Alles in Butter

Vierzehn ließ sich auf einen Schemel neben dem Butterfass fallen und zupfte an seiner rubinroten Robe herum, bis die Augenlöcher an der korrekten Stelle saßen. Er war wegen dem verdammten Outfit beinahe die Treppe hinuntergefallen. Schnaubend streckte er die Beine und machte es sich auf der, bestenfalls für Nachwuchs im Kindergartenalter geeigneten, Sitzgelegenheit einigermaßen bequem. Immerhin wäre diese Sitzung profitabel für ihn, dachte Vierzehn und unterdrückte ein vorfreudiges Kichern. Lange ginge sie bestimmt auch nicht, denn keiner der Anwesenden war gerne im muffigen Gewölbe.
Dreiundzwanzig hatte ihr Gewand mit ihrer berühmt-berüchtigten Tiara dekoriert und damit den Zweck der Maskerade ruiniert. Dreiundzwanzig schmollte verärgert: „Wie lange warten wir noch auf die Elf? Er verspätet sich zu all diesen Meetings.“
„Haben Sie Nachsicht, Prinzessin, irgendwann lernt er es. Wenn die Hölle zufriert, zum Beispiel“, kommentierte Zwei trocken wenn auch ebenso gereizt, wurde dann aber ernst. „Er wird schon noch auftauchen.“
„Je schneller wir aus diesem feuchten Keller rauskommen, desto besser“, brummte Vierzehn. Er hatte den Geheimbund der Mächtigen, die heimlich die Weltgeschichte lenkten, satt, ganz wie die bekloppten Fummel, die sie nur aus Tradition noch trugen. Sie erkannten einander sowieso am Gehabe und der Stimme, könnten also genauso gut in Unterhosen im Garten ein Spanferkel grillieren. Vierzehn war CEO einer der großen Flugzeugbauer und als solcher fand er die Riten des Bundes prinzipiell albern. Er bevorzugte Fakten, ohne die fielen seine Flieger vom Himmel, was schlecht fürs Geschäft wäre. Insgeheim linste er zur Einunddreißig, dem Reedereibesitzer, der auf seiner Kapuze eine Kapitänsmütze aufgesetzt hatte und gerade durch den Stoff, der sein ganzes Gesicht verdeckte, popelte. Ekelhaft sowie typisch für den Alten.
Endlich kam Elf, der Ölmagnat, herangeschlurft. „Sorry. Habe beim Fernsehen im Hotelzimmer den Abend verbummelt. Es lief eine tolle Tierdoku.“
„Jedes Mal“, zischte Dreiundzwanzig, nahm ihre unbezahlbare Kopfbedeckung ab, zielte damit nach dem unpünktlichen Kollegen, der sich wegduckte und konterte: „Lass das!“ Er steckte eine Zigarre in die Stoffalte über seinem Mund und versuchte erfolglos, sie so anzuzünden. „So ein Mist“, knurrte er und warf die Räucherware auf den Kellerboden. „Weshalb versammeln wir uns überhaupt wie Tölpel um ein Butterfass? Die meisten haben es gar nicht erst nach Bangkok geschafft. Abgesehen von uns fünfzehn haben alle Termine, spielen Tennis oder liegen wegen der Pandemie flach. Brauchtum hin oder her, drüben im Hotel gibt es freie Konferenzzimmer und eine Zoom-Sitzung hat noch niemanden umgebracht.“
„Nein!“, donnerte Zwei aufgebraucht durch den Raum. Er nahm seine Aufgabe durchaus ernst, einige munkelten sogar, er sei in Eins’ Tod verwickelt, dermaßen scharf war er auf den Posten des Zeremonienmeisters gewesen. „Diese Vereinigung hat vor hundertfünfzig Jahren als Butter-Kartell ihren Anfang genommen, seither werden die Sitzungen hier abgehalten und bei der Tradition bleibt es!“ Damit erhob er sich, trat zum Fass und trug feierlich vor: „Ich erkläre die diesjährige Sitzung des Butter-Bundes für eröffnet.“ Nach einer Pause ergänzte er das Motto „Alles in Butter!“ und stampfte ins Fass.
