Fan-Bonus | Diejenige welche

Dies ist eine Bonus-Story, ein Dankeschön für unsere Steady– und Patreon-Unterstützer. Wer Zugang zu diesem und vielen weiteren exklusiven Inhalten haben möchte, kann sich jederzeit als Clue Writing Unterstützer registrieren und das Passwort erhalten. Selbstverständlich bleiben alle regulären Inhalte von Clue Writing kostenlos verfügbar.

Das helle Klingen einer Ladenglocke kündete Peters ersten Besuch in Merlots Etablissement an. Erleichtert schloss er für eine Sekunde die Augen, denn der Empfangsbereich war bis auf die seriös gekleidete Dame am Tresen leer. Wochenlang hatte er erwogen, ob er den lapidaren Vorschlag[passster password=“rE498-4721dsf“] seines Kumpels beherzigen, tatsächlich hierhinkommen sollte. Gestern Abend, direkt nachdem der letzte Arbeitstag vor den Ferien vorbei und das kleine Urlaubs-Festmahl auf dem Tisch war, hatte er endlich einen Entschluss gefasst – er wollte es tun.
„Willkommen“, flötete die hübsche Frau. War sie diejenige welche, sinnierte Peter, hielt das allerdings für unwahrscheinlich. „Sie müssen bestimmt Herr Hanegger sein, richtig?“ Ihr Lächeln war umwerfend, wirkte professionell und aufgeschlossen freundlich zugleich.
„Ja“, erwiderte er, schielte indessen erneut nach Links und Rechts, um sich der Privatsphäre zu versichern. „Der bin ich.“
„Fabelhaft. Setzen Sie sich bitte, Madame Merlot wird Sie in wenigen Minuten in den Behandlungsraum führen.“ Er tat wie ihm geheißen wurde, schlenderte zu einem der drei Kunstlederstühle, doch bevor er sich niederlassen konnte, öffnete sich eine Tür.

Wie meistens roch das Hinterzimmer stickig, also schob Mia die dicken Vorhänge beiseite und öffnete das Fenster. Den feuchtnassen Dunst der Straße einatmend blieb sie eine Weile an die Wand gelehnt stehen. Sie brauchte eine Pause, nicht allein von der Arbeit, sondern von ihrem Leben. Zu gerne hätte sie sich daran erinnert, wann genau sie den Weg eingeschlagen hatte, der sie hierher geführt hatte. Vermutlich war es kein einziger Fehltritt, eher eine Reihe von schlechten Entscheidungen gewesen. Als es klopfte, zog die Dunkelhaarige rasch ihren Bademantel zu, wandte sich um und meinte: „Herein.“
„Schätzchen“, wurde Mia begrüßt. Madame Merlot war eine Erscheinung, eine Instanz in ihrem Gewerbe und ebenso herzlich wie strikte.
„Madame.“ Sie kannte die Grand Dame des Hauses seit beinahe zwei Jahren und wusste trotzdem noch nicht, ob sie in ihr einen Mutterersatz oder den Wächter ihrer persönlichen Endstation sehen sollte. Vielleicht war Madame Merlot beides. „Ich bin gleich so weit.“
„Gönn dir ein paar Minuten, trink einen Tee. Ich halte den nächsten solange hin.“ Damit verschwand die korpulente Frau.

„Ach, guten Abend, ich bin Madame Merlot“, trällerte eine dicke, bunt gekleidete Frau ihm entgegen. „Kommen Sie, Mia erwartet Sie schon.“ Die schmalen Lippen der Madame leuchteten in Zinnober, verliehen ihr einen unpassend harten Ausdruck. Peter wusste zwar nicht weshalb, aber ihm war in ihrer Gegenwart bange.
„Das ist doch hier alles legal“, plapperte es aus ihm heraus, ehe er es sich anders überlegen konnte. Madame Merlot hielt kurz inne, verzog ihre Schnute zu einer bösen Fratze, sodass Peter instinktiv zusammenfuhr. „Nun, äh … Ich meinte das nicht … Ich wollte bloß …“, holte er zu einer stammelnden Entschuldigung aus, während sie weiterging.
„Sicher, sicher, kein Problem. Ihnen liegt das Wohl unserer Damen am Herzen. Sehr löblich“, unterbrach sie ihn strahlend und erklärte danach: „Wir führen dieses Etablissement seit 1997 ohne Beschwerden. Und mit einer staatlichen Lizenz, versteht sich.“ Sie kam vor einer in Weiß gestrichenen Tür zum Halten. Peter war, als träfen zwei Welten aufeinander. Madame Merlot schien einer traditionellen Rotlichtspelunke entsprungen, mit ihrem stark frisierten Haar, den extravaganten Kleidern und der üppigen Figur sah sie aus, wie man sich eine Puffmutter vorstellte. Im Kontrast dazu machten die Räumlichkeiten einen durch und durch modernen, gar sterilen Eindruck, ähnlich einem Physiotherapiezentrum.
„Vielen Dank, Madame Merlot“, stotterte er noch immer verschüchtert.
„Gerne. So, rein mit Ihnen ins Vergnügen.“

