Nebelwald

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Sein Körper wurde von den bebenden Atemstössen seines preisgekrönten Jagdpferdes rhythmisch auf und ab gewippt, als er das schweißnasse, dampfende Fell des muskulösen Tieres flattierte. Benedict knotete die Zügel fahrig am Ring des Aufstiegriemens fest, griff in die Brusttasche seines Designerhemds und zündete sich danach genüsslich einen Glimmstängel an. Die Sonne war bereits vor Stunden hinter den Baumwipfeln verschwunden und das Mondlicht, das durch trübe Nebelschwaden sickerte, verlieh dem Wald eine märchenhafte Stimmung, die beinahe über die unangenehme Kälte hinwegtäuschen mochte. […] Weiterlesen

Mörderspiele

Unruhig wälzte Dulé sich auf dem billigen Liegestuhl hin und her, die Sonne brannte unangenehm auf seinen Füssen, die vom Schirm nicht mehr verdeckt wurden, und der Mojito, den er vor einigen Minuten an der Bar des nahegelegenen Strandbistros gekauft hatte, drohte überzuschwappen. Der Strand vor voller Menschen, lauten Kindern und noch lauteren alkoholisierten Eltern, die durchs Meer rannten und planschten und früher oder später würde wieder jemand hinfallen, wobei Dulé einen Lachanfall würde unterdrücken müssen. Er fand diesen Ort unerträglich, doch sein bester Freund, mit dem er schon seit mehreren Jahren zusammenarbeitete und der ihn angeblich immer wieder aus seiner Misanthropie befreien wollte, hatte ihn zu diesem Strandurlaub eingeladen und leider diktierten ihm nun die soziokulturellen Konventionen, an einem […] Weiterlesen

Ahnenhalle

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Als ich diesen Ort vor drei Jahren zum letzten Mal betreten hatte, rutschten meine Fersen bei jedem Schritt aus den Gummistiefeln meiner Mutter und meine Hände wirkten in den geblümten Gartenhandschuhen, wie die einer Puppe. Vieles hatte sich verändert, wir alle waren nicht mehr dieselben und es erstaunte mich doch sehr, dass das marode Gewächshaus nicht einer kargen Eisscholle, sondern einem urbanen Urwald glich. Die unzähligen Pflanzen, deren Namen ich nie gekannt habe und die ich – als der Banause der ich nun einmal war – mit dem so treffenden Wort ‚Grün‘ bezeichnen würde, wucherten wild und frei durcheinander und schienen die […] Weiterlesen

Kulturerbe

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Staub und pulverisierter Mörtel rieselten bei jeder Erschütterung von der alten Decke, das Licht der blau getönten Glühbirne flackerte jedes Mal und der Emaille-Schirm der Lampe wankte leicht. Hannah seufzte, während sie sich an das alte und schon leicht schimmelig wirkende Bücherregal lehnte, das auf dem festgetretenen Erdboden stand. Es war nun die vierte Nacht in Folge, welche sie zusammen mit ihren Nachbarn in dem modrigen Keller verbringen musste. Sie waren zu viert: Nebst Hanna gab es noch den verwitweten Hauswart Rufus, der bereits um die siebzig war und heimlich BBC hörte – was eigentlich jeder wusste, da er wegen seiner Schwerhörigkeit das Radio so laut […] Weiterlesen

Erwach(s)en

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Sie hatte irgendwann mal gelesen, dass es einem in die Wiege gelegt wird, ob man ein Morgen- oder ein Nachtmensch ist. Als Marie sich vor wenigen Minuten in ihr neues Auto gesetzt hatte, war der Himmel noch in ein dunkles Blau gehüllt und nur wenige helle Flecken verrieten die Sonne, die hinter dem Horizont auf ihren allmorgendlichen Auftritt wartete. Als sie die schmalen Quartierwege verließ und auf die Hauptstraße abbog, kramte sie etwas ziellos in ihrem Handschuhfach, um nach einem Kaugummi zu greifen. Marie war kein Morgenmensch und doch liebte sie die frühen Morgenstunden, nahm sich jeden Tag Zeit dafür sie bis aufs Letze auszukosten. Ihre Routine war stets […] Weiterlesen

