Schlüsselerlebnisse und anderer Unfug

SarahAutorin: Sarah
Setting: Hausflur
Clues: Bücherregal, Mond, Empfangssignal, Singvogel, Hektik

Der Mond stand als grosse gelbliche Scheibe am Himmel und sein diffuses Licht, das lange Schatten warf, fiel in den Hausflur, der zu dieser Nachtzeit verlassen dalag. Während ich Sandras zierliche Umrisse dabei beobachtete, wie sie mit dem improvisierten Dietrich hantierte, überkam mich wieder das bekannte Kribbeln im Mund. Ich musste den Impuls, laut loszulachen, mit aller Kraft unterdrücken, als mir der Gedanken durch den Kopf zuckte, dass ich mich wieder ganz wie ein Teenie fühlte. Nein, diese Zeiten waren endgültig vorbei, ich war längst erwachsen, aber offenbar gab es Emotionen, welche sich nie veränderten. Ich seufzte zufrieden und lehnte mich gegen das alte Bücherregal, das offenbar von einem Mieter im Flur stehengelassen worden war; es knarrte unangenehm laut und gab beinahe nach und mir gelang es gerade noch rechtzeitig, mich wieder aufrecht hinzustellen. Sandra blickte verwirrt auf und zischte mich leise an: „Mach nicht so einen Lärm, da könnten wir die Türe ja gleich aufsprengen.“
Der Gedanke amüsierte sie offenbar, denn sie gluckste leise und ich konnte im Mondschein die kleinen Fältchen sehen, die sich immer neben ihren Augen bildeten, wenn sie lachte und die ihr etwas Schalkhaftes verliehen.
Nun, rückblickend kann ich sagen, dass es vielleicht nicht die klügste Idee war, Sandra nachts um drei mein Türschloss knacken zu lassen, doch wir waren ziemlich angetrunken und vielleicht auch etwas verrückt. Wir waren erst seit etwa einem Monat zusammen und noch in der Phase unserer Beziehung, in der man frisch verliebt ist, die Partnerin anhimmelt und vor allem allerlei Unsinn anstellt – nun gut, vielleicht ist Letzteres auch nur bei mir so. Sie kauerte sich hin, um besser sehen zu können was sie tat und mein Blick wanderte von ihrem Hals zu der schmalen Taille, um die ich immer zum Einschlafen meinen Arm legte, wenn sie bereits tief und fest schlummerte.
Wenn ich es recht bedachte, hätte ich sie vielleicht nicht dazu auffordern sollen, mein Schloss zu knacken, nur um mir zu beweisen, dass sie in ihrer Jugend  tatsächlich in fremde Häuser eingestiegen war. Immerhin hatte sie jetzt einen guten Job und bei ihrem Arbeitgeber würde sich eine Verhaftung wegen Einbruchs nicht sonderlich gut machen. Ich konnte vor meinem geistigen Auge bereits sehen, wie Streifenwagen mit Blaulicht und quietschenden Bremsen vor meinem Haus hielten und ein Sondereinsatzkommando voller Hektik meinen Flur stürmte. Doch nichts dergleichen geschah, bloss das Gezwitscher eines einzelnen Singvogels war vor dem offenbar nicht allzu schalldichten Fenster zu vernehmen; das Biest sass normalerweise vor dem Schlafzimmerfenster und trieb mich halb in den Wahnsinn, während Sandra wunderbar zu der Musik, wenn man den Lärm des impertinenten Piepmatzes denn so nennen mochte, einschlafen konnte.
Ein leichtes metallisches Knacken, das definitiv nicht nach einem geöffneten Schloss klang, riss mich aus meinen Gedanken. „Ups“, murmelte Sandra, während sie die Hälfte des Dietrichs aus dem Schloss zog, die nicht darin steckengeblieben war. Sie vermied es, mich anzusehen, obwohl ich in dem Halbdunkel ihre Mimik bestenfalls hätte erahnen können. Ich wusste nie so genau, ob ich es niedlich oder einfach zum Totlachen komisch finden sollte, wenn sie sich schämte. Schliesslich rang sie sich dazu durch, überzeugt zu erklären: „Die Schlösser sind auch besser geworden, seit ich ein Teenager gewesen bin.“
