Marketing, oder weil sich alles vergolden lässt

RahelAutorin: Rahel
Setting: Salon
Clues: Paranoia, Interesse, Tablett, Würfel, Gallenstein

Diese Kurzgeschichte erscheint im Rahmen der ersten Clue Writing Challenge.

Matthieu fühlte sich komplett fehl am Platz und das nicht nur, weil er Matthieu hiess und seine Haut dunkler war als der Hartholzboden. Ein Kellner, der so aussah, als hätte er Probleme mit länglichen Gegenständen in seinem Enddarm, schenkte sprudelndes Wasser nach besann ihn mit einem mechanischen Lächeln.
„Wie wäre es mit einem etwas kundennäheren Approach?“, fragte Klopfenstein und sprach das englische Wort so aus, als würde er die Sprache auch tatsächlich sprechen können. „Etwas mit Kindern und Haustieren.“ Steiger tat nicht mal so, als würde er über den Pitch nachdenken und schüttelte einfach nur den Kopf, was Klopfenstein sichtbar ins Schwitzen brachte.
„Dann vielleicht etwas Dynamisches mit viel Tempo und kraftvollem geometrischen Design?“, stammelte er schnell, in der Hoffnung doch noch punkten zu können und sah dann hilfesuchend zu Matthieu, der ganz informell in seinem Sessel hing. Der grossgewachsene Genfer sah sich irritiert um und durchsuchte den Salon für einen Augenblick nach jemand anderem, dem dieser Blick gegolten haben könnte. Er seufze, als ihm klar wurde, dass niemand hinter ihm stand und zuckte mit den Schultern. Er hatte keine Ahnung von Marketing und war in der letzten Stunde zur Überzeugung gekommen, dass es den beiden anderen genauso ging, obwohl zumindest Klopfenstein vom Fach war. Um ehrlich zu sein, hielt Matthieu ohnehin nicht sonderlich viel davon, denn auch wenn Werbung sicherlich einen erheblichen Einfluss auf das Konsumverhalten hatte, schienen die meisten Experten nichts weiter als aufgeblasene Speichellecker zu sein, denen das Betriebswirtschaftsstudium zu schwierig gewesen war. Aber was wusste er schon davon, immerhin war er bloss ein kleiner Illustrator, der sich irgendwie seine Brötchen verdienen wollte, also hatte er sich vorgenommen, seine Vorurteile abzuschütteln.
Erneut kam der Kellner auf sie zugesteuert, dieses Mal trug er Gebäck auf seinem Tablett, das er mühelos auf seinen Fingerspitzen balancierte. „Darf ich den Herrschaften etwas anbieten?“, wollte er säuselnd wissen. Klopfenstein und Steiger verneinten unisono und Matthieu hätte das vermutlich auch tun sollen, aber seine Hand war schon ausgestreckt, was zu einer etwas peinlichen Kollision mit der Flanke des Kellners führte. Eine Zimtschnecke auf einem feinen Portelanteller landete vor ihm auf dem Salontischchen und er hätte schwören können, dass sich der Arschstockträger verbeugte, ehe er zurück zum Servierwagen marschierte. Etwas zerrissen darüber, ob er die Süssigkeit nun einfach essen oder vornehm warten sollte, starrte er auf die Stuckleiste über den raumhohen Fenstern.
Klopfenstein war gerade dabei sein ultra-dynamisches Konzept mit Anglizismen auszuschmücken, während Steiger, der anfänglich nur verhalten genickt hatte, jetzt nach vorne gelehnt aufmerksam zuhörte. Matthieu sah seine Chance, packte die Zimtschnecke und biss ein etwas zu grosses Stück ab.
„Was meinen Sie, Matthieu?“ Als er seinen Namen hörte, fror er ein, hörte sofort auf zu kauen und traute sich nicht einmal zu blinzeln, bis sich seine Mundwinkel zu einem verlegenen Grinsen verzogen. Ohne zu wissen, was er danach sagen sollte, schluckte er den widerspenstigen Brocken runter und überlegte fieberhaft, was die beiden vorhin gerade besprochen hatten. Irgendetwas von klaren Linien, der verständlichen Darstellung der Markenphilosophie und Event-Marketing-Würfel, also nichts, was auch nur annährend von Matthieus Interesse gewesen wäre.
„Ich weiss nicht so recht, aber“, begann er heiser und kämpfte gegen den Hustenreiz, den die Krümel in seiner Speiseröhre verursachten, „könnten wir nicht etwas Lustiges machen?“
Offenbar hatte er etwas richtig gemacht, denn jetzt lehnte sich Steiger plötzlich in seine Richtung und verlangte, dass er seine Idee erläuterte.
„Naja, die Zielgruppe für das Produkt ist ja quasi uneingeschränkt, also könnten wir situativen Humor, zugeschnitten auf verschiedene Gesellschaftsgruppen, verwenden.“
Für eine Sekunde hatte Matthieu den Eindruck, sein Vorschlag würde gut ankommen, das Erfolgsgefühlt dauerte aber nur solange an, bis Steigers buschige Brauen sich tief über die Augen legten und er mürrisch erklärte: „Junger Mann, nehmen Sie die Angelegenheit bitte ernst. Wir wollen den Konsumenten von der Hochwertigkeit unseres Produkts überzeugen und keine Slapstick-Show aufführen.“
Danach wandte er sich wieder an Klopfenstein, dem der Fehlschuss des Illustrators wohl gelegen kam, denn er sah so aus, als würde er gleich vor Schadenfreude platzen. Zu Matthieus Erstaunen meinte er jedoch: „Nein, ich glaube er ist damit auf dem richtigen Weg.“ Der frühzeitig ergraute Marketingexperte deutete anerkennend in seine Richtung und legte dann seine Unterarme auf die mit weinrotem Leder bezogenen Armstützen. Das war das erste Mal, dass er von einem seiner Vorgesetzten gelobt wurde, was Matthieus Paranoia bezüglich seines professionellen Umfelds jedoch nur noch steigerte. Meinte Klopfenstein das vielleicht nur sarkastisch, fragte er sich selbst und bemerkte dabei gar nicht, dass die Blicke der beiden Herren schon wieder auf ihm lagen.
„Also, dann los, machen Sie mir das Konzept schmackhaft“, forderte Steiger mit argwöhnisch verschränkten Armen. So in Rampenlicht gedrängt wünschte der Zeichner sich nichts anderes, als dass der steife Anzugträger mit einer teuren Wasserflasche vorbeikommen würde, doch er tat ihm den Gefallen nicht. Mit einem langgezogenen „Ähm“ und dem Gesichtsausdruck, den man eher bei einem Patienten erwarten würde, dem ein Gallenstein quer in einem filigranen Gallengang steckte, setzte Matthieu sich gerade hin. Jetzt würde er schnell denken müssen, davor hatte ihn schon seine Mutter gewarnt. „Sei stets bereit jede Chance zu nutzen“, hatte sie ihm eingebläut, natürlich hatte sie damals noch geglaubt, er würde Medizin und nicht Kunst studieren.
„Naja, ein Beispiel wären meine Mitbewohner, die immer Aktionspackungen von Ihrem Produkt kaufen und es dann bis unter die Decke stapeln, so dass man es in der Not nicht einfach nehmen kann, ohne den Turm einstürzen zu lassen.“
Unwillkürlich hielt der frankophone Matthieu die Luft an und versuchte vergeblich die Stimmung seiner Gegenüber zu lesen. Klopfenstein sass einfach nur da und zuckte mit keinem Muskel, also fügte er nach einer Weile nervös hinzu: „Um Familien anzusprechen könnten wir Kinder zeigen, die damit etwas bauen, oder Mütter, die ihren Ehemännern wütend einen Schnipsel anwerfen, der dann irgendwo zwischen ihnen zu Boden segelt.“ Eigentlich war er ein wenig stolz auf sich, dass ihm diese Beispiele so rasch eingefallen waren, aber auftrumpfen konnte er damit augenscheinlich nicht, denn anstelle von Gelächter herrschte bloss erdrückende Stille.
Gerade als Matthieu endgültig aufgeben und sich für seinen Beitrag entschuldigen wollte, passierte es: Steiger legte seine Brille auf den Tisch, kratzte sich am Bart und klatschte dann langsam in die Hände. Der Illustrator und sein Arbeitgeber, der Marketingheini, sahen sich verwirrt an, bis der Kunde schliesslich mit einem gefälligen Schmunzeln auf den Lippen gratulierte: „Sehr gut, damit kann ich etwas anfangen.“
Mit einer ausladenden Geste bestellte Steiger den Kellner zum Tisch und verlangte die Weinkarte, ehe er zufrieden posaunte: „Machen wir Klopapier zum lustigsten Haushaltsgegenstand aller Zeiten!“

