Eine gute Tat

SarahAutorin: Sarah
Setting: Irish Pub
Clues: Misthaufen, Garageneinfahrt, Hitzewelle, Misogynie, Papageienfeder
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Die Hitzewelle hielt die Stadt weiterhin fest in ihrem feucht-tropischen Griff und obwohl es bereits nach zehn Uhr abends war, trugen die meisten Passanten gerade mal so viel Stoff am Leib, wie unbedingt nötig war, um nicht ungesittet zu wirken. Neonschilder in allen erdenklichen Farben spiegelten sich in dem regennassen Pflaster, das bereits bessere Tage gesehen hatte da das ganze Viertel noch nicht viel vom Wirtschaftsboom erlebt hatte, der das Downtown bereits fest im Griff hielt, wo reheinweise glänzende Hochhäuser gen Himmel wuchsen. Paul ging eine Strasse lang, an der ziemlich alte Autos geparkt waren, er hatte bisher nur Vorkriegsmodelle sehen können. Neben einer Garageneinfahrt blieb er kurz stehen und er konnte erkennen, dass zwei Männer einen Drogendeal in der Einfahrt abwickelten. Instinktiv griff er auf seine Brust, dorthin, wo bis vor kurzem seine Marke gewesen war – Um zu schützen und zu dienen. Doch er wandte sich ab und ging die paar Schritte weiter zum Eingang seines Stammlokals, einem alten Irish-Pub – er war kein Polizist mehr, solche Dinge hatten ihn nicht zu kümmern. Einige schwache Lampen beleuchteten das grün gestrichene Holz mit den kleinen Fenstern, das wirkte, als wäre es auf den alten Backsteinbau aufgesetzt worden.

Als Paul eintrat, versuchte er trotz den dichten Rauchschwaden in dem etwa halb besetzten Lokal etwas zu erkennen. Er konnte hören wie aus der Jukebox im Hintergrund Jazzmusik spielte, sie klang plärrend und etwas metallisch. Während er der Theke entlang ging, liess er seinen Blick über die Gäste schweifen; wie immer stammten die meisten aus diesem Quartier, die schlecht angezogenen waren Arbeiter und die Männer mit den eleganten Hüten gehörten zur Mafia. Neben ihm sass eine Gruppe ziemlich betrunkener Männer, die obszöne Witze rissen, die vor Misogynie nur so troffen. Er hörte ihre Stimmen beinahe wie durch einen Schleier, es schien dieselbe alte Leier wie jeden Abend zu sein. Dann setzte er sich an einem möglichst abgeschiedenen Ort an die Theke und rief dem Barkeeper zu: „Einen Scotch, Ronnie.“
Der ältere Mann wandte sich um und entgegnete über den Lärm: „Wie immer, wer hätte es gedacht.“
Während er auf seinen Drink wartete, liess Paul die Ereignisse Revue passieren, die ihn hierhin gebracht hatten. Als dekorierter Kriegsheld, der in seiner Einheit mehr Nazis erledigt hatte als alle anderen, war er nach seiner Rückkehr rasch bei der Polizei eingestellt worden; niemand hatte daran gezweifelt, dass er es mindestens bis zum Captain bringen würde. Er zündete sich eine Zigarette an und seufzte. Doch der Krieg war vorüber und die Nazis besiegt, er war nicht mehr in Übersee und ein Polizist hatte sich anders verhalten müssen als ein Soldat. Seine Albträume waren mit jeder Woche schlimmer geworden und er hatte sich gewünscht, endlich etwas anderes zu sein als der übermüdete einsame Mann, der seine Kriegswunden im Kopf mit sich herumtrug. Erst darum hatte er mit dem Stoff angefangen, doch dieser war rasch zur wahren Wurzel seiner Probleme geworden. Die ganze Geschichte hatte damit geendet, dass er vom Dienst suspendiert worden war und sich nun mit seinem Job als Privatdetektiv über Wasser halten musste.

