Special zum 1. April | Es wird still auf der ‚Arche Neo‘

Abgesehen vom Brummen in den Kühlelementen war es totenstill. Das verzweifelte Weinen der Frauen im Deck unter ihnen klang nach, obschon es längst verstummt war. Der Prozess hatte länger gedauert, als geplant, dank der Hilfe von Titus war es Michiko dann doch noch gelungen, ihre wertvollste Fracht in den Kryo-Schlaf zu versetzen. Der Verlust ging auch an den Einsatzmitgliedern nicht spurlos vorbei, jede Menschenseele an Bord hatte alles und jeden hinter sich gelassen, um an dieser letzten Reise teilzunehmen. Nun hockte sie im Schneidersitz vor der Konsole und behielt die Druckanzeige im Auge. Zwar war das nicht ihre Aufgabe, momentan allerdings ihre einzige Sorge. Ihr wäre es lieber gewesen, die Berechnungen ein weiteres Mal zu prüfen, Raum für Fehler gab es keinen, leider ebenso wenig Zeit. Die Muster der Sonnenflecken prophezeiten einen harten Winter, einen, den sie unmöglich überleben würden. Eine Ersatzcrew gab es nicht, sie waren wortwörtlich die letzte Hoffnung.
„Spiro, alles bereit?“, begann der Captain seinen Kontrollgang und starrte dabei in die Schwärze des Alls.
„Kühlung gewährleistet.“ Da die Lieferung aus Atlanta nie eingetroffen war, hatten sie Spermaproben von gerademal siebenundachtzig Männern geladen. Immerhin war der weibliche Genpool größer, zusätzlich zu den Mädchen im Frachtraum hatte sie fast zweihundert Eizellenspenden im Gefriermodul. Zu wenig, dennoch besser, als nichts. Der Reproduktionsspezialist räusperte sich und bestätigte: „Systeme laufen stabil. Bereit.“ Michiko kratzte sich am Bauch, sie war satt, ein ungewohntes Gefühl, eines, das sie allein durch ihr Mitwirken an dieser Mission kennengelernt hatte.
„Raza, alles bereit?“ Erik beäugte den jungen Piloten, der lässig entspannt auf seinem Sitz hing und gähnte. „Alles bereit, die Koordinaten sind fixiert und müssen in exakt zweieinhalb Jahren angepasst werden. Von mir aus kann es losgehen.“ Der Captain nahm die Information zufrieden brummend zur Kenntnis und fuhr fort: „Titus, alles bereit?“ Er drehte sich zu dem ausgemergelten Mechaniker. Eigentlich war jemand anderes für seinen Posten vorgesehen gewesen. Selbst die nahrhafte Kost aus Mehlwurm-Protein, die für ihre Spezialeinheit reserviert war, hatte den Vorgänger nicht vor dem plötzlichen Blinddarmdurchbruch bewahrt. So war also Titus auf der ‚Arche Neo‘ gelandet, hatte sein Ticket fürs Überleben von seinem Doktorvater geerbt.
„Jup“, lachte er, tätschelte die Armaturen vor sich und lehnte sich zurück. „So bereit, wie wir eben sein können.“ Michiko lachte bitter, niemand von ihnen war bereit für das, was sie zu bewältigen hatten, wie sollten sie auch?
Captain Erik strich sich durchs fettige Haar und meinte zum einzigen Physiker: „Umit, alles bereit?“
Der Angesprochene zögerte, schaute zu Michiko und stammelte: „Es … naja, gemäß unseren Kalkulationen sind wir im grünen Bereich, trotzdem hätten wir gerne nochma…“
„Das haben wir längst durch“, fiel ihm Raza ins Wort. „Wie oft wollt ihr den Scheiß noch durchrechnen? Was soll das überhaupt bringen? Die verfickte Rakete wird von Klebeband und Paketschnur zusammengehalten, also …“
„Es reicht.“ Erik seufzte genervt und rieb sich übers Gesicht. „Umit, die bisherigen Vorhersagen sind in Ordnung?“ Der Physiker nickte und Michiko steuerte selbstbewusst bei: „Ja, wir konnten die Resultate bei jedem Durchgang replizieren.“ Insgeheim gab sie Raza recht, die Frauen im Unterdeck waren nach ihrem Alter, dem Gesundheitszustand und, in erster Linie, ihrer Gebärfähigkeit ausgewählt worden. Sie waren genauso Inkubatoren, wie die Besatzung der ‚Arche Neo‘ ein unzulängliches Wartungsteam für die Neuansiedlung war.
„Gut. Gut, das muss reichen“, murmelte der Captain, woraufhin er sich an den schadenfreudig grinsenden Piloten wandte: „Halt einfach die Klappe.“
„Bitte?!“ Empörte stand Raza auf, zeigte mit dem Finger auf Umit und ließ sich sofort wieder auf seinen Sessel fallen, wo er frustriert die Backen aufblies, aber tatsächlich den Mund hielt.
