Special zum zehnjährigen Jubiläum | Das Manuskript| Lane

Dies ist der 2. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Das Manuskript“.

In der Sekunde, als sie mein Büro im vierten Stock betrat, war mir klar: Sie bedeutet Ärger. Es ist ein Klischee, ein verstaubtes Relikt aus Filmen, die heutzutage lediglich Nostalgiker und prätentiöse Studenten schauten. Ich hatte diese Plattitüden bislang belächelt, war lange genug im Geschäft, um nicht mehr an die Sage vom verruchten Weibsbild zu glauben, das kommt und dein Leben auf den Kopf stellt. Aber da ist sie, Nora Snow, und nach einer Vierteldekade der stumpfen Pflichterfüllung, fühle ich es. Und es ist mir zuwider.
„Ein Buch, sagen Sie?“ Ich wende mich ab und suche in meiner Schreibtischschublade einen Stift, ein Stück Papier, egal was. Ich benötige einen Vorwand, sie nicht ansehen zu müssen. Sie wirkt deplatziert in meinem nikotinvergilbten Kabäuschen, ein Juwel im Straßenstaub. „Und Sie sind sich sicher, dieser Constantin hat es?“
„Ja, zweifelsohne.“ Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie sie ihre Beine übereinanderschlägt. Der Stoff ihrer Hose raschelt angenehm, die Tonlage verrät mir, dass ihr nachtblaues Kostüm aus Seide ist. Dazu trägt sie dezente, schwarze Pumps. Edel, unaufdringlich, dennoch ziehen sie die Blicke auf sich. Wenn mich meine dritte Ehe etwas Anderes außer Schmerzen gelehrt hat, dann dass ihre Aufmachung ein kleines Vermögen wert ist. „Es gehört mir.“
„Ich verstehe, Miss Snow. Und ich soll es Ihnen wiederbeschaffen?“ Sie nickt, dabei wippen die feinen Perlenohrringe und ihr Duft schwingt in meine Richtung. Sandelholz, Bergamotte, Jasmin und Amber, ihr Parfüm vermischt sich mit dem Gestank meiner Höhle. „Wer ist Constantin?“, frage ich, besinne mich meiner Aufgabe und lasse von der Schublade ab.
„Er arbeitet für meine Mutter“, meint sie, lehnt sich auf dem Klientenstuhl zurück und verschränkt ihre Finger ineinander. Die cremeweiße Bluse schlägt Falten, unter dem Ärmel des Blazers lugt ein filigranes Armband hervor. Ihr Schmuck ist, wie sie selbst, zart, nimmt kaum Raum ein, stattdessen zieht ihre gesamte Erscheinung den Betrachter heran. „Mister Abbott …“
„Nennen Sie mich Lane, Mister Abbott war mein …“, beginne ich und winke schmunzelnd ab. Als hätte irgendjemand meinen betrunkenen Taugenichts von Vater jemals Mister genannt. Ihre mysteriöse Ausstrahlung, diese knisternde Aura, die sie umgibt, hätte mich beinahe eingenommen. Sehe ich sie an, will ich zu dem werden, den sie braucht. Sie ist im wahrsten Sinn des Wortes betörend und ich mag das nicht. Ganz und gar nicht. „Nennen Sie mich einfach Lane.“
„Okay, Lane.“ Sie schenkt mir ein Lächeln, dem ich mit stoischer Miene begegne, löst ihre Finger und beugt sich vor. „Es ist mir ein Anliegen, die Sache verdeckt zu halten. Meinen Sie, Sie können das?“
„Ich bin Privatdetektiv, Geheimhaltung ist mein Business. Ich bin überaus professionell, niemand wird erfahren …“, hole ich aus, da geht die Tür auf und Licht dringt von den Fenstern im Flur in mein abgedunkeltes Büro.
„Hey Boss“, grüßt mein Assistent und schlurft, ohne sich die Schuhe abzustreifen, herein. „Kann ich ein wenig früher gehen?“, plappert er munter drauflos, sein Kaugummi klebt an seinem linken Schneidezahn wie eine hellblaue Krone. „Ich muss meinen Bruder beim Museum abladen, weil er Nachtdienst hat und …“
„Tanner!“ Ich räuspere mich, unterdrücke den Drang, mir die Nasenwurzel zu reiben. „Tanner, ich habe eine Klientin. Warte draußen.“ Erst jetzt entdeckt er die Schönheit, die direkt vor ihm sitzt und ihn belustigt beäugt. Vermutlich wird aus ihm nie ein geschickter Detektiv, so unaufmerksam wie er ist.
„Oh“, stammelt er und starrt Miss Snow unverhohlen an. „Oh, es … es tut mir leid. Ich … ich, ähm. Was wollte ich noch gleich?“
„Rausgehen!“, blaffe ich ihn an, erhebe mich und bugsiere den Jungen aus dem Zimmer. „Bitte entschuldigen Sie, er ist neu.“ Ich gehe an ihr vorbei, zwinge mich, ihren Geruch nicht geräuschvoll einzuatmen, und setze mich ächzend hinter meinen Tisch. „Wie gesagt, Geheimhaltung ist mein Business.“

