Spiegelwelten

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.
Diese Geschichte spielt im erweiterten Universum „In ferner Zukunft“.

Zielstrebig schritt Natala durch den ausgestorbenen und düsteren Gang an Bord der Lerbina-Raumstation, einem bereits etwas maroden, doch zumindest großen Konstrukt, das um den gleichnamigen Planeten kreiste und in einer reicheren Gegend bestenfalls aus Nostalgie noch nicht verschrottet worden wäre. Hier draußen, am Rand der bewohnten Galaxis, waren die Lebensbedingungen härter, die Karrieremöglichkeiten beschränkter und hier saßen die Blaster lockerer als auf den auf Hochglanz polierten Zentralwelten mit ihren Megastädten und dem großen Wohlstand. Natala stammte aus einer Arbeiterfamilie von den Neurussischen Kolonien und war nach einer ziemlich unkonventionellen kriminellen Laufbahn letztendlich Weltraumschmugglerin geworden. Und obwohl das nicht ein Zeichen von großem sozialem Erfolg sein mochte, so war die stämmige dunkelhäutige Frau mit ihrer Vorliebe für Lederjacken und Cargo-Hosen doch etwas stolz auf ihre Verdienste. Schließlich besaß sie ein eigenes Schiff, auf dem sie zusammen mit ihrem besten Freund Stanley Konterbande durch die halbe Galaxis verfrachtete, während es hier draußen noch Familien gab, deren sanitäre Einrichtungen fast schon mit Hightech-Bettpfannen verglichen werden konnten.
Stanley ging neben ihr her und sie konnte ihm ansehen, dass er etwas unruhig war – in ihren Geschäftskreisen war ein Meeting nicht immer eine ganz gewaltlose Angelegenheit in einem gestylten Büro und der Auftraggeber Kim, den sie treffen wollten, war wegen seinem mangelnden Verhandlungsgeschick geradezu legendär geworden. Einige Zeit herrschte Schweigen, das schließlich von ihm gebrochen wurde: „Vielleicht sollten wir uns ein Haustier zulegen, eine Katze oder so was? Manchmal ist es ziemlich leer auf unserem Frachter.“
Natala überlegte kurz, bevor sie entgegnete: „Eigentlich würde mir die Idee gefallen, doch wir sind nur zu zweit und das arme Tier würde nicht mehr gefüttert werden, wenn wir beide erschossen würden. Aber vielleicht haben wir ja mal eine grössere Crew.“
„Na klasse“, begann Stanley trocken, „dann könnten wir zu viert zu Kim gehen – würde sicher noch viel mehr Tote geben.“
Natala lachte rau, während sie sich eine Zigarette anzündete. „Ach komm schon, sei nicht so pessimistisch, bisher haben wir ja auch alles überlebt.“
„Was auch schon ein kleineres Wunder ist, so oft wie deine Geschäftspartner zum Blaster greifen.“
Schweigend gingen sie weiter; zumindest hatte die kleine Neckerei die Anspannung etwas gelöst. Insgeheim fragte sich Natala jedoch, ob sie wirklich eines Tages hier draußen sterben würde, als Opfer der gefährlichen Karriere, welche sie gewählt hatte. Die Chancen dazu standen nicht allzu schlecht und wenn sie Pech hätte, könnte dies eher früher als später geschehen.

