Migräne stärker geworden war und sie würde es auch sein, die heute Nachmittag das den Anruf des Arztes entgegennehmen würde. Jane wusste es noch nicht, aber ihre Depressionen waren die Symptome eines aggressiven Gehirntumors, der sie nun endlich zu einem interessanten Menschen machen würde.

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2 Gedanken zu „Die Farbe Grün, oder was man sich wünscht

  1. Hallo wertes BücherMädchen
    Ich möchte mich herzlich für das wundervolle Feedback bedanken und freue mich natürlich sehr, dass dir meine neuste Geschichte gefallen hat.
    Ich hoffe, dass wir dich auch in Zukunft zu unseren Clue Readern zählen dürfen und werden uns bemühen, weiterhin ein abwechslungsreiches Leseerlebnis zu bieten.

    Liebe Grüsse, beste Wünsche und bis zum nächsten Mal
    Rahel

  2. Eine tolle Geschichte, mir gefällt vor allem dein Schreibstil und der große Detailreichtum.
    Wie du dabei die Clues in deinen Text einfließen lässt, hat mich ebenfalls beeindruckt.
    Alles in allem eine sehr schön erzählte Geschichte über einen auf sich selbst fixierten Menschen mit einem (leider) traurigen Ende.
    Gruß BücherMädchen

    P.S. Ich freue mich schon auf weitere Geschichten :-)

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