„Okay“, stöhnte Erik und kam schlussendlich zu Michiko, der einige anstrengende Tage bevorstanden. „Michiko, alles bereit?“
„Ja, Sir.“ Ihre Vergangenheit in der Armee war schwer abzulegen, Erinnerungen an ein Leben vor der Katastrophe hatte sie kaum, sie war in den Wirren des Klimakollapses geboren und im darauffolgenden Krieg aufgewachsen, erst zur Soldatin, später zur Wissenschaftlerin erzogen worden. „Sämtliche Apparaturen arbeiten wie gewünscht. Die Kryo-Behälter der Fracht funktionieren fehlerfrei und die der Crew sind ordnungsgemäß vorberei…“
„Der Fracht“, wiederholte Spiro ihre Worte missbilligend und schnaubte gehässig. „Asha, Zita, Zikvah, Suni, Inessa und all die anderen Frauen, sind keine Fracht, sie sind unsere letzte Hoffnung!“ Ja, so nannte man sie, die ‚Arche Neo‘, die letzte Hoffnung für das Fortbestehen ihrer Art, und Michiko wusste nicht, ob die Menschheit diese Hoffnung verdient hatte.
„Sie sind Inkubatoren“, warf Raza ein, ehe Michiko Gelegenheit hatte, etwas dazu zu sagen. „Eingefrorene Inkubatoren mit dem Bewusstsein von Bierhefe.“
„Geht das schon wieder los“, ächzte Titus, während Spiro sich auf den Piloten stürzte, Umit dazwischen ging und Erik brüllte: „Schluss jetzt! Schnauze und hinsetzen!“ Wahrscheinlich hatte es vor dem Missionsstart etliche Gespräche über Raza gegeben, sein volatiler Charakter musste die Verantwortlichen nervös gemacht haben. An Michiko hingegen zweifelte keiner, sie war fraglos der perfekte Kandidat für die Position auf der ‚Arche Neo‘, ihre Referenzen sowie ihre wissenschaftlichen und psychologischen Kompetenzen einwandfrei. Zumindest auf dem Papier.
„Meine Güte, was tust du so empfindlich? Ich mach nur Witze“, nörgelte Raza schulterzuckend, hob versöhnlich die Arme und fügte schmunzelnd an: „April, April.“
„Du bist ein Witz, ein schlechter.“ Der Reproduktionsspezialist kehrte an seinen Platz zurück, wo er dem anderen demonstrativ den Rücken zukehrte. Ihre ganze Mission war im Grunde nichts weiter als ein miserabler Aprilscherz, eine Kamikaze-Aktion, das letzte Hail-Mary-Projekt, ausgedacht von den wenigen übriggebliebenen Technologiegläubigen der Erde, die von einer Zukunft auf einem anderen Planeten fabulierten. Und da saß sie nun, in dieser neuen Arche, die das Überleben dieser witzlosen Spezies sichern sollte.
„M-hm“, machte Erik, wartete eine Weile ab, bevor er Michiko bedeutete, ihren Bericht zu beenden. „Michiko?“
„Ähm, ja. Wie gesagt …“ Hin und wieder tauchte das Bild einer einsam stehenden Silbertanne in ihren Gedanken auf, ein mentales Souvenir an eine Welt, die sie lediglich aus Büchern und Erzählungen kannte. Eine Welt, die in Trümmern lag, deren Lebensfähigkeit von der Überheblichkeit dummer Primaten zerstört worden war. „Alle Systeme sind bereit.“
„Prima“, tönte Erik zufrieden und klatschte in die Hände. „Dann mal los.“ Damit erhob sich die Mannschaft, Umit, Titus und Spiro umarmten sich, Raza verschwand als erster in seinem Kryo-Pod und flüsterte Michiko zu: „Zweieinhalb Jahre, verstanden?“
„Verstanden.“
„Tja, Michi-chan, wir sehen uns.“ Er streckte sich, verschränkte die Finger vor der Brust, da schoss er nochmal hoch und warnte: „Wehe, du malst mir irgendetwas blödes auf die Stirn, wenn ich wie Frostmännchen hier drin liege!“
„Ach, wir sehen in zweieinhalb Jahren, ob ich dem ersten April widerstehen konnte“, feixte sie und klopfte ihrem Kollegen auf die Schulter. „Angenehme Träume.“ Sie verschloss einen Pod nach dem anderen, jeder ihrer Crewmitglieder verabschiedete die Kryo-Spezialistin, wünschte ihr alles Gute für die einsamen Stunden, dann ging sie zu ihrer Konsole, atmete tief durch und schaltete zuerst die Kryolyse ein, danach die lebenserhaltenden Maßnahmen ab. Die Menschheit war ein schlechter Witz, einer, und da war sie sich sicher, dem man nicht erlauben durfte, einen nächsten Planeten zu zerstören. Ein tragischer Scherz, der hier und heute am ersten April aussterben musste.

Autorin: Rahel
Setting: Rakete
Clues: Mehlwurm, Sonnenflecken, Bierhefe, Silbertanne, Paketschnur
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