Nach einigen Minuten Fußmarsch gelangten die beiden Schmuggler zu einem rostigen Schott, welches der Zugang zu Kims Büro war. Die solide Tür glitt zu Seite, ohne dass Natala anklopfen musste, und die beiden traten in den Raum dahinter. Kim saß an einem großen und antiken Edelholz-Schreibtisch und schien auch sonst einen eher unüblichen Geschmack für Einrichtungsgegenstände zu haben; wahrscheinlich ließ er sich von einem Gefühl der Nostalgie leiten. Einige alte Spiegel hingen im Raum verteilt, umgeben von vielen Metallschildern, die er auf den unterschiedlichsten Welten zusammengeklaut haben musste. Der Hehler und Gangsterboss wäre schon beinahe sympathisch gewesen, hätte Natala nicht gewusst, dass er schon mehrere seiner Untergebenen umgebracht hatte. Kim bat sie mit einem Lächeln auf den Lippen herein und während die Schmuggler sich setzten, schenkte er drei Gläser deronischen Whisky ein und legte eine Box mit Zigarren auf den Tisch.
„Kanpai“, rief er laut, als er den Schmugglern zuprostete, die den Trinkspruch erwiderten. Wenn man in ihren Kreisen Geschäfte machen wollte, musste man trinkfest sein, sonst konnte es rasch geschehen, dass man von jemandem über den Tisch gezogen wurde. Kim lehnte sich betont entspannt zurück und tappte mit seiner rechten Hand leicht abwesend auf die Tischplatte, sodass der Goldring an seinem Mittelfinger ein unangenehm lautes, klackendes Geräusch machte. „Okay“, begann er gedehnt, „da wir nun alle glücklich sind, können wir zum Geschäftlichen kommen.“
„Wir haben gehört, dass du eine Fracht für uns hast?“ Als Captain war das Verhandeln Natalas Aufgabe, während Stanley als erster Maat ihr im Ernstfall Rückendeckung geben musste. Doch sie schienen keinen Grund zur Sorge zu haben, der Gangster wirkte entspannt, nickte zufrieden und erklärte: „Ja, in der Tat. Ich muss ziemlich viele Boxen von Lerbina nach Tenowia versenden und habe kein Interesse daran, dass sie den Zollbehörden in die Hände fallen.“
Natala war froh, das zu hören. Wie immer waren sie knapp bei Kasse und mussten die Finger kreuzen, dass keine allzu wichtigen Teile von ihrem Schiff abfielen. „Das ist unsere Spezialität“, entgegnete sie möglichst professionell, was ihr dem Anblick ihres Spiegelbildes nach zu urteilen, auch zu gelingen schien. „Was ist denn die Fracht?“
Nun grinste Kim regelrecht. „Das wird euch gefallen: Es ist die bestbezahlte Ladung, die man sich denken kann, weder Drogen noch Alkohol wie sonst. Aber keine Angst, sie ist in versiegelten Kisten und wird die ganze Reise über schlafen.“
Natala hatte als Gefühl, als würde sie sich anspannen. Noch nie hatten sie ein solches Angebot erhalten und niemals hätte sie es angenommen. Sie versuchte möglichst ruhig zu bleiben und erwiderte so diplomatisch, wie sie konnte: „Tut mir Leid, Kim. Wir beteiligen uns nicht an Menschenhandel, das ist gegen unseren Kodex.“
Für einige Sekunden wirkte der Gangster beinahe brüskiert, dann prustete er los. „Ihr – einen Kodex? So etwas könnt ihr euch doch nicht leisten! Außerdem: Drogen bringen Menschen um, wieso also nicht gleich die Menschen selbst verfrachten, läuft doch aufs Selbe raus.“
„Sorry, aber die Antwort ist immer noch nein“, erklärte Natala ruhig. „Mein Schiff, meine Regeln. Falls du aber eine andere Ladung hast, kannst du dich jederzeit melden.“
Die Schmuggler erhoben sich zum Gehen, jedoch verkrampfte sich Natala, sobald sie den drohenden Unterton in Kims Stimme hörte. „Niemand versetzt mich einfach so, das werdet ihr bereuen!“
Bevor sie etwas tun konnte, hatte Stanley seine Waffe gezogen und mit einem roten Aufblitzen dem Gangster ein Lichtprojektil zwischen die Augen gefeuert. Die Leiche von Kim fiel mit einem dumpfen Aufprall vornüber auf die Tischplatte.
„Wie um alles in der Galaxis warst du so schnell?“, fragte Natala ungläubig, während sie der Leiche den Goldring vom Finger zog und sich dann der Tür zuwandte.
„Naja, ich habe in einem seiner Spiegel gesehen, wie er seine Waffe gezogen hat“, erklärte Stanley. „Seine Liebe für teure Sachen ist ihm zum Verhängnis geworden.“
„Wir müssen los, seine Crew kann jeden Augenblick hier sein und gegen die Mafia haben wir keine Chance.“
Während sie durch den Gang hasteten, fragte er: „Wieso hast du gerade den Ring genommen?“
Etwas außer Atem entgegnete sie: „Na hör mal, der ist aus echtem Gold und ich will mal wieder was Frisches essen. Auch wenn wir diese Fahrt nicht machen, so können wir uns doch die nächsten Wochen durchschlagen.“

Autorin: Sarah
Setting: Raumstation
Clues: Nostalgie, Bettpfanne, Goldring, Spiegel, Haustier
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3 Gedanken zu „Spiegelwelten“

  1. Hallo liebe Sarah
    Bei dieser Geschichte stimmt einfach alles. Wie hast du es überhaupt geschafft so viel Handlung in so wenigen Zeilen unterzukriegen, ohne dass es übereilt wirkt?
    Wieder einmal gefallen mir deine leicht abgehalfterten Charaktere super gut und ich finde, dass hier die Dynamik zwischen den Protagonisten wahnsinnig flüssig, unterhaltsam und witzig gelungen ist. Ich hatte schon so eine Vermutung als ich das Setting für diese Geschichte gesehen habe, dass das ein grosser Wurf werden wird. Super!

    1. Hallo lieber Clue Reader,
      Also, zuerst mal vielen Dank, das Feedback freut mich wirklich – und ich habe den starken Verdacht, dass die morgige Story zumindest wieder in einem ählichen schrottigen Setting sein wird…
      Zu deiner Frage – und diese Antwort ist etwas komplexer. Diese Story habe ich mit Figuren geschrieben, die ich schon in einer Reihe aus unveröffentlichten und bedeutend längeren Geschichten verwendet habe, sie ist also so eine Art Spin-Off. Daher habe ich auch die Charakterzüge und Macken der Protagonisten ziemlich gut im Kopf. Ich hatte bloss etwas damit zu kämpfen, auch die wichtigsten Infos in die kurze Story reinzupacken. Falls du die anderen auch lesen möchtest, kannst du mir einfach eine E-Mail schicken!
      Liebe Grüsse,
      Sarah

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