Fan-Bonus | Mistkarre

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„Und, möchten Sie sich den Innenraum ansehen?“, fragte die alte Dame müde lächelnd, öffnete die Fahrertür und animierte Henry mit einer ausladenden Geste zum Einsteigen. Zugegebenermaßen war der fünfundneunziger Lexus keinesfalls sein Traumauto, doch für Träume fehlte es ihm an Geld.
[passster password=“rE498-4721dsf“]„Vielen Dank.“ Rasch stieg er ein, in der Hoffnung, dem penetranten Duft ihres Parfüms zu entkommen, das ihn an den muffigen Schrank seiner Tante erinnerte. Für die knapp dreihundertfünfzehntausend Kilometer, welche die Limousine bereits auf den Felgen hatte, sah sie eigentlich ganz ordentlich aus, nahm er positiv überrascht zur Kenntnis. Die Kratzer auf den Ledersitzen störten Henry kaum, was anderes hatte er auch gar nicht erwartet und die Armaturen schienen gepflegt, der Teppich bis auf einen ordentlichen Fleck hinter dem Beifahrersitz, sauber. Leider roch es im Auto nur unwesentlich besser, es stank nach Hundefutter und irgendetwas feuchtem, Mozzarellakugeln oder Molke. Wahrscheinlich wäre ein Duftbäumchen chancenlos gegen den Mief, vielleicht das Deo seines kleinen Bruders, mit dem er regelmäßig den gesamten Block einnebelte.
„Ist schön geräumig“, pries sie die Karre an und beugte sich zu ihm hinunter. „Ein Auto muss genug Platz haben, hat mein Mann stets gesagt, wissen Sie, damit die ganze Familie reinpasst.“ Seit einer geschlagenen Dreiviertelstunde unterhielt er sich nun schon mit ihr und er hatte wirklich keine Lust mehr auf weitere Geschichten aus ihrem Familienleben, also nickte er fahrig und lenkte ab: „Zweihundertvierundsechzig PS, sagten Sie?“ Natürlich hatte er im Vorfeld recherchiert, sich auf den Kauf seines ersten eigenen Wagens vorbereitet, schließlich wollte er sein Geld nicht einem fiesen Autoverkäufer in den Rachen schmeißen. Wie hätte er denn damit rechnen sollen, an eine alte Frau zu geraten, die ihm ein Ohr abkaute, statt ihn übers Ohr zu hauen?
„Ach, das tut mir leid, solche Sachen weiß ich nicht, die Papiere sind unauffindbar.“ Sie lehnte sich vor, steckte ihren Kopf hinein, tätschelte das Steuerrad und seufzte traurig. „Mein Raoul hätte Ihnen einiges über den Wagen erzählen können, ja, wenn es um solches Zeug ging, hatte er Ahnung.“
„Aha“, tönte Henry desinteressiert und wich soweit es ihm möglich war aus, bis er mit dem Hinterkopf gegen das Polster stieß.
„Den fuhr er lange, wissen Sie“, erklärte sie und rückte ihm noch näher auf die Pelle, kletterte ihm beinahe auf den Schoss, um den Rückspiegel zu richten. „Richtig gern hatte er den Wagen, hatte vor, ihn unserem Sohn zu verm…“ Sie räusperte sich geräuschvoll, ein typisches Raucherhusten folgte, woraufhin sie sich aus dem Innenraum zurückzog, ein Taschentuch aus ihrem BH zog und gelblichen Schleim ausspuckte. Henry sah weg und verzog die Miene, indes hüstelte sie verlegen und meinte: „Bitte entschuldigen Sie, ich bin ein wenig erkältet. Wo waren wir? Ah ja, an unseren Sohn vermach…“
„Eine Probefahrt“, fuhr Henry dazwischen und überlegte fieberhaft, wie er sie wohl dazu bringen könnte, ihn alleine losziehen zu lassen, damit er dieses Kaspertheater nicht länger ertragen musste, da kam sie ihm zuvor und ereiferte sich: „Selbstverständlich, selbstverständlich. Macht es Ihnen was aus, ohne mich zu fahren? Mir wird immer so schlecht wenn es schaukelt.“
„Kein Problem.“ Sie reichte ihm den Schlüssel, den er sogleich in die Zündung steckte, bevor er innehielt und da hielt er inne und nachhakte: „Das hatte ich ganz vergessen: Dreitausend, sagten Sie?“ Gedanklich zählte Henry durch, die lange er auf Strom verzichten müsste, wenn er sein Erspartes für die Mistkarre ausgab. Er war alternativlos, ohne Auto würde er seine Stelle verlieren und so gerne er aus der Unterdrückung in seinem zukunftslosen Job ausbräche, in der aktuellen Lage war das alles andere als realistisch.
„Ach“, ächzte die Alte und lockerte mit den Handflächen ihre Frisur auf. „Der Wagen hat schon bessere Tage gesehen, dreitausend sind vermutlich zu viel.“ Sie schniefte, strich den Rock glatt und ließ geknickt verlauten: „Wissen Sie, mein Raoul sorgte sehr gut für uns, richtig schön haben wir gelebt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass er alles ausgibt, nichts spart. Seit er gestorben ist, zählt jeder Penny.“, sichtbar aufgelöst faltete sie ihre Finger vor der Brust. „Ich hoffe bloß das Haus behalten zu können.“
„Das tut … tut mir leid. Ich kenne das“, erwiderte Henry.
Eine Weile schwiegen die beiden, teilten mit einigen mitfühlenden Blicken ihr gemeinsames Leid, bis ihm die Dame schlussendlich auf die linke Schulter klopfte und vorschlug: „Na, jetzt fahren Sie erstmal eine Runde.“

