Wagen 225

„Meine Fresse“, schnaubte Roland und wuchtete sich in die Führerkabine der Rangierlok. Fritz schaute auf, grinste dumm und feixte: „Na, hat das Diätprogramm deiner Alten geholfen?“
„Nein, du Vollpfosten“, gab der andere zurück und blickte den Ablaufberg hinunter aufs von unzähligen kaltweißen Lampen erhellte Gleisfeld. „Lass mich mit dem Mist in Ruhe. Habe keine Lust auf solchen Scheiß, und wenn ich mir ein Käsesandwich gönne, gönne ich mir ein verkacktes Käsesandwich!“
Fritz kratzte sich am Kinn und gluckste. „Hm, ich weiß, wer heute nicht flachgelegt wird.“
„Klappe“, fauchte Roland, der sich lieber auf seine Arbeit konzentrierte, statt über seine Figur zu diskutieren und wechselte wesentlich versöhnlicher das Thema: „Welchen haben wir jetzt?“
„Den 42698, ist ja Dienstag. Sieben Wagen kamen mit dem 50912 aus Genf, der Rest ist bereits an der Komposition. Und dann …“
Roland seufzte, er wusste, was nun kam. „Wagen 225?“
„Ja, Wagen 225. Am Zugschluss.“ Kurz herrschte Schweigen, ehe Fritz befahl: „Keine Grübeleien. An die Arbeit.“ Damit setzte er die alternde Lokomotive rückwärts in Bewegung, um über die Weiche zu kommen.
Roland war allerdings ein wissbegieriger Kerl und so tat er, was er am liebsten tat: „Sag mal, denkst du nicht ab und an über Wagen 225 nach?“
„Du meinst wie Ferdinand?“, entgegnete Fritz. „Ferdinand, der Fragen gestellt hatte und danach spurlos verschwunden ist? Wir können keine weiteren Rangierarbeiter verheizen, die guten Leute sind an der Grenze.“
„Komm, du musst zugeben, es ist verdächtig“, ereiferte sich der andere. „Jede Woche kommt ein alter Bpm-61-Wagen mit verschweißten Fenstern vorbei, immer derselbe mit der Nummer 225, immer in dieselbe Richtung. Unabhängige Stromversorgung, sogar einen Generator eingebaut. Da ist was nicht koscher.“
„Wir haben Krieg. Seit in vielen Ländern Regierung und Kabinett aufgelöst wurden, nehme ich Ladungen aus dem Ausland brav an, ohne mich danach umzusehen. Wir sind neutral“, konterte der Rangierlokführer, heilt an und griff zum Funkgerät. „Kannst mich auf Gleis 12 durchstellen?“
Eine Antwort ertönte, wenig später wechselte das Zwergsignal neben der Weiche die Anzeige und Fritz beschleunigte die Lok, nun wieder vorwärts.
Roland ließ sich nicht von seinen Grübeleien abhalten: „Das ist kein ausländischer Wagen. Plus, ich sehe die verladenen Panzer hier durchkommen, die Lastwagen, die streng geheimen …“
„Hör auf, Fragen zu stellen! Wir sollten uns alle weniger darum kümmern, was Züge in solchen Zeiten geladen haben, sonst sieht uns jemand höher oben in der Befehlskette noch als Ärgerlichkeit.“
Roland schluckte und fixierte gebannt die grösser werdende Silhouette des umgerüsteten EuroCity-Wagens, auf den sie zuhielten. Er war mehrheitlich unbeschriftet, einzig die Nummer 225 war auf der grau gestrichenen Seitenwand aufgebracht. Mit einem sanften Ruck trafen die Puffer aufeinander und Roland kletterte wortlos von der Rangierlok hinunter, duckte sich unter den Puffern durch und kuppelte den Wagen an. Nach einigen Handgriffen war er fertig, trat wieder neben den Zug und ging dem Wagen entlang nach hinten, um bei der nächsten Rangierbewegung auf dem Trittbrett mitzufahren. „Hätte lieber Buchbinder werden sollen, da kann man wenigstens sitzen“, murrte er – kaum einer hätte es ihm zugetraut, aber in seiner Jugend hatte er tatsächlich diesen Berufswunsch gehabt. Seine Entscheidung war schließlich nicht einer Zufälligkeit sondern seiner Liebe für die Bahn geschuldet, die über die Liebe zur Literatur gesiegt hatte – wie sein Vater zu sagen pflegte, die Eisenbahn lag in seinem Blut. Nun, mit vierundfünfzig, marschierte er durch die kalte Herbstnacht, dankbar dafür, in seiner Position wichtig genug zu sein, sodass er nicht die Landesgrenze bewachen musste. Die Bahn hatte es lange hinausgezögert, im Güterverkehr flächendeckend automatische Kupplungen einzuführen, weshalb sie ihn jetzt brauchten.
Am anderen Ende des Wagens angelangt, streckte Roland die Hand aus, berührte beinahe die Haltestange und hielt inne – der Rangiertritt fehlte. „Ein Wink des Schicksals“, murmelte er“, langte nach dem roten Hebel unterhalb der Tür, entriegelte sie und krabbelte in den Wagen – irgendwie musste er ja mitfahren, dann eben auf der Einstiegsplattform.