* * *

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6 Gedanken zu „Marketing, oder weil sich alles vergolden lässt

  1. Stimmt allerdings mit der richtigen Idee lässt sich sogar aus Sch… – ich lass das lieber!
    Im waren TV-Leben sind manche Werbespots ja auch oft zu dämlich, manche hoffen immer noch, das die nervige Negativwerbung besser im Kopf bleibt und die Kunden in die Läden zieht.
    Als Kind der 80’er (zumindest kann ich mich ab da an Werbefernsehen erinnern) mag ich’s allerdings doch eher lustig oder pfiffig!

    Liebe Grüße

    fantasylife

    • Hallo werter Herr Mathias von Armatin

      Jaja, Toilettenpapier gehört zur Spritzigkeit, wie hartnäckige Verpackungen zu Knusperriegeln.
      Vielen Dank für deinen Kommentar, der mich dazu bringen wird, meinen nächsten Badezimmer-Ausflug mit Gedanken an spritzendes Wasser anzutreten ;)

      Liebe Grüsse und Regenschirm-Grüsse
      Deine Clue Writer
      Rahel

    • Hallo Arne

      Na, wenn das mal nicht das der schönste Lohn für die Tipperei ist…
      Es freut mich wirklich sehr, dass ich dir nicht bloss ein schelmisches Schmunzeln, sondern sogar ein Lachen entlocken konnte.
      Vielen Dank für deinen Kommentar, damit hast du das Grinsen gleich an mich weitergereicht!

      Liebe Grüsse und mit Lachfältchen verzierte Grüsse
      Deine Clue Writer
      Rahel

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