Nacheinander standen die Mitglieder auf, echoten den Leispruch, schlugen mit dem Knüppel in den Bottich und kehrten an ihren Platz zurück. Schließlich meinte Zwei resigniert: „Es ist noch Rahm. Früher, in den guten alten Tagen, waren so viele Mächtige vor Ort, dass wir nach dem Eröffnungsritual Butter hatten.“
„Eben.“ Dreiundzwanzig nickte. „Wir brauchen mehr Leute. Disziplinierte Leute, wenn ich das so sagen darf. Ich komme zwar kaum vom Königshof weg, für die Meetings mache ich trotzdem immer Zeit.“
Sechs kratzte sich an der Nase. „Wer fehlt eigentlich? Sind welche verstorben oder schwänzen sie bloß alle?“
„Okay, Neunzehn, Siebenundsiebzig und Vierhundertfünfundvierzig sind gestorben, einer beim Klettern, zwei wegen Krankheit.“
„Hat Siebenundsiebzig nicht Klatschmohn angebaut?“, gluckste Elf amüsiert. „Der ist wohl an seinem eigenen Opium zugrunde gegangen.“
„Nein, du Hohlbirne, das wäre Schlafmohn“, fuhr ihn Zwei an. „Siebenundsiebzig war der vom Agrarkonzern. Keine Ahnung, ob der Nachfolger uns beitritt, bislang hat er die Bewerbungskarte nicht ausgefüllt, dabei ist das Rücksendekuvert vorfrankiert.“
„Das liegt an deinem völlig veralteten Flyer“, meckerte Dreiundzwanzig kopfschüttelnd. „Wer will schon einer Organisation mit WordArt-Broschüren beitreten?“
Vierzehn stellte fest, wie schlecht die Stimmung in der Gruppe war. Es war stets dasselbe, die Reichen und Mächtigen verloren früher oder später die Geduld und winkten fast jeden Vorschlag durch, um aus dem vermaledeiten Keller zu kommen.
„Können wir bitte das Tagesgeschäft besprechen?“, murrte Einunddreißig entnervt, „Sonst endet das schon wieder in einer Rangelei.“
„Richtig“, begann Zwei mit einem gehässigen Blick zu Dreiundzwanzig. „Das Wichtigste zuerst: Wir haben die Kontrolle über die Butterpreise verloren und seit es immer mehr Veganer gibt, sieht es an dieser Front sehr …“
„Das soll wichtig sein?“, wetterte Elf sogleich. „Was ist mit der Ölkrise?“
Zwei kratzte sich am Kinn. „Ach ja, da war was.“ Er räusperte sich, schaute in die Runde und postulierte selbstbewusst: „Wer ist dafür, dass der Ölkonzern von Elf die Preise senkt und die Produktion erhöht, um die Krise zu lösen?“
„Das funktioniert so nicht“, protestierte Elf entrüstet, doch die anderen hatten die Hand gehoben und Zwei verabschiedete den Beschluss mit einem rituellen: „Die Ölkrise ist gelöst. Alles in Butter.“
„Alles in Butter“, echoten die Mitglieder zufrieden, lediglich Elf schwieg zerknirscht, durch seinen Eid gebunden, die Entscheide des Geheimbundes umzusetzen.
„Weitere Traktanden? Krisen? Preise, die wir festlegen müssen?“
Einige rutschten nervös auf ihren Schemeln hin und her, da streckte Vierzehn seine Hand hoch, sein Moment zu glänzen war gekommen. „Wir haben eine Krise in der Luftfahrtindustrie. Kaum jemand bestellt noch Flugzeuge bei uns, und …“
„Schon gut, schon gut“, unterbrach ihn Zwei, der sicher längst beim gemeinsamen Festmahl im Fünf-Sterne-Restaurant sitzen wollte, wo er stets die Gratis-Schokolädchen, die in der schön gefalteten Serviettentasche steckten, sämtlicher Teilnehmer auffraß. „Wer ist dafür, sämtliche Airlines im Bund zu verpflichten, neue Flugzeuge bei Vierzehn zu bestellen?“
Wiederum fiel das Votum einstimmig aus und Vierzehn, der dank dem Geheimbund die Gewinnmarge seines Konzerns verzehnfacht hatte, murmelte vergnügt: „Alles in Butter.“
Rasch standen die Anwesenden auf, um dem Meeting zu entkommen, sich ihrer Robe zu entledigen und zum Abendessen zu gehen. Zwei rezitierte derweil aus ihren Statuten: „Nichts, das in diesem Raum entschieden wurde, darf nach dem Verlassen angefochten werden, niemand verrät etwas über den Geheimbund und alles ist in Butter.“
Als die Prozession feierlich aus dem Keller schritt, flüsterte Dreiundzwanzig dem Anführer zu: „Shit! Wir haben die Pandemie vergessen. Sollten wir da nicht mal was dagegen tun?“
„Jetzt ist es zu spät. Bis zum nächsten Jahr ist die Sitzung geschlossen“, gab Zwei ebenso leise zurück. „Du kennst die Regeln.“

Autorin: Sarah
Setting: Butterfass
Clues: Tiara, Kapitänsmütze, Spanferkel, Serviettentasche, Klatschmohn
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