Einzelteile

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Der junge Mann streckte sich und warf einen Blick aus dem verdreckten Seitenfenster des alten Dodge-Kombis, welcher in der brütenden Spätnachmittagshitze auf einem dieser riesigen, leeren Supermarkt-Parkplätze stand. Die Motorhaube war von der langen Fahrt durch die Everglades noch warm, der Wagen war gerade eben angekommen. Aus dem Radio dudelte irgendeine Melodie, die er schon so oft gehört hatte, sodass er sie kaum mehr wahrnahm – typische Fahrstuhlmusik eben. Er mochte keine unscheinbare Musik, da bevorzugte er Pauken und Trompeten oder Orgelklänge, Hauptsache es weckte auf, sowohl physisch als auch spirituell. Er hatte das große Buch […] Weiterlesen

Innenleben

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Heute war wieder einer dieser regnerischen Tage, die selbst einen gut beleuchteten Raum in eine unheilvolle Atmosphäre tauchten und das leise Pochen der Regentropfen auf dem Flachdach der Gefängniskantine füllte meinen Geist mit Schwermut, so dass es mir bitter erschien, aufmerksam bleiben zu müssen. Ich ließ meinen trägen Blick durch die unzähligen Bankreihen schweifen und ließ zu, dass meine Gedanken abdrifteten, während ich mich gegen die kalte Wand, direkt neben der schweren Durchgangstür zum Westflügel, lehnte.
Dieses Gefängnis war in den letzten Jahren zu meinem Zuhause, meinem Biotop […] Weiterlesen

News | Social Media

Hallo liebe Clue-Reader

In erster Linie möchten ich euch, unseren Lesern, herzlich danken, dass ihr nun bereits einen Monat mit uns durchgehalten habt. Wir haben schon jetzt einiges aus diesem Projekt gelernt und wir hoffen, euch weiterhin zu unserer werten Leserschaft zählen zu können. Da Clue Writing noch ein ziemlich junges Projekt ist, gibt es nebst Geschichten auch immer wieder etwas darüber zu erzählen, wo wir nun stehen und was seither geschehen ist.

Wir haben in letzter Zeit sowohl eine Facebook-Seite als auch einen Twitter-Account […] Weiterlesen

Präsidiale Stockenten

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„John Smith? Was für ein Name soll denn das sein?“, rief Aaron lachend aus, während er den Brief zur Seite legte. „Welche Eltern sind so grausam, ihr Kind so zu nennen? Kein Wunder, dass er Anwalt ist.“
Er sah sich in dem schwach erleuchteten Großraumbüro seiner Kanzlei um und ließ seinen Blick dann über die nächtlichen Lichter der New Yorker Skyline schwenken, wobei er immer sein Spiegelbild in der Fensterfront erkennen konnte. Das Schöne daran, im fünfzigsten Stock zu sein, war dass man die grandiose Aussicht genießen konnte; man konnte die Spitzen der Hochhäuser, wie sie majestätisch vor dem großen […] Weiterlesen

Hypertopia

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Es roch nach Blumen und Honig, vielleicht nach Bienenwachs, als sie ihre Augen zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder öffnete. Die Zimmerdecke, die aus einer Art geschwungener Metallplatten bestand, und die viel zu weiche Matratze, auf der sie lag, verrieten ihr, dass sie nicht mehr zu Hause, in dem kleinen Reihenhäuschen in Kansas, war. „Wo bin ich?“ Als Sarah sich langsam aufrichtete und den etwas untersetzten Mann sah, der sie freundlich anlächelte, hatte sie ein starkes, schwer auf ihr lastendes Déjà-Vu Erlebnis, das ihr das Bewusstsein zu rauben drohte. „Guten Tag Miss Sarah. Bitte erschrecken sie nicht.“ Es roch nach Blumen und Honig, vielleicht nach […] Weiterlesen