Der Lexus lenkte sich furchtbar, Henry kam sich so vor, als versuche er einen Kampfjet durch ein Nadelöhr zu manövrieren und er hatte gerademal die erste Kreuzung erreicht, da begann der Motor zu stottern. „So eine Scheiße“, fluchte er vor sich hin, unsicher, ob er gleich umkehren oder wenigstens noch ein, zwei Blocks weiterfahren sollte. „Verdammte Scheiße!“ Ein günstigeres Auto als dieses war derzeit nirgends zu finden, zumindest in diesem Bundesstaat. So sehr es ihn ankotzte, diese alte Kiste war seine einzige Option. Vorsichtig rollte er auf eine Abzweigung zu und kämpfte mit der zickigen Kupplung, bis es ihm gelang, einen Gang runterzuschalten. Die Karre sprang nach vorne, hüpfte seltsam auf der Stelle und kam dann mit einem mächtigen Ruck zum Stehen, bei dem sich das Beifahrerfenster löste und aufglitt. „Fuck!“, brüllte Henry und schaute sich nach anderen Autos um. Zum Glück war weit und breit niemand zu sehen, nichts hielt ihn davon ab, mit den Fäusten aufs Steuer zu hämmern, erneut ein frustriertes „FUCK!“ zu schreien, die Stirn aufs Lenkrad zu schlagen und tief durchzuatmen. Da entdeckte er etwas rechteckiges im Fußraum, es war eine schmutzige Aktentasche. „Auch das noch, Müll“, zeterte er, bückte sich umständlich, hob das Gepäckstück auf und hievte es auf seinen Schoß. „Die Papiere?“ Henry nestelte am Schloss, das mit einem satten Klicken aufsprang und den Inhalt des Aktenkoffers preisgab. „Ach du heilige Scheiße!“ Er begriff, dass er soeben Raouls Nachlass gefunden hatte, die Tasche war randvoll gefüllt mit Hundert-Dollar-Scheinen, einige Zehntausend waren es bestimmt. „Ich bin gerettet“, rief er aus und verstand keine Sekunde später den Umfang des moralischen Dilemmas, in das ihn die Aktentasche brachte. „Fuck!“

Autorin: Rahel
Setting: Innenraum
Clues: Kaspertheater, Mozzarellakugeln, Kampfjet, Hundefutter, Unterdrückung
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