Ich prustete los und konnte nur mit Mühe verhindern, dass ich damit den ganzen Block aufweckte. Sandra schwieg für einige Zeit, ratlos, was wir nun tun sollten, denn um die Sache spannender zu machen, war ich nämlich auf die grandiose Idee gekommen, den Schlüsselbund vorher in den Briefkasten zu werfen. Schliesslich erklärte ich möglichst nüchtern: „Ich glaube, ich rufe besser mal den Schlüsseldienst.“
Während ich, wegen meinem Restalkoholspeigel ziemlich langsam, das Handy aus meiner Hosentasche kramte, popelte Sandra wieder mit dem abgebrochenen Dietrich offensichtlich planlos in dem Schloss herum. Als ich einen Blick auf das Display warf, begriff ich, dass das Handy hier gar kein Empfangssignal hatte; wir waren auf uns allein gestellt und auf die naheliegende Idee, es mal vor dem Haus zu versuchen+, kam ich gar nicht erst. Ich wusste nicht so recht, warum mich diese, eigentlich eher unangenehme, Situation so anregte. Offenbar musste man nicht mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen, um auf den Geschmack von Freiheit und Abenteuer zu kommen, ging es mir durch den Kopf. Sandra unterbrach meine zusammenhangslosen Gedankengänge und fragte: „Was jetzt?“
„Wir lassen uns von nichts unterkriegen“, gab ich nun bereits einigermassen motiviert zurück. „Knacken wir doch einfach das Schloss am Briefkasten, das wird sich wohl leichter öffnen lassen.“
„Nein, ich gebe nicht auf!“, entgegnete Sandra verbissen, wobei sie, stur wie sie nun mal war, wieder im Schloss herumstocherte. Nun begann ich mich zu fragen, wie unsere Beziehung wohl in einigen Jahren aussehen mochte. Da war einerseits ich, chaotisch, faul und für jeden noch so kindischen Unsinn zu haben und auf der anderen Seite sie, ordentlich, beinahe schüchtern und doch sturer als alle, die ich bisher gekannt hatte. Wie hatte ausgerechnet sie bloss den Mut gefunden, mich vor einem Monat in dem Bus anzusprechen? Gerade als meine Gedanken in eine weniger optimistische Richtung abzudriften drohten, sprang die Wohnungstür mit einem lauten Klacken auf.
Ungläubig starrte ich auf die geöffnete Tür, durch die nun ein Streifen Mondlicht in das Apartment fiel. „Wie hast du das gemacht?“
Nun brach sie in Gelächter aus und diesmal war ich mir sicher, dass sie den halben Block aufweckte, denn sie kam dabei kaum mehr zu Atem und ich glaubte in dem leeren Flur ein Echo ihrer Stimme zu hören. „Gar nicht – offenbar hast du nicht abgeschlossen.“
Als ich, noch immer irritiert, in meine Wohnung trat, griff ich als erstes nach dem Ersatzschlüssel, der auf dem Bücherregal neben der Tür lag. Das beruhigende Gefühl, welches von dem kleinen Stück Metall in meinen Fingern ausging, war schon fast überwältigend, wenn man bedachte, wie banal die ganze Sache eigentlich gewesen war. Von dem Schlüssel in meiner Handfläche fiel mein Blick auf Sandra, die möglichst rasch und leise die Tür hinter sich geschlossen hatte und noch immer kichernd und atemlos im Rahmen lehnte. Wenn ich es recht bedachte, war auch sie für jeden Unfug zu haben, wie sie gerade beweisen hatte; ich fand nun, dass meine Zweifel verfrüht gewesen waren. Sollte morgen kommen, was wolle, wir würden schon irgendwie damit klarkommen, schliesslich hatten wir ja einander und einen funktionierenden Wohnungsschlüssel.

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