Fan-Bonus | In der Hölle ist der Hase los

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.
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„Willkommen in der Hölle”, quietschte die Medusa am Empfangspult und züngelte ihn an. „Ah, Mister Molesti, Sie sind angemeldet.“ Ohne eine Miene zu verziehen zeigte sie auf den Schlund einer der riesigen Krokodilköpfe. „Wenn Sie eintreten, der Chef kommt gleich.“
[passster password=“rE498-4721dsf“] „Leck mich“, erwiderte er höflich und marschierte geradewegs über die raue Zunge des Ungetüms, unter dem Halszäpfchen, das wie ein Ladenglöckchen läutete, hindurch in das Büro des Abteilungsleiters. Ein wenig aufgeregt war er, schließlich war dies sein erstes Vorstellungsgespräch seit er mit siebzehn in Vaters Firma angefangen hatte – eine Formalität, auf die neunundvierzig Jahre im selben Betrieb gefolgt waren. Der dunkle Schreibtisch in der Mitte dominierte den rot glühenden Raum, an den blutverschmierten Wänden hingen Reliefs auf denen sich, soweit er das beurteilen konnte, verlorene Seelen in Schmerzen wanden und durch die Fenster hatte man einen fabelhaften Ausblick auf die Styx, an deren Ufer zwei Chimären fischten. Eigentlich entsprach alles Mister Molestis Erwartungen, selbst die Sofaecke glänzte mit schaurigen Zacken, wäre das nicht das Laufgitter, das einen Bereich im hinteren Teil abzäunte. Darin lag neben kunterbuntem Spielzeug ein kleiner, wuscheliger Hase und döste wie ein Sukkubus nach dem Genitalspaltfest.
„Mister Molesti, willkommen in der Hölle“, donnerte es, das Häschen öffnete die Augen und der Angesprochene wirbelte auf den Haken herum.
„Doktor Evilsizer, es ist mir ein Unbehagen, Sie kennen…“
„Professor Evilsizer“, unterbrach ihn der hochgewachsene Widder, trabte an ihm vorbei und ließ sich auf den Bürosessel fallen.
„Oh, Verzeihung.“ Durch den Fauxpas wurde Molesti nur noch kribbeliger. Statt ihn mit einem gepfefferten Schwefelball zu bestrafen, lachte der Professor: „Verzeihung suchen Sie in der Hölle vergeblich“. Mit einer ausladenden Geste bedeutete er ihm, näherzukommen. „Okay, Molesti, machen Sie es sich unbequem und berichten sie mal, weshalb ich Sie einstellen sollte.“ Der Mensch tat wie ihm geheißen und setzte sich auf das Nagelbrett.
„Mh, naja“, stammelte er auf den spitzen Zacken hin- und herrutschend. „Hmm, also …“
„Immer mit der Ruhe, Molesti, Sie sind nicht mehr im Foltertrakt, entspannen Sie sich.“ Der Chef legte die Hufe auf den Schreibtisch, wodurch ein Stapel Pfählbescheide herunterfiel, dann rief er entzückt: „Ihre Referenzen sind abscheulich!“ Mister Molesti kicherte nervös, so viel Freundlichkeit war ihm unheimlich, hatte er doch die letzten Äonen aufgespießt und geschält im Säurebad verbracht, wo er alle paar Minuten von Dämonen angebrüllt worden war.
„Nun, ähm, danke sehr, Doktor, Verzeihung … Ach, nein! Professor! Professor Evilsizer.“
„Nennen Sie mich Tim.“ Der Bock streckte sich ausgiebig und zündete sich anschließend eine Rußzigarre an, ehe er seinem Gegenüber eine anbot. „Zigarre?“
„N… Nein, ich habe aufgehört zu rauchen, Professor … Tim.“ Zufrieden stellte Mister Molesti fest, wie fürchterlich das Gespräch bislang verlief und lehnte sich auf dem Nagelbrett etwas zurück.
„Ihr Verlust.“ Er schnappte sich ein Mäppchen aus der Schublade und schaute kurz hinein, bevor er es auffraß. „Grauenvoll“, murmelte der Abteilungsleiter gönnerisch. „Wirklich ganz grauenvoll. Von Ihrer Akte bekomme sogar ich Magenbeschwerden.“
„Danke sehr, Pro… Tim.“ Mister Molesti war tatsächlich äußerst stolz auf seine Laufbahn, immerhin hatte er zu Lebzeiten, ebenso wie danach, für jede Scheußlichkeit hart gearbeitet.
„Da steht“, holte Tim sich auf den haarigen Ranzen klopfend aus, „Sie seien für die Entlassung von insgesamt achthundertdreiundzwanzig Arbeitern verantwortlich gewesen. Beeindruckend.“
„Genau genommen waren es achthundertvierundzwanzig“, korrigierte er den Chef. „Ich hatte meine Frau ebenfalls gefeuert, das allerdings nicht öffentlich kommuniziert.“
„Ha“, hustete der Satan heiter und klopfte auf den Tisch, sodass der Hase erschrocken hochhopste. „Oh je, Tom“, wendete er sich dem Fellball zu. „Tut mir leid.“ Irritiert schüttelte Mister Molesti den Kopf, besann sich sogleich eines Besseren und fuhr fort: „Auf jeden Fall waren es achthundertvierundzwanzig. Zudem, und ich will ja nicht angeben, steckte meine Firma hinter den illegalen Mülldeponien, welche die Wasserversorgung eines Distrikts zerstörten. Die Bevölkerung zweier Dörfer musste umgesiedelt werden und eine Handvoll Agrarflächen wurden unbenutzbar. Das war mir natürlich einerlei, mein Augenmerk lag stets auf dem Kassensturz, alles andere interessierte mich nie.“
