Special zur siebenhundertsten Story | Volatil in Megalopolis

Hämisch glucksend wischte sich James The Janitor den Schweiß von der Stirn. Die Bombe war viel zu schwer, davon ließ er sich allerdings nicht aufhalten, er ließ sich von überhaupt nichts aufhalten! Weder von korrupten Gesetzeshütern noch den vermaledeiten Politikern und erst recht nicht von diesen dilettantischen Superhelden, die die Stadt vor dem Bösen beschützten. Sein Plan war absolut perfekt, dachte sich der Schurke im Blaumann und grinste vor sich hin. Naja, abgesehen davon, dass er den Sprengsatz schleppen musste, bedauerlicherweise war ein Gabelstapler für den Weg durch die Kanalisation ungeeignet. Und für jemanden wie ihn war das leider eine mühselige Plackerei, denn anders als diese albernen Helden, von denen das Universum geradezu überfüllt war, hatte er keine Superkräfte, sondern verließ sich allein auf sein Köpfchen. Jahrelang hatte er jeden einzelnen Winkel der Kanalisation erkundet, sein Vorhaben war bis ins kleinste Detail vorbereitet. James The Janitor überließ nie etwas dem Zufall.
Endlich unter dem Rathaus angelangt, zerrte er seine explosive Fracht über die letzten Meter. Ächzend manövrierte er sie an einen trockenen Flecken, direkt unter den Fundamenten und tragenden Querbalken, und besah sein Werk. Er prüfte die Verbindung der Drähte, den Zünder, machte die Bombe scharf und murmelte anschließend selbstzufrieden sein Schurkenmotto: „Ich bringe den Müll raus!“ Schon bald würde die ganze Stadt seinen Namen kennen.

Seufzend kickte Rainer Reflector seine Stiefel neben die Couch, die mitten im Reflectodome stand und ließ sich in die Kissen fallen. Die Sonne war bereits vor einer Weile untergegangen, aber die Lichter und der dicke orange Smog brachten die Skyline zum Leuchten. Ein langer Tag lag hinter ihm, so war das eben im Superhelden-Business, jeder Tag war lang und jeder Tag brachte Herausforderungen. Heute zum Beispiel war es ihm gerade noch rechtzeitig gelungen, einen neuerlichen Einbruch in die First Megalopolis Bank zu verhindern, indem er sich unsichtbar an die Gangster herangeschlichen und einen nach dem anderen ausgeschaltet hatte. Der Bürgermeister war wie üblich mit einem feuchten Händedruck zur Stelle gewesen und hatte sich für die Vereitelung bedankt, kaum saßen die Halunken im Polizeiwagen. Morgen ginge es nahtlos weiter mit der Jagd auf die Taugenichtse, Diebe und Verbrecher dieser Stadt, die nur zwischen halb ein Uhr früh und vormittags um halb zehn schlief. Eine Arbeit, nein, Berufung, die er mit Stolz und Eifer ausübte.
Er war ein wenig überrascht, als der Rufton des Reflectophones weit nach Mitternacht durch die trügerische Stille seiner Festung schellte. Blitzschnell zupfte der ewig junge Held sein Kostüm zurecht und schlüpfte in extra angefertigte Stiefel, die seinen superschnellen Sprints sowie sämtlichen gängigen Kalibern standhielten. „Unsichtbar bringe ich den Schrecken zur Strecke“, meldete sich Rainer Reflector und hörte aufmerksam zu, während ihm der Bürgermeister von seiner Sorge erzählte, der Hausmeister des Rathauses führte etwas im Schilde. „Selbstverständlich, Herr Bürgermeister, ich bin gleich zur Stelle!“

