Am Ende

Sie waren früh aufgebrochen, eine wahre Meisterleistung, die Kids vor Sonnenaufgang aus dem Bett zu zerren, an den Frühstückstisch zu bugsieren und anschließend ins Auto zu verfrachten. Die letzten Wochen waren zu einer Bewährungsprobe für Matthias mutiert, dabei hatte er sich zu Beginn der ganzen Sache darüber gefreut, endlich mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Der Lockdown wurde aber von der erfreulichen Abwechslung rasch zum ernüchternden Homeoffice-Horror und das obwohl er mit Evamarie das Glück hatte, mit einer ehemaligen Lehrerin verheiratet zu sein.
„Hach“, seufzte er, seine Frau verliebt anschauend. Ihm war, als sähe er sie zum ersten Mal seit Monaten, dabei hätte er noch gestern viel dafür gegeben, sie für eine Weile loszuwerden. „Schön.“ Fast vier Stunden waren sie unterwegs gewesen, obschon der Routenplaner gerademal knappe drei berechnete. Dass sich hinter seinem Mercedes eine Blechlawine gebildet hatte, war ihm erst kurz vor der Ankunft aufgefallen, erklärte allerdings das sporadische Hupen, das ihn auf der Fahrt über die Serpentinenstraße begleitet hatte.
„Wunderschön“, bestätigte sie lächelnd, zerdrückte mit der Gabel die letzten Kuchenkrümel und meinte: „Ich gehe rasch auf die Toilette und zahl’ gleich drinnen, dann können wir los.“
„Ja, klingt prima.“ Während sie aufstand langte er in die Hosentasche, um ihr sein Portemonnaie zu geben. Sie schüttelte den Kopf, kramte ebenfalls ihre Geldbörse hervor und schlenderte ins Innere des Tea-Rooms. Die Kinder verbrachten den Nachmittag im Freibad und weder er noch Evamarie hatten im Sinn, die beiden vor Schließung dort abzuholen. Selbstverständlich liebte Matthias seine Rasselbande, mit ihnen von früh bis spät im Einfamilienhaus festzusitzen, bestenfalls für Meetings, Einkäufe und die heimlichen Treffen mit seinen Freunden vom Boxclub wegzukommen, war dennoch eine Zumutung. Wie seine Frau das schon über zwölf Jahre aushielt, war ihm ein Rätsel, er war nach zweieinhalb Monaten völlig am Ende und hätte es keinen weiteren Tag ausgehalten.
Plötzlich wurde es ziemlich still auf der gut besuchten Terrasse, da sah er eine Frau die Treppe vom Bürgersteig zum Eingang entlanggehen. Tatsächlich verwirrte ihn der Anblick ihrer Maske, so tief stecke er bereits im Urlaubsmodus, hatte die neue Normalität, von der tagein, tagaus die Rede war, beinahe verdrängt. Sie bahnte sich ihren Weg in die zum Tea-Room gehörende Bäckerei, neben den zwei Jutesäcken in ihren Händen fiel ihm ihr offensichtlich angesäuerter Ausdruck auf, was er ihr übelnahm. Er fühlte sich ertappt, das konnte er überhaupt nicht leiden. Sie reisten extra einmal quer durchs Land bis ans Ende eines Alpentals, um endlich ein wenig Ruhe von dieser unsäglichen Pandemie zu haben, und diese paranoide Frau erinnerte ihn wieder daran. Diese Masken waren, so fand er, ohnehin ein Unding, unnötig, vor allem unfassbar unbequem, er würde auf jeden Fall keine anziehen, wenn man ihn nicht dazu zwang.
Ächzend griff Matthias seine Regenjacke, faltete sie sorgfältig und verstaute sie zusammen mit Evamaries Schaltuch im Rucksack. Es war sein Vorschlag gewesen, die Lockerungen sofort auszunutzen, schnellstmöglich in die Ferien zu fahren.
„Na, wollen wir?“, fragte Evamarie, als sie sich an einem dicken Mann vorbeischlängelte und zu ihm an den Tisch trat. „Vielleicht schaffen wir es vor dem Gewitter.“

„Ich freue mich auf morgen“, sagte Evamarie sich im Gehen streckend. „Wann genau können wir die Räder abholen?“ Die Sonne stand hoch, es war drückend heiß und talabwärts kündeten sich erste Gewitterwolken an.
„Der Laden öffnet um halb Neun. Brechen wir um neun, halb zeh…“ Er hustete und spuckte angewidert. „Bwäh, eine Mücke!“
„Na, solange du nur wegen Mücken hustest“, scherzte Evamarie ihm auf die Schulter klopfend.
„Jaja“, brummte er, verärgert darüber, dass Corona erneut zum Thema wurde. Jetzt spielten sie schon so lange mit, hatten ihr ganzes Leben umgestellt, auf alles Mögliche verzichtet. Er hatte die Nase voll davon, irgendwann musste das ein Ende finden. „Okay, brechen wir um neun, halb zehn auf, was meinst du?“, schlug er vor und hielt inne, um den herrlichen Ausblick auf die Bergkette zu genießen.
„Halb Zehn“, stimmte sie zu. „Damit es fürs Buffet und den Yoga-Kurs reicht.“ Gemächlich bummelten sie weiter, folgten dem Spazierweg in ein Waldstück hinein. Auch hier trafen sie auf etliche Leute, die den Tag zum Flanieren, Joggen, Radfahren oder Picknicken nutzen. Zugegebenermaßen konnte man der Lage Gutes abgewinnen, denn bis Mitte März war Evamarie die einzige gewesen, die Sport nicht bloß aus dem Fernsehen kannte. Das Eingesperrtsein hatte schlussendlich sogar Matthias’ Lust auf Bewegung im Freien geweckt, Hauptsache weg vom heimischen Haus und Garten. Die neuen Fahrräder waren zwar schweineteuer, doch Strandurlaub war derzeit keine Option, also wollte er sich wenigstens das leisten und auf den Fotos machten die mehr her als schäbige Leihräder.
„Ist der Kurs nicht erst um viertel nach …“, begann er, kam ins Stocken und hustete abermals, als er sie entdeckte. Die Frau von vorhin, die ihm mit ihrer Maske beinahe die gemütliche Mittagspause madig gemacht hatte, kletterte gerade vom Wanderpfad durch ein lichtes Gebüsch auf eine Anhöhe und wartete, bis die Spaziergänger sie passiert hatten, ehe sie zurück auf den Weg sprang. „Komm“, rief sie, da kamen zwei Hunde aus dem Unterholz geschossen. „Äh“, setzte Matthias nochmal an und verdrehte die Augen. „Der Kurs ist erst um viertel nach neun fertig, oder?“ Die Fremde sah sich um, wich einem Fahrrad aus, zupfte an ihrem Headsetkabel und brummte hörbar, „Verdammte Scheiße, ich bin am Ende mit meiner Geduld“ ins Mikrophon, bevor sie mit ihren Hunden über die Böschung kletterte und zwischen den Bäumen verschwand.
„Ach, stimmt ja. Du könntest mit den Kids schon mal in den Laden, ich komm dann nach.“