Mir ist unwohl bei dem Auftrag, angenommen habe ich ihn trotzdem. Ich rede mir ein, es ginge mir bloß ums Geld, denn die Bezahlung ist außerordentlich. In Wahrheit habe ich mich vielmehr von ihren statt den finanziellen Vorzügen verleiten lassen. Es gibt wenige Regeln, an die ich mich halte und heute habe ich jede einzelne davon gebrochen. Seufzend lege ich den Objektivkoffer auf die Sporttasche mit den restlichen Utensilien und rufe Tanner.
„Ja, Boss, was ist?“ Er ist ein lieber Junge, einer, der eine Chance braucht, wie ich einst. Allerdings befürchte ich, die Rolle des Mentors steht mir schlecht, meine Zündschnur ist zu kurz. Es liegt an meinem Job. Stundenlang allein in Autos zu sitzen, Fremdgeher und Betrüger zu beschatten, seine Tage gegenüber paranoiden Partnern und Arbeitgebern zu verbringen, hinterlässt seine Spuren. Nichts desillusioniert einen Mann, wie sich jahrzehntelang im Dreck anderer Leute zu suhlen. Dass meine erste Exfrau behauptet, ich sei schon vorher so gewesen, bedrückt mich nur, wenn ich nicht schlafen kann. „Boss?“
„Ah. Ich war abgelenkt.“ Ich gähne gedehnt und deute auf mein Gepäck. „Bring das ins Auto. Wird eine durchwachte Nacht für mich.“

Constantin aufzuspüren ist ein Leichtes gewesen, Nora Snows Informationen waren verdächtig ausführlich. Um exakt acht Uhr vierzehn hat er das Speranza-Anwesen verlassen und war danach einige Stunden durch die Stadt gefahren. Vor einigen Minuten ist er durch den Hintereingang in ein Restaurant verschwunden. Wahrscheinlich geht es um Schutzgelderpressung oder der Wirt verdient sich als Geldwäscher etwas dazu. Bisher ist nichts Spannendes passiert, gleichwohl bin ich unruhig, geradezu nervös. Die Mafia hat alle Fäden in der Hand, es gibt keinen Winkel der Stadt, der nicht von Marisol Speranza kontrolliert wird. Ich sollte es besser wissen, als mich in ihre Angelegenheiten verwickeln zu lassen. Ich öffne das Handschuhfach und murre, weil der Inhalt sich sogleich über den Boden des Toyota Siennas verteilt.
„So ein Mist.“ Ich wühle in den auf dem schmutzigen Teppich verstreuten Beuteln, fische eine Tüte M&M’s hervor und schiebe die restlichen Süßigkeiten unter den Beifahrersitz. Ich habe aufgehört, einen gesitteten Eindruck erwecken zu wollen, außer mir sitzt sowieso niemand in der alten Karre. Mein Wagen ist ebenso versifft wie das Büro in der Innenstadt, das ich mir eigentlich nicht leisten kann. Der Aschenbecher quillt über und obwohl ich es bin, der den Gestank von kaltem Rauch, Thunfischsandwiches und ungeputzten Zähnen verursacht, rieche ich den Mief. Die Erinnerung an Nora Snows Parfüm drängt sich mir auf, dieses warme Bouquet, das ihre Gestalt umgibt, es blieb in meiner Detektei, lange, nachdem sie gegangen war. Spätestens bei meiner vierten Scheidung hätte ich lernen sollen, dass schöne Frauen gefährlich sind. Doch da bin ich nun, in meinem stickigen Van, lauere einem Mafioso auf und träume von ihr –  davon, wie sie riecht, ihren dunklen Augen, den locker frisierten Haaren und den saftigen Lippen, die sie mit einem Hauch von Dior 999 veredelt hatte.
„Du bist ein Idiot, Lane“, schimpfe ich mit mir selbst und stopfe mir die letzte Handvoll Süßigkeiten in den Mund, gerade rechtzeitig, denn Constantin marschiert aus dem Restaurant und fährt los.