„Entsetzlich, das klingt schon nicht schlecht. Erzählen Sie weiter.“
„Gerne. Meine baurechtliche Einsprache hat den Bau eines Krankenhauses verhindert, das in der vorletzten Pandemie bestimmt tausende Leben hätte retten können. Meine Kinder habe ich kaum gesehen und selbstverständlich direkt nach dem Kindergarten ins Internat gesteckt.“ Er räusperte sich, überlegte, ob er mit den Leistungen seiner Nachkommen prahlen sollte. „Der Älteste hat mich in seinem Abschiedsbrief erwähnt und nicht bloß sich, sondern auch Frau und Gören erschossen. Der Jüngste verdiente seine Brötchen mit Drogengeschäften.“
„Soso.“ Der schauerliche Schafsbock nickte wohlwollend. „Die Tochter?“
„Die gab mir leider zu denken“, gab Mister Molesti vergrämt zu. „Zuerst sah es gut aus, sie besuchte die Schule, machte eine Ausbildung zur … zur …“ Er hielt inne und würgte geräuschvoll einen Kotzklumpen hervor, den er zu den anderen in die Süßigkeitenschale legte. „Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Teufel sei Dank haben Abtreibung und der Bürgerkrieg sie bitter gemacht. Sie tötete etliche Patienten mit Morphium.“
„Da hat sie nochmal die Kurve gekriegt. Jetzt aber zurück zu Ihnen, Mister Molesti. Was bewog Sie dazu, sich ausgerechnet hier zu bewerben?“
„Während meiner Zeit im Foltertrakt“, begann er, erfreut, sich bereits eine passende Antwort zurechtgelegt zu haben, „durfte ich die barbarische Arbeit Ihrer Angestellten täglich bewundern. Jahrhunderte schwamm ich im Säurebad, sog während meiner persönlichen Ewigkeit jede Ihrer bestechenden Grausamkeiten auf. Ihre Behörde leistet Entsetzliches und ich wäre zutiefst geehrt, meinen Teil dazu beizutragen.“
„Oho, ich sehe schon, Mister Molesti, Sie haben Potential. Arschlöcher wie Sie können wir prima gebrauchen.“ Anerkennend rieb er sich über den Bauchnabel, rülpste und fragte: „Wie steht es um Ihren Namen, darf ich dahinter eine Metaebene vermuten?“ Davor hatte er sich gefürchtet. Mister Molestis Familienname war schon seit jeher ein Hindernis für ihn – der Name seines Vaters versprach schlichtweg zu viel, nie war er in der Lage gewesen, diese Fußstapfen auszufüllen.
„Da muss ich Sie leider enttäuschen, Tim.“ Der Mann hüstelte verlegen, schämte sich, nicht mehr aus seinem Leben gemacht zu haben, nicht wenigstens ein Kind geschändet zu haben.
„Tja“, brummte Professor Evilsizer sichtlich verwundert über diese schändliche Karrierelücke des Kandidaten. Nach einer langen, peinlichen Stille meinte er: „Man kann nicht alles haben. Zerstörte Existenzen, Familien am Abgrund, die Natur im Eimer, ihre Qualifikationen sind einwandfrei.“
„Ich …“, stotterte Mister Molesti drauflos, „ich habe den Job?“
Die satanische Kreatur erhob sich, schlenderte zum Laufstall und ließ den Menschen zappeln. Er beugte sich vor, streichelte behutsam über Toms Fell, dann hob er das Häschen auf. Auf dem Nagelbrett herumrutschend wartete der Bewerber darauf, dass der Nager verschlungen wird und er endlich Bescheid bekäme, jedoch kam es anders als angenommen. „Nun denn, willkommen in der Hölle. Passen Sie gut auf Tom auf“, sagte Tim und reichte ihm den Rammler.
„Bitte?“ Verdattert nahm er das Tier entgegen, dieses steckte sofort sein flauschiges Näschen in seine Armbeuge. „Ich verstehe nicht. Soll ich den Hasen häuten, ihn vielleicht vierteilen oder …“
„Scheiße, nein!“, empörte sich Professor Evilsizer. „Ja, haben Sie denn die Stellenbeschreibung nicht gelesen?!“ Erzürnt über den ahnungslosen Menschen entriss er ihm das niedliche Knäuel und hielt schützend seine Hand darüber. „Tom ist mein liebstes Haustier, ich suche nach einem Hasensitter, Sie verkackter Vollidiot.“
„Oh …“
„Raus!“

Das, ihr fürchterlich grandiotastischen Patreon- und Steady-Freunde, war die 666ste Clue Writing Story. Wir hoffen, sie hat euch ganz grauenhaft gut unterhalten.
Autorin: Rahel
Setting: Büro des Abteilungsleiters
Clues: Abtreibung, Sofaecke, Magenbeschwerden, Metaebene, Kassensturz
Wir hoffen, euch hat diese exklusive Geschichte gefallen und möchten uns megalotastisch für eure Unterstützung bedanken. Wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Bonus-Story müsst ihr euch einen Monat gedulden, aber in der Zwischenzeit unterhalten wir euch mit den regulären Hör- und Kurzgeschichten und freuen uns darauf, euch auf den Social Media begrüßen zu dürfen. Grandio-Danke für eure Literaturfreude![/passster]

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