Die Zeit für einen Neuanfang war gekommen, grübelte James The Janitor, kritzelte mit einem dicken Filzstift das Wort ‚Korruption‘ auf seinen Sprengsatz, nickte voller Genugtuung und wandte sich zum Gehen. Morgen begannen die Festivitäten zur Siebenhundert-Jahr-Feier der Stadt und alle Regenten würden sich im Rathaus über ihm versammeln. Diese verhätschelten Schweine trafen sich einige Stunden bevor die Bürger Einlass erhielten, um sich ihre Bäuche am Bankett vollzuschlagen, und genau dann ginge seine Bombe hoch. Die Stadt war korrupt geworden, ein Politiker nach dem anderen dem verführerischen Rascheln von Moneten verfallen. Statt im Sinne der Wähler, des Volks, agierte die feiste Führungsriege stets mit ihrem Portemonnaie im Hinterkopf. Also lag es an ihm, James The Janitor, den Müllverbrenner anzuwerfen – was waren schon ein paar geopferte Politiker, um seine Heimat vom Filz zu befreien? In den letzten siebenhundert Jahren hatte sich Megalopolis vom blühenden Vorbild zur verkommenen Metropole gewandelt. Die Einwohner hatten Besseres verdient, als im Sumpf dieser dreckigen Machenschaften zu waten.
Himmel, sogar die Superhelden waren allesamt nichts weiter als bestechliche, faule Aushängeschilder, die es nimmer wagten, gegen den Status Quo aufzubegehren. Nach einer letzten Kontrolle des Empfängers wandte sich James The Janitor ab und machte sich auf den Nachhauseweg. Ja, die Rettung der Stadt war keine Aufgabe für Helden, sondern für einen Schurken und er war bereit, dieser eine Bösewicht zu sein, der das Richtige tat.

Es war ihm ein Leichtes gewesen, in den winzigen Bunker des Hausmeisters einzudringen, die Abwehrmaßnahmen des Stümpers waren lächerlich, als könnte eine normale Kamera ohne Wärmebild ihn, den einzigartigen unsichtbaren Helden, entdecken. Leise glucksend wühlte Rainer Reflector durch die Unterlagen seines unzulänglichen Gegenspielers, ohne sich die Mühe zu geben, leise zu arbeiten oder die fauchende Katze zum Schweigen zu bringen. Selbst wenn der miese Kerl angetrabt käme, was hätte er ihm schon entgegenzusetzen, wollte er ihn vielleicht mit einem Besen verkloppen? Kein einziger Schurke, geschweige denn ein Held, wäre je in der Lage, ihm das Wasser zu reichen, allein der Gedanke daran war absurd! Deshalb war und bliebe er immer Megalopolis’ Liebling, das Programm der Siebenhundert-Jahr-Feier sah sogar eine Lobesrede auf ihn vor. In Interviews betonte er, wie es sich halt gehörte, es ginge ihm einzig und allein um das Wohl der Bürger, doch das war selbstredend Nonsens. Die Sicherheit des Pöbels interessierte ihn nicht im Geringsten, seine Verehrung dagegen, ja, das war eine andere Sache. Schließlich wurde er dank seinen Heldentaten regelrecht mit Lob überhäuft, die Weiber klebten an ihm wie Fliegen am Sirup und der Bürgermeister mitsamt seinem fetten Geldbeutel war Wachs in seinen Händen.
Stirnrunzelnd schaute er einige Baupläne durch, schlenderte die drei Schritte vom Arbeitstisch zum kleinen Kühlschrank, der neben einem ranzigen Sofa vor sich hin surrte und genehmigte sich eine Grandionade, ehe er die Blaupausen lachend zerknüllte und in eine Ecke schmiss. „Was für ein Amateur.“