„Ist gut, kannst fahren“, meldete er über Funk und als die kurze Komposition in Fahrt kam, gab er der Neugier nach. Er nahm die Taschenlampe vom Gürtel und zündete ins Innere des dunkeln Wagens – nichts. Der Eingangsbereich schien völlig normal, also schob er die Tür zum Abteil auf und versteinerte. Was er sah, spottete jeder Beschreibung. Etwas Rötliches, Organisches hatte die Seitenwände, die Sitzbänke, die Fenster, sogar die Decke bewachsen, kleine Partikel tanzten in der Luft über dem freien Mittelgang. Der Teppich war bedeckt von Wurzeln, oder waren es Arme? „Was zum Teufel?“, keuchte Roland, sich Nase und Mund zuhaltend. Was das auch war, es fühlte sich … lebendig an. Als wäre das der Innenraum des Wagens zu einem … Ding … geworden – einem Ding, das ihn beobachtete. Ihm war unklar, wieso er es wusste, es war einfach so. Roland tastete nach dem Funkgerät, drückte auf die Taste und nichts geschah. Er machte Kehrt, hastete zurück auf die Plattform und erstarrte. Die Türen fehlten! Weder links noch rechts war ein Ausgang, die Übergangstür, ebenso wie alles andere, war von dem rötlichen Geschwür überwuchert. Was hatte der Güterzug aus dem Ausland mitgebracht? Einen Virus, eine neue Biowaffe, eine mutiertes … Ein Summen breitete sich in seinem Kopf aus, für eine Sekunde glaubte Roland, dass es ein Gerät im Wagen wäre, die Klimaanlage vielleicht? Dann dämmerte ihm: Es war nicht im Wagen, es war in ihm drin, in seinem Verstand, seinen Gedanken. Es hatte keine Stimme, kein Gesicht, keine Gefühle, trotzdem war es da, übernahm Besitz von ihm. Roland kämpfte gegen die aufkeimende Panik, spürte, wie der Wagen den Ablaufberg hochgezogen wurde und hielt den Atem an. Er wollte hier raus!
Er rannte durch den schmalen Gang nach vorne in der verzweifelten Hoffnung, da eine freie Tür zu finden. Sein Puls pochte ihm den Ohren, das komische Zeug knirschte kalkartig unter seinen Arbeitsschuhen. Schon nach drei Abteilen traf der Lichtstrahl seiner Taschenlampe ein menschliches Gesicht. Ein Leichnam steckte in dem Gewächs, war damit verwachsen, umschlungen. Überreste von Kleidung hingen in Fetzen an dem Mann hinunter, an den wenigen Stellen, an denen er aus der rötlichen Substanz hervorragte.
„Das … Das kann ni…“, stammelte Roland und näherte sich der nur noch vagen Gestalt, durch deren Schädel sich eine Wurzel gebohrt hatte. „Ferdinand?“
„Lauf, Roland“, formten die Lippen des anderen stumm. Die Worte hallten durch seinen Geist. Roland quietschte erstickt, ein Blitzschlag durchfuhr ihn und er sprintete los. Der Gang wurde enger, der Auswuchs dichter, türmte sich in der Mitte des Wagens regelrecht auf. Indes stieg die Lautstärke des Summens an, wurde unerträglich.
„Was geschieht mit mir, was ist das?“, verlangte er zu erfahren. Sein Mund fühlte sich plötzlich klebrig an, ließ sich unmöglich öffnen, da hörte er Ferdinand: „Angst. Angst und Schmerzen ohne Gnade.“
Schroff kam die Rangierfahrt zum Halten und Roland stürzte zu Boden. Er versuchte sich aufzurappeln, weiterzurennen – vergeblich. Er hatte die Kontrolle über seinen Körper verloren, war gelähmt. Das Summen nahm überhand, schwoll zu einem Crescendo an, ehe es abrupt verstummte. Roland erhob sich in einer Trance, trat zu einer Delle in der organischen Wand und lehnte sich mit dem Rücken in die Aussparung. Er wollte schreien, Hilfe erflehen, irgendwas … Keinen Laut brachte er heraus. Langsam umschlossen ihn die Wurzeln … die … die Tentakel? Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe beleuchtete den Mittelgang sowie die gegenüberliegende Plattform. Japsend wand Roland sich, seine Augen traten hervor, als er sie entdeckte.
Gerademal vier, fünf Meter entfernt lag eine freie Tür. Genauso gut hätte sie am anderen Ende der Galaxis sein können, dachte er, während er Teil des Dinges wurde, das um ihn herum, durch ihn hindurch, wuchs. Ferdinands Klagen war versiegt, sein Lebenslicht erloschen. Und noch bevor Fritz den Wagen fertig an den Schluss von Zug 42698 rangiert hatte, begriff Roland, was der Kamerad mit Angst und Schmerzen ohne Gnade gemeint hatte.

Autorin: Sarah
Setting: Rangierbahnhof
Clues: Ärgerlichkeit, Kabinett, Buchbinder, Diätprogramm, Zufälligkeit
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