Das Kind mit der Plüschaxt

„Rebecca, bitte!“, flehte Cordelia ihre Vierjährige an, während sie sanft am Ärmel des hellgelben Regenmantels zerrte. Das Kind hatte sich in den letzten Wochen so sehr verändert, das sie es kaum wiedererkannte – aus dem einst so braven Mädchen war ein Biest geworden, das an Sturheit bloß von einem Maultier überboten werden konnte.
„Rebecca!“, versuchte sie es erneut. Ohne Erfolg, das Mädchen bewegte sich keinen Millimeter von ihrem Platz auf der Reling weg und streckte ihr sogar die Zunge heraus. Laut seufzend ließ sie ihre Finger über den beschichteten Stoff des Mantels herabgleiten und blieb eine kurze Weile mit hängendem Kopf vor ihrer Tochter stehen, ehe sie sich neben sie setzte. Cordelia war nicht naiv, ihr war klar gewesen, dass ihr liebes Kind irgendwann damit beginnen würde, sich gegen ihre mütterliche Fürsorge zu sträuben. […] Weiterlesen

Blinzle nicht und lauf um dein Leben

Ich hasse es, wenn meine Schuhe nicht gleich fest gebunden sind, genauso wie ich es untertäglich finde, wenn mein Zopf nicht exakt in der Mitte meines Hinterkopfs liegt oder wenn die Anzahl Erdnüsse in meiner Snackschale ungerade ist. Ich bleibe stehen und mache mir selbst einige Sekunden vor, ich würde nur meine mittlerweile aufgewärmten Muskeln dehnen wollen, ehe ich meinen linken Schnürsenkel löse und neu verknote, dieses Mal richtig. Meine Puls-Uhr warnt mich mit ihrem immer schneller werdenden Piepsen davor, mich zu lange von meinen absurden Zwängen aufhalten zu lassen und als das schrille Geräusch durch meine Kopfhörer endlich zu mir durchdringt, werde ich nervös. Manchmal komme ich mir vor wie der Pawlow‘sche Hund, so sehr war ich darauf trainiert, auf gewisse Reize zu reagieren und das nicht nur, wenn es um meine Puls-Uhr […] Weiterlesen