Nachdem er das Chaos aufgeräumt und seine Katze dafür gerügt hatte, setzte sich James The Janitor bequem hin, legte die Füße auf den Couchtisch und machte den Fernseher an. Beinahe hätte er sich an einem Popkornkrümel verschluckt, als Rainer Reflectors maskierte Visage auf dem Bildschirm auftauchte. Er hasste den geleckten Typen fast so sehr wie die Politiker, die er in wenigen Stunden explodieren ließe. Missmutig brummte er und zuckte erschrocken zusammen, als er anstelle des Lautstärkeknopfs beinahe den Bombenauslöser drückte. „… werde nicht ruhen, bis ich das Böse besiegt und die braven Menschen von Megalopolis gerettet habe“, sprach der Angeber selbstgerecht und James The Janitor pflichtete ihm schmunzelnd bei: „Ganz deiner Meinung, mein Lieber.“
„Ich bin kein Held“, verkündete der Superheld mit aufgeblähter Brust und die Reporterin hatte sichtbar Mühe, nicht gleich in Ohnmacht zu fallen. „Die wahren Helden sind die Bürger, die sich mutig für unsere großartige Demokratie einsetzen, sich jeden Tag gegen die Schurken wehren, die unsere wunderbare Stadt in Flammen aufgehen sehen wollen und an eine rosige Zukunft ohne Korruption glauben. Ja, die tatkräftigen Frauen und Mä…“
James The Janitor schaltete das Gerät aus und starrte nachdenklich ins Leere. Seine Absichten waren gut, zweifelsfrei die richtige Antwort auf die grassierende Korruption. Die Leben dieser verdorbenen Politiker waren sein Mitgefühl nicht wert, die Menschen mussten von ihnen befreit werden. Oder? Nahm er eben diesen Menschen die Chance, frei zu wählen, dazu zu lernen, zu wachsen? Hatte der Held womöglich Recht, könnten die Bürger von Megalopolis selbst für Integrität kämpfen, gab es noch Grund für den Glauben an das Gute? „Nein“, nuschelte James The Janitor erst, wiederholte es dann lauter, bestimmter: „Nein. Es liegt nicht an mir. Ich kann kein Schurke sein, ich will den Leuten vertrauen, ihnen als Held zur Seite stehen!“ Entschlossen pulte er die Batterien aus dem Sender und stand auf, um mehr Mikrowellenpopcorn für die Liveübertragung der Siebenhundert-Jahr-Feier zu genehmigen. Die Entscheidung war gefallen: Bei dieser Feier würde niemand eine Bombe zünden.

„Ekelhaft“, raunte Rainer Reflector, schüttelte die Spinnweben aus seinem Umhang und stieg auf einen Vorsprung, an dem er den Morast der Kanalisation an seinen Stiefeln abstreifte. „Einfach ekelhaft!“ Den Sprengsatz zu finden war wie erwartet ein Kinderspiel für ihn gewesen, der dumme Hausmeister hatte die Position peinlichst genau eingezeichnet, obendrein notiert, wie die Zündung funktionierte, sodass jeder Hornochse seine schändliche Tat verhindern könnte. Angewidert auf den Boden blickend knurrte der Superheld frustriert und kniete sich widerwillig vor der Bombe hin. „Was für ein Amateu…“, wollte er gerade seine Feststellung von vorhin bekräftigen, da las er das in krakeliger Handschrift auf eine Abdeckung geschmierte Wort: „Korruption.“ Rainer Reflector schnaubte verächtlich und rollte mit den Augen. „Korruption, ja klar“, murrte er und schraubte das Gehäuse auf, in dem die Sprengladung gesichert war.
Natürlich war Megalopolis ein korruptes Pflaster, kaum ein Politiker, der sich nicht bei jeder Gelegenheit ordentlich die Taschen füllte und dafür Scham, Moral und Interessen der Gemeinschaft über Bord warf. Das war nun wirklich kein Geheimnis. Früher wurde wenigstens noch Wahlkampf betrieben, ein klein wenig biegen und brechen für die Wähler war vonnöten gewesen. Seit der Bürgermeister das Zepter übernommen hatte, war aber auch das zur Farce geworden, gewählt wurde, wer sich am besten anbiederte und für den Alten lukrative Geschäfte abschloss.
Zögerlich nahm Rainer Reflector die Finger vom Sprengsatz und kratzte sich am Kinn. Wenn er es sich recht bedachte, lag der Hausmeister gar nicht falsch, dem Bürgermeister und seinen Schergen sollte Einhalt geboten werden. Er hatte es satt, sich mit deren Krumen zufriedenzugeben, er wollte den ganzen Kuchen haben, nicht bloß Bewunderung und ein paar lausige Kröten und dazu war so eine Bombe wahrlich der perfekte Plan. Ginge das Rathaus mitsamt den Regenten in Flammen auf, stünde niemand mehr zwischen ihm und dem Platz an der Spitze, Megalopolis wäre sein!
Aufgeregt untersuchte er die Verkabelung, um sicherzustellen, dass der Sprengsatz tatsächlich hochginge, befestigte die Abdeckung wieder und sprang auf. Um es vor dem Startschuss zur Siebenhundert-Jahr-Feier zurück in den Bunker des Hausmeisters zu schaffen, musste er sich beeilen und die Freude, den Auslöser selbst zu drücken, konnte er keinesfalls diesem schlampigen Ganoven überlassen.

Autorinnen: Rahel und Sarah
Themenvorgabe: Siebenhundert
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