Gaststory | 45: Die Schweinehälften kommen!

GuestAutorin: Petra Arentzen
Setting: Lebensmittelgeschäft
Clues: Korrektorat, Gleitgel, Sandwichpapier, Xbox, Defibrillator

„18 an 47“, „45 an 36“, piep, piep, piep, „18,49€ bitte“, kassierte ich und da sah ich sie, die Meute meiner Kollegen, wie sie schnaubend und mit roten Köpfen auf die Kasse zukamen. Wie eine Horde wütender Stiere, die die Straßen von Pamplona plattwalzen. Ich liebe diesen Witz und mein Grinsen geht wahrscheinlich gerade einmal um meinen ganzen Kopf, aber meine Kollegen, na ja… die sind nicht immer so lustig wie ich.

„Was soll das? Der Pfandautomat ist nicht voll und Code 47 gibt es überhaupt nicht.“ – Ich spüre feuchte Tröpfchen in meinem Gesicht. Die Tussi, die hier den Pfandautomaten reinigt, hat eine ziemlich lebhafte Aussprache. „45 an 36? 45 heißt Anlieferung der Schweinehälften und bei 36 läuft die Kundentoilette über.“ Mein Chef ist zum Glück ein sehr introvertierter Mensch und spricht immer sehr ruhig mit uns. Aber alles hat Hand und Fuß, wenn er eben überhaupt mal den Mund aufmacht.

Okay, ich bin hier neu, vielleicht sollte ich mich besser anpassen? Aber so ein Lebensmittelgeschäft ist einfach dermaßen uncool! Ich spacke den ganzen Tag an der Kasse ab. Morgens zwischen halb acht und neun Uhr dreißig kommen die Hipster. Schnell noch ein Bio-Smoothie zu den Dinkel Waffeln oder einen überteuerten Latte-Eis-Kaffee aus der Kühlung. Sie sind generell schnell wieder aus dem Laden raus, wenn sich ihnen nicht eine Rentner-Gang in den Weg stellt, die sich zwischen acht und neun ihre drei Scheiben Wurst und Brötchen holen. Das ist immer lustig. Als würden die Hipster hinter ihnen mit den Füßen scharren. Tatsächlich hat mal einer ne Oma zu ihrem Einkauf eingeladen, da er es eilig hatte und sie natürlich passend bezahlen wollte. Ich mag die Rentner, die ihr Kleingeld abzählen. Ich kann währenddessen meine Social Media Präsenz aufpolieren, vielleicht noch ein Korrektorat beenden und abschicken oder meine Pakete online verfolgen.

Ihr fragt euch, wieso ich diesen Job überhaupt mache, wenn ich den so lahm finde? Meine Mutter. Ich verdiene einen arschvoll Kohle als Lektor. Und wenn ich nicht schlafe, rezensiere ich Spiele. Alles, was ich in die Finger bekomme. Von Gameboy über Playstation, manchmal hole ich meinen alten Atari oder Sega Mega Drive wieder raus und streame Let’s Plays, bis hin zur XBox oder PS4. Spiel ist Spiel – und ich beherrsche sie alle. Ich bin in der Szene relativ bekannt und bekomme sie deshalb für lau. Rezensionen im Netz kurbeln schließlich den Verkauf an.

Doch meine Mutter meint, dass das alles gar nicht sein kann! Welche Firma verschenkt denn bitte Sachen, damit man im Internet darüber spricht, das ist doch total bescheuert. Also glaubt sie eher, dass ich mir das Zeug illegal besorge. Vom LKW gefallen – und dabei macht sie diese bescheuerten Anführungszeichen in der Luft. Als wüsste sie überhaupt, wer Dr. Evil ist …

Also habe ich, um sie beruhigen, diesen Kassiererjob angenommen. Der mich Null fordert und deswegen fallen mir diese lustigen Sachen ein. Falsche Codes über das Supermarkt-Lautsprechersystem durchgeben, sorry, da hat man an der Kasse nun mal die Macht an dem Ding. Ich flirte mit den Omas, damit sie noch langsamer nach ihrem Kleingeld suchen. Ich zwinkere Männern zu, die Gleitgel kaufen oder rate Frauen Kondome zu kaufen, wenn sie einen unfassbar dummen Typen dabei haben.