Die Vorhänge waren wieder an ihrem Platz, die Kerzen angezündet und ihre Arbeitsutensilien nach dem vorherigen Kunden gereinigt. Der nächste John konnte kommen, dachte Mia halb entmutigt, halb motiviert. Die meisten Männer bezahlten ihr gutes Trinkgeld und sie konnte solche Zuzahlungen bei dem mageren, wenn auch ausreichenden Lohn bestens gebrauchen. Sie vernahm, wie die Klinke gedrückt wurde und lauschte dem Rascheln von Kleidung. Die ehemalige Stylistin machte sich einen Spaß daraus, anhand von Geräuschen zu erraten, was für einem Menschen sie die nächste Dreiviertelstunde zur Hand ginge.
„Hallo“, sagte er und entsprach in etwa ihrem akustischen Bild. Er war mittelgroß, mittelschlank, hatte mittlerweile einige Haare gelassen und steckte bald im mittleren Alter. „Ich bin Peter.“
„Komm herein, Peter. Es freut mich, dich kennenzulernen“, zitierte sie ihren üblichen Satz auf die Maßageliege deutend. „Mach es dir bitte gemütlich.“ Eigentlich war er ganz in Ordnung, zumindest im direkten Vergleich zu dem glattrasierten Typen von vorhin, dessen Eier sich wie Mozzarellakugeln angefühlt hatten.
„Darf ich mir das zuerst ansehen?“, fragte er und langte an die Tischkante, beugte sich über ihre Sammlung aus Lotionen, Gleitmittel sowie Spielzeug. „Was ist das da?“

Sie war zweifelsohne eine echte Schönheit. Peter hatte schon befürchtet, er würde im Hinterzimmer des Massagesalons eine ausgebrannte Hure, oder schlimmer, eine dieser künstlich aufgebrezelten Schachteln vorfinden. Mia war nichts von alledem, nein, sie war mit ihren langen, seidigen Haaren, ihren filigranen Zügen eine wahre Augenweide und ihre Hände waren absolut perfekt. Sie waren schmal, wirkten dennoch kräftig und mussten geschmeidig wie Butter sein.
„Ich empfehle dieses“, flüsterte Mia verführerisch, legte dabei ihre Finger fest um eines der Fläschchen. „Das ist mein Lieblingsduft.“ Peter musste sich zusammenreißen, wollte sich keinesfalls jetzt schon fleischliche Schwäche zugestehen, also nickte er stoisch und drehte sich sogleich um.
„Woher kommst du denn?“, erkundigte er sich in der Hoffnung, eine kleine Plauderei könnte ihn von der Erregung ablenken.
„Vom Land“, lachte Mia bezaubernd. „Magst du dich ausziehen und hinlegen?“
„Oh, ein Mädchen vom Lande.“ Mitsamt seiner Kleidung entledigte er sich von einem Großteil seiner Scheu. Er war angenehm überrascht, wie einfach es war, mit Mia zu reden, sie war so charmant und zugänglich. Definitiv diejenige welche.

Mia war froh, als der wesentliche Part ihrer Massage begonnen hatte, denn bislang hatte noch jeder Mann mit den albernen Gesprächen abgeschlossen, sobald die Erlösung in greifbare Nähe rückte. Sie hatte vor Ewigkeiten gelernt, dass zu ihrer Arbeit mehr als nur Fingerfertigkeit gehörte. Ihre Kunden wollen mit ihr sprechen. Einige plusterten sich auf, erzählten ihr von ihrem tollen Job, dem Geld, andere gaben vor, sich für sie zu interessieren, wahrscheinlich um sich vorzumachen, das was sie taten sei nicht bloß der sexuellen Erleichterung willen. Auch Peter hatte die altbekannte Frage gestellt, ob sie gerne als Masseuse arbeite. „Natürlich, sonst wäre ich woanders. Es gefällt mir, anderen eine schöne Zeit zu schenken“, war stets ihre prompte Antwort. Die Kunden sowie Madame Merlot waren damit zufrieden, sie selbst abgestumpft gegen die Lächerlichkeit solcher Unterhaltungen. Schlussendlich war es ihr Job, das zu tun und zu sagen, was die Kunden hören wollten. Und selbst wenn sie es vorgaben, wollte keiner erfahren, wie ihre Mutter starb, ihr Mann sie verließ und sie die Rechnungen mit ihrem Lohn als Stylistin nicht länger bezahlen konnte. Immerhin hatte sie eine Wahl gehabt und freiwillig getroffen, ein Privileg, das keineswegs all ihre Mitarbeiterinnen genossen, sogar in einem Erstweltland.
Peter erschauerte und gab ein klägliches Grunzen von sich. Wieder einmal hatte Mia ihre Arbeit befriedigend ausgeführt, bald konnte der nächste kommen.

Peter setzte sich auf, fischte nach seiner Kleidung und beobachtete Mia, die am Waschbecken gewissenhaft ihre wundervollen Hände wusch. Sie ahnte nicht, dass seine Erregung gerade erst anschwoll, die Vorfreude auf die kommende Nacht ihm Herzflattern bereitete. Ob er wohl Trauer oder womöglich Ekel empfinden würde, wenn er ihren nackten Körper in mundgerechte Happen filetierte, wunderte er sich und ließ sich derweil von der Massageliege gleiten.
„Das war großartig, vielen Dank, Mia“, durchbrach er entzückt die ruhevolle Stille. „Du hast bis zum Ende deiner Tage einen Fan.“
„Ach, Peter. Wie lieb von dir“, säuselte die Masseuse und reichte ihm ein kleines Stück Papier. „Da hast du meine Visitenkarte.“
Alles war vorbereitet, das Auto, die Injektionen, die Plastikplanen. Peter war sich sicher, Mia war diejenige welche.

Autorin: Rahel
Setting: Hinterzimmer
Clues: Tischkante, Mozzarellakugel, Trauer, Stylistin, Zinnober
Wir hoffen, euch hat diese exklusive Geschichte gefallen und möchten uns megalotastisch für eure Unterstützung bedanken. Wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Patreon-Story müsst ihr euch einen Monat gedulden, aber in der Zwischenzeit unterhalten wir euch mit den regulären Hör- und Kurzgeschichten und freuen uns darauf, euch auf den Social Media begrüßen zu dürfen. Grandio-Danke für eure Literaturfreude![/passster]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Clue Writing