Als Ronnie den Drink vor ihn stellte, blickte Paul wieder auf und bemerkte die schöne Frau in dem eleganten schwarzen Kleid und mit einer Papageienfeder auf ihren Hut, die sich offenbar neben ihn gesetzt hatte. Mit einer ziemlich unsicheren Stimme fragte sie ihn: „Haben Sie Feuer?“
Er bejahte und griff in seine Hosentasche, um das Feuerzeug hervorzukramen. Er hatte das Gefühl, dass es ihm jeden Moment entgleiten würde und fragte sich, ob seine Hände wegen der unerträglichen Hitze derart feucht waren. Während er ihre Zigarette anzündete, erkundigte er sich: „Was machen Sie denn in einer Bar wie dieser? Ich bin übrigens Paul.“
Sie blickte sich ängstlich um, bevor sie flüsternd fragte: „Mein Name ist Sue – kann ich ihnen vertrauen?“
Paul nickte bloss; er hatte das Gefühl, dass sie ihn in ihren Bann zog, sie hatte etwas hektisches und verletzliches an sich, dass ihn faszinierte, wirkte jedoch gleichzeitig aussergewöhnlich entschlossen. Er wusste nicht, was er von ihr denken sollte, doch es gelang ihm auch nicht, seine Augen von ihr abzuwenden.
„Ich bin auf der Flucht und weiss nicht, wohin ich gehen soll, um sicher zu sein.“
„Vor wem denn?“, fragte er besorgt. „New York ist eine grosse Stadt, und ich kenne viele Ecken, vielleicht kann ich Ihnen helfen.“
„Sehen Sie, Paul, ich habe mich mit ein paar sehr schlechten Typen eingelassen, und als ich von ihnen weg wollte, sagten sie, dass ich nicht mehr gehen darf.“
Ohne gross nachzudenken, erklärte er: „Ich werde Ihnen helfen, so etwas haben Sie nicht verdient. Wer sind diese Misthaufen denn?“
Sie deutete stumm auf einen runden Tisch in der Ecke, an dem einige Männer mit Hüten sassen, die Poker spielten. Sie sahen ziemlich gefährlich aus und Paul hatte das Gefühl, als würde sich sein Magen zusammenziehen, denn er erkannte die Männer als Stammgäste und wusste aus seiner Zeit als Polizist, dass sie zu der irischen Mafia gehörten. Doch etwas an der Unbekannten hatte ihn derart gefesselt, dass er sich entschied, die Mafiosi trotzdem zu konfrontieren. Die Frau hatte etwas an sich, das er in der Art nicht kannte und das ihn faszinierte und anzog; er würde alles tun, um heute Nacht zu ihrem Helden zu werden und nicht der nutzlose Versager zu bleiben, für den er sich hielt. Paul trocknete seine feuchten Hände an seinen Hosen ab, bevor er nach seinem Revolver griff, sich wagemutig erhob und in Richtung der Mafiosi bewegte.

Langsam legte sich der Pulverdampf der abgefeuerten Revolver und man konnte erkennen, dass in der Bar ein grosses Chaos herrschte. Die Gäste waren durch den Eingang geflüchtet oder hatten unter den Tischen Deckung gesucht. Nun lag eine beinahe unerträgliche Stille über dem Raum – auch die Jukebox hatte aufgehört zu spielen. Überall in den Wänden waren Einschusslöcher zu erkennen und die Mafiosi lagen allesamt in Blutlachen auf dem Boden, manche tot und manche schwer verletzt. Aus der Ferne war Sirenengeheul zu hören, doch Paul konnte es durch den Nebel von Schmerzen in seiner Magengegend kaum mehr wahrnehmen. Er lag auf dem Rücken und konnte sein schmerzverzerrtes Gesicht in dem von einer Kugel zerbrochenen Deckenspiegel erkennen. Dann beugte sich die mysteriöse Sue mit einem schwachen Lächeln über ihn und schien etwas zu sagen. Er dachte sich, dass er nun wenigstens als Held sterben würde, falls er nicht mehr bis ins Spital durchhalten konnte, und es war ein gutes Gefühl, ihr Leben gerettet zu haben. Dann verlor er das Bewusstsein und alles um ihn herum wurde weiss, lange bevor er hätte begreifen können, dass sie ihn benutzt hatte und zu einem verfeindeten Mafia-Clan gehörte.

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