Gaststory | Johann zieht um

Nach sechs Tagen endlich wieder dieser eine Moment, in dem alle Sinnesorgane jubilieren. Wilfried atmet tief durch, zieht die Luft gierig durch die Nase. Diese strömt vorbei an den Millionen von Sinneszellen seiner Nasenschleimhaut. Die Härchen auf den Sinneszellen strecken sich zitternd und voller Vorfreude den Aromastoffen entgegen, die durch den Duschraum wirbeln. Ein lautes „Beeil dich, andere wollen auch duschen“ unterbricht abrupt diesen Glücksmoment. Egal, er stellt das Duschthermostat heißer ein und lässt sich nicht stören. Der Brustkorb hebt und senkt sich. Harry trommelt gegen die Duschkabine. „Willi, mach hin, sonst hole ich dich da raus!“ „Nur zu – wenn du das Echo erträgst.“ Vor Harry hat er keine Angst. Harry ist ein Großmaul, mehr nicht. „Wilfried!“, mahnt Hannes, der Leiter des Tagestreffs. „Ist ja gut.“ Wilfried dreht das Wasser ab und […] Weiterlesen

Gaststory | Lonely Heart Hotel

„Tessy ist echt ’ne Nette. Die hat ein Bett für dich frei.“
Ralfs Grinsen ist nicht nur wegen der fortgeschrittenen Stunde verzerrt. Er versucht, mein Freund zu sein. Weil er Glück gehabt hat … Schließlich nicke ich, weil mir nichts anderes übrig bleibt, und kippe den letzten Schluck hinunter.
„Schärfer als deine Ex“, meint Ralf zufrieden. „Billiger als ein Hotelzimmer.“ Er ist schon ziemlich dicht. „Kannst du dir sowieso nicht mehr leisten.“
Das stimmt. Genauso wenig wie den Absacker in meiner Stammkneipe.
„Ihr wollt zu Tessy?“ Das Gesicht meines für mich unbezahlbar gewordenen Lieblingswirtes Greg verschwimmt zu einem teigigen Fladen – typischer Fall von zu viel getrunken und zu wenig gegessen. Aber irgendwann muss ich mich ja um die Auswahl […] Weiterlesen

Gaststory | Die Containergeschichte

„Die Mindesthaltbarkeitsfrist des Herstellers liegt in ferner Zukunft”, murmelte Flo überrascht, nachdem er die unbeschadet aussehende Cornflakespackung kräftig durchgeschüttelt hatte, um sie zügig in seinem Rucksack verschwinden zu lassen. Hinzu kamen vier Joghurtbecher, deren Deckel noch nicht ausgebeult waren, Südfrüchte, ohne Ende Rosenkohl und Brot. Abgepacktes, in sauberen Scheiben getrenntes, Brot. Die Kleinstadt lag in einen nachtblauen Schleier gehüllt und die erdrückende Ruhe, die im sonst so geschäftigen Industriegebiet eingekehrt war, schärften Flos Sinne bis aufs Äußerste. Sein Körper protestierte. Sein Adrenalinausstoß musste in vollem Gange sein.
„Jetzt nur nicht erwischen lassen“, dachte er und tauchte noch ein Stück tiefer in den Container. Jetzt steckte er mit beiden Armen bis zu den Ellenbogen im Müll. […] Weiterlesen

Das gute Leben

Irgendjemand hatte mir mal gesagt, dass das gute Leben, das wir führen, nur dazu diene, uns vom Schmerz abzulenken. Ich bin mir nie sicher gewesen, ob das stimmte, doch heute war ich mir sicher. Mit gesenktem Haupt trat ich in die Suppenküche für Obdachlose und zwang mich dann, mich umzusehen. Ja, dachte ich mir, als ich all die gescheiterten Existenzen beobachtete, es stimmte wohl tatsächlich. Jetzt wäre ich wirklich froh gewesen, wäre Dr. Who aufgetaucht und hätte mich in seiner Tardis irgendwo und irgendwann hin mitgenommen, doch natürlich würde er nicht kommen.
Ich hatte Angst, irgendwie war für mich das Überschreiten der Schwelle zur Suppenküche ein offizielles Eingeständnis meines Abstiegs. Ich mochte vielleicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten leben, doch was viele vergaßen war, dass das Spektrum […] Weiterlesen