Ich amüsiere mich also extrem. Und… liebe Kassiererinnen. Das heißt nicht, dass der Job scheiße ist! Man hat viel Verantwortung, für die ganze Kohle – und ist das Aushängeschild des Ladens. Aber das ist eben nicht mein Ding, ich bin 29 und will verdammt noch mal nicht seriös sein! Ich will in meinem roten Cape jede erfundene Welt retten. Meine Waffe ist ein Defibrillator und ich schocke damit jeden auf Teufel komm raus, wenn er Camper ist, mit Bananen wirft, wie ein Geist aussieht, im Ascheregen umherirrt, meine Freunde beim Chanten stört oder irgendwelche Kisten ohne Inhalt aufstellt.

Bewaffnet mit der Macht des Stroms und einem Nutella-Käse-Sandwich, liebevoll von Mama in diesem fettigen Sandwichpapier eingepackt, einer Rolle Pringles und einer zwei Liter Flasche Energy Lebenselexier, verweile ich so Tage in der kleinen Anbauwohnung bei meinen Eltern und rette die Leben von Millionen Menschen, Figuren, Gestalten, mit festen, flüssigem oder gasförmigen Körper, is mir scheiß egal!

Doch das hat ein jähes Ende genommen, als meine Mutter mir diesen wundervollen Job besorgt hat. So hab ich jetzt nur noch nach meiner offiziellen Arbeit Zeit, für ein paar Stunden „Internetzeug“, womit ich eigentlich alles bezahle und erst danach kann ich wieder in mein Cape schlüpfen.

Ich hab jetzt schon die Schnauze gestrichen voll und soll das bis zur Rente durchziehen? Never! Ich befürchte, ich muss von Zuhause ausziehen. Obwohl, dann muss ich auch selber putzen, meine Wäsche machen, mir selbst Essen besorgen und Staubwischen. Würg!

Vielleicht halte ich es ja doch noch ein paar Jahre in dem Lebensmittelgeschäft aus, falls die hinter meinem Rücken nicht sowieso schon einen Putsch planen und mich rausschmeißen wollen? Und dann erbe ich einfach mein Elternhaus, baue es erst mal um, da fehlt definitiv ein Heimkino, ein Whirlpool mit ausreichend WLAN und endlich ein eigenes Spielzimmer. Mit allen Konsolen, die diese Welt zu bieten hat. Was für ein Traum. Piep, piep, piep, piep. „57.23€, bar oder mit Karte?“

* * *

Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Mehr über Petra Arentzen sowie alle Links zu ihren Seiten findet ihr auf ihrer Gastautorenseite.

9 Gedanken zu „Gaststory | 45: Die Schweinehälften kommen!

  1. Pingback: Gaststory – 45: Die Schweinehälften kommen! | Mein Blog – meine Gedankenfürze

  2. Gut geschrieben. So viel fröhlicher, als die Geschichten auf deinem Blog ;) Und auch, wenn es eigentlich unwichtig ist frage ich mich: Mann oder Frau? Das noch bei Muttern wohnen würde ja für einen Mann sprechen (Klischeekiste wieder zu).

    • Jederzeit gerne und danke, dass du dabei sein wolltest, es hat echt Spass gemacht, mit dir zusammenzuarbeiten! Wir sehen dich natürlich auch jederzeit gerne wieder in den Rängen unserer Gastautoren :)
      Für die Clue Writer verneigt sich,
      Sarah

    • Ja gut, das merk ich mir :D
      Ich fands auch super, dass das alles so einfach von statten ging. Ich denke, ich werde meinen Job kündigen müssen, damit ich mehr schreiben kann ;)

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