Zufrieden summend stakste Matthias die Stufen vor dem Hotelausgang hinunter, gähnte ausgiebig und steckte sich eine Zigarette an. Das Abendessen war hervorragend gewesen, die Kids ordentlich müde vom Badespaß und wenn er sich jetzt nicht dumm anstellte, könnte er sich auf eine ereignisreiche Nacht mit Evamarie freuen. Das war in letzter Zeit zu kurz gekommen, zum einen, weil die Kinder ständig im Haus waren, andererseits litt die Stimmung einfach unter den täglichen Schreckensnachrichten. Enttäuschend genug, dass es diesen Sommer keine Flugreise für sie gab, seine schönen Pläne allesamt ins Wasser fielen, eine Flaute im Schlafzimmer brauchte er garantiert keine. Immerhin schlugen sie sich noch nicht mit Existenzängsten herum, dafür sorgten seine Anstellung sowie die Rücklagen, welche sie sich im letzten Jahrzehnt hatten aufbauen können. Trotzdem, ewig würde er nicht durchhalten, die Öffnungen waren dringend notwendig, damit er nicht am Ende noch Geld von seinen Eltern leihen musste. Allein bei dem Gedanken wurde ihm komisch, irgendwie schummrig und heiß. Der Glimmstängel ging aus und beim Versuch, ihn wieder anzuzünden, spickte der Zündstein aus seinem Feuerzeug. „So ein Mist!“, fluchte er und schritt die Stelle ab, wo er den Stein vermutete.
„Na komm“, hörte er eine ihm vage bekannte Stimme. „Mitternachtsgassi.“ Sie war es. Natürlich in einem kleinen Dorf wie diesem war es normal, ständig dieselben Leute zu treffen, dachte Matthias und winkte der Frau, die eben die Tür eines Wohnhauses abschloss, zu.
„Hallo“, brüllte er beinahe über die Straße, räusperte sich heftig und erklärte: „Hallo, entschuldigen Sie bitte, haben Sie ein Feuerzeug für mich?“
„Nein“, kam die prompte Antwort.
„Ah, okay“, hüstelte er. „Wissen Sie zufällig, ob noch ein Kiosk geöffnet hat?“
„Nein. Alles zu.“ Scheinbar unschlüssig blieb sie stehen, ächzte und marschierte über den Fußgängerstreifen. Die beiden Hunde gingen brav neben ihr her, bis sie auf seiner Höhe angekommen war, da streckte einer die Nase in seine Richtung. Matthias hielt ihm seine Hand hin und streichelte das riesige Tier, woraufhin sie ein resigniertes Geräusch von sich gab und sichtlich bestrebt, den Abstand zu wahren, anhielt. „Ab halb sieben ist hier nichts mehr offen.“
„Tja dann. Ich sollte sowieso mit dem Rauchen aufhören, besonders jetzt.“ Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab und nickte. „Hier ist es ja gottseidank nicht schlimm mit Corona“, probierte er es weiter mit Freundlichkeit. Ihre Miene verfinsterte sich, sie schnalzte mit der Zunge und ihr Hund kehrte zu ihr zurück.
„Nicht schlimm“, schnaubte sie. „Nicht schlimm, ja, ich würde es gerne dabei belassen.“ Aus irgendeinem Grund nervte ihn ihr patziges Benehmen, er hatte sich vorgestellt, die Anwohner wären froh über jeden Touristen und würden ihn und seine Familie mit Handkuss begrüßen.
„Ja, klar“, krächzte er heiser. „Da geht es vermutlich allen gleich.“
„Naja, die einen halten rücksichtsvoll und vernünftig die Füße still“, knurrte sie leise und tippelte wohl unbewusst einige Schritte auf ihn zu, weil der kleinere der beiden Hunde nun auch ein paar Streicheleinheiten von Matthias wollte. „Andere klönen, wie schlimm und unerträglich es zu Hause ist, fahren mitten während einer Pandemie in den Urlaub, verstopfen sämtliche Spazierwege und tummeln sich mit zig Touristen auf kleinstem Raum, damit sie später im Büro über ihre Ferien berichten können. Hedonistische Jammerlappen, wenn Sie mich fr…“ Da geschah es. Matthias bemühte sich wirklich, am Ende übermannte ihn der Reiz jedoch, sein Zwerchfell zog sich zusammen und er hustete ihr direkt ins Gesicht.

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Am Ende
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