Der Abend ist schleppend verlaufen. Nach einem Zwischenhalt bei einer Tankstelle fuhr Constantin zum Museum und wurde von einer anderen Person eingelassen. Erneut habe ich nichts weiter zu tun, als Däumchen zu drehen. Es gibt Zeiten, in denen ich mit der Langeweile des Detektivdaseins gut zurechtkomme. Momentan leide ich darunter, mit meinen Gedanken allein zu sein, jeden meiner Schritte zu hinterfragen und die Leere mit Selbsthass zu füllen. Ich werfe die Snickers-Verpackung auf den Rücksitz, schnappe meinen Filzhut, den Mantel und die Zigaretten von der Mittelkonsole und steige aus. Constantin würde bestimmt einige Minuten im Museum bleiben und dort tun, was auch immer ein Handlanger von Marisol Speranza in einem Museum zu tun hat, und ich hatte es nötig, meinen Kopf zu lüften.
Ich schlendere einige Male um den Wagen herum, strecke meine Glieder und zünde schließlich meinen Glimmstängel an. Früher habe ich eine Marlboro nach der anderen gepafft, vor einer Weile auf die leichteren R1 Blue gewechselt, weil mir das Husten Sorgen machte. Sie schmeckten nach Pappe, aber wenigstens kotze ich mir nicht jeden Morgen die Lunge aus dem Leib. Es ist schwierig, Gewohnheiten abzulegen, da ist es mit dem Rauchen wie mit den Frauen.
Hinter mir ertönen Schritte. Ich muss mich zusammenreißen, mir meinen Schrecken nicht anmerken zu lassen, sondern mich möglichst unauffällig umzusehen. Ein Typ, der mitten in der Nacht vor dem Museum neben seinem Auto qualmte, war ohnehin schon suspekt.
„Tanner?“, sage ich erstaunt. Der Junge zuckt zusammen, hält inne und guckt mich verdutzt an. „Warst du bis eben bei deinem Bruder?“ Ich entspanne mich, Tanner kommt mir gerade recht, zu zweit ist unsere Anwesenheit weniger dubios. „Na?“
„Äh, ja. Hallo Mister Abbott“, druckst er und als ich seine steife Körperhaltung bemerke, nehme ich mir vor, mich zu bemühen, ein besserer Mentor zu werden. „Ich, ähm, ja. Ich war bei meinem Bruder, Merle.“
„Gut. Gut, gut.“ Jetzt komme auch ich ins Stocken, krame die kleine Metallschachtel aus der Manteltasche und biete sie Tanner an. „Zigarette?“
„N … nein, Danke, Mister Abbott. Ich, ähm …“ Allmählich wundere ich mich über das Verhalten meines Assistenten. Natürlich, ich kann zuweilen aufbrausend und unbeherrscht sein, sein ängstliches Gestotter irritiert mich trotzdem. Bin ich so ein Unmensch?
„Hast du jemanden ins Museum reingehen gesehen?“, will ich wissen und kann dabei zusehen, wie sein Gesicht Farbe verliert, er regelrecht kreidebleich wird. „Tanner? Was ist passiert? Hast du Constantin getroffen?“
„Constantin?“

Tanner bestand darauf, die Polizei zu rufen und einen Einbruch ins Museum zu melden, als ich ihm vom Mafioso erzählte. Irgendwie verständlich, wollte er seinen Bruder schützen. Für mich leider eher ärgerlich, im schlimmsten Fall würden die Bullen zwischen mich und meine Ermittlungen kommen und dann kann ich mich von der üppigen Bezahlung und der Hoffnung, Nora Snow wiederzusehen, verabschieden. Zirka zehn Minuten, nachdem Tanner sein Handy weggesteckt und mit einer offensichtlichen Ausrede gegangen war, tauchte ein Streifenwagen vor dem Museum auf. Mit seiner Vergangenheit kann ich es dem Jungen nicht verübeln, dass er keine Lust darauf hatte, mit der Polizei zu reden, dennoch scheint er irgendetwas zu verheimlichen.
„Ach naja“, murmle ich zu mir. „Egal.“ Zuerst muss ich mir überlegen, ob ich die Bullen vorwarnen soll, immerhin wäre es meine Pflicht, mit ihnen zu kooperieren. Ich bin kein guter Kerl, hatte fünf Exfrauen, die das bei jeder Gelegenheit bestätigten, aber ich stelle mir gerne vor, zumindest ein halbwegs anständiger Typ zu sein, der … Ein Schuss fällt, kurz darauf dröhnt ein zweiter. Sie kamen beide aus dem Museum. „Nein“, sage ich bestimmt, schnippe meine Fluppe auf den Parkplatz und steige ein. „Ich bin zu alt für den Scheiß.“ Weder der Wunsch, vielleicht die Kurve zu kriegen und ein achtbarer Bürger zu werden, noch die beachtliche Geldsumme, die ich für das Buch bekäme, Himmel, nicht einmal Nora Snows lange Beine können mich dazu bringen, noch eine Sekunde länger hier zu bleiben. „Nope. Nope“, nuschle ich, steige in meinen Toyota und mache mich aus dem Staub.

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