Pizzaparty

Boris duckte sich unter einigen bunten Luftschlangen hindurch, wich drei sich hinterherjagenden Buben aus und stolperte über ein ferngesteuertes Auto, ehe er bei der Tür anlangte und sie breit grinsend öffnete. „Hallo, willkommen zum Kindergeburtstag“, flötete er den Nachzüglern entgegen, die versetzt neben den vertrockneten Herbststauden auf der Auffahrt standen. Noch war sein Energiereservoir gefüllt, seine Mutter war so lieb gewesen und hatte sich um die Zwillinge und die Partyvorbereitungen gekümmert, während er sich auf der Laufrunde für den chaotischen Samstagnachmittag sammeln konnte.
„Guten Tag, Herr, ähm …“, stammelte die Frau und drückte dabei ihre Tasche fest an sich. Madame Soutien war vor wenigen Monaten mit ihrer Tochter in die Gegend gezogen, sie bewohnten ein großes Grundstück am Siedlungsrand. Das Haus war zuvor jahrelang leer gestanden und verwahrlost. In kleinen Gemeinden wie dieser kursierten rasch Gerüchte, die Leute zerrissen sich die Mäuler, was die junge Mutter an einen derartig heruntergekommenen Ort getrieben hatte. „Herr, ähm, Schmucken…“ Ihre Stimme glich einem brechenden Zweiglein, war so dürr wie sie selbst.
„Schmuckenthal. Aber bitte nennen Sie mich Boris.“ Es fiel ihm schwer ihre abgemagerte Gestalt zu ignorieren. Ihre Haut spannte sich ledrig über den Schlüsselbeinen, die Augen verschwanden beinahe im Schatten ihrer hervorstehenden Schädelknochen und die fragilen Finger, die sich an den Taschenhenkel krallten, sahen aus, als gehörten sie einer Fledermaus. „Herr Schmuckenthal bin ich nur auf der Arbeit.“
„Gerne, Boris.“ Sie schmunzelte müde, es hätte ihn nicht verwundert, wäre sie in diesem Moment einfach zusammengebrochen. „Ich bin Danielle und das ist Lucienne“, erklärte sie, ihr Kind ein paar Zentimeter vorschiebend.
„Ach, hallo Lucienne.“ Das Mädchen beugte sich vor, streckte brav die Hand aus und lugte an ihm vorbei in den Flur, durch den das heitere Geschrei der Party nach draußen drang. Auch sie war auffallend schlank, ihre Züge fahler, als man es bei einer Sechsjährigen erwarten würde. Vom rosigen Strahlen der Jugend fehlte jede Spur, sie wirkte wie die Hülle eines Kindes. „Du kannst rein zum Spielen, wenn du magst“, meinte er, freute sich über ihr helles Lachen und sie rannte sogleich los. „Möchten sie auf einen Kaffee rei…“
„Nein, vielen Dank“, unterbrach ihn Madame Soutien. „Ich sollte gehen.“ Sie wandte sich ab, fixierte ihre Schnürsenkel und räusperte sich. „Lucienne hat vermutlich Hunger.“ Er schluckte, die Worte trafen ihn hart und er verstand, wie sehr es die Mutter schmerzen musste, sie zu sagen.
„Es gibt Pizza“, erwiderte er hastig, ereiferte sich geradezu: „Kuchen ist auch mehr als genug da und der Kühlschrank ist voll. Wenn Sie ein paar Minuten warten, packe ich Ihnen gerne einige Dinge ein und …“ Er fühlte sich hilflos, übermannt von einer tiefen Traurigkeit, da erkannte er die Scham in ihrem Ausdruck und biss sich auf die Unterlippe. „Frau Soutien, ich … ich helfe wirklich gerne!“
„Bitte, Herr Schmu… Boris. Ein paar Stücke Pizza sind reichlich“, flüsterte sie gequält. „Es ist in Ordnung. Ehrlich.“ Damit trippelte sie die Auffahrt hinab und eilte zur Busstation.

Der Nachmittag verlief dank Opas Geschenk erstaunlich ruhig. Naja, so ruhig ein Raum voller Vorschüler eben sein konnte. Die Zwillinge hatten sich Rennautos gewünscht und gemeinsam mit den Gästen einen Parcours aus Kissen, Stühlen und Kisten gebaut, der nun abwechselnd von allen Kids sorgfältig durchfahren wurde.
„Na, wie wär’s mit einem Happen Pizza und Kuchen?“, fragte Boris in die Runde und schob den Durchgang zur Küche auf. Seine Jeans war nass und sein Bein schmerzte noch immer, weil er vorhin unelegant über einen umgekippten Hocker gefallen und mit der Kniescheibe auf dem Nudelholz gelandet war, das als Teil einer Bande fungierte. „Ihr könnt nachher weiterspielen.“ Der Pizzaduft reichte, um die Meute zu überzeugen, im Nu waren die Autos in ihre Kartons geräumt und die Partygesellschaft versammelte sich um den Esstisch. Boris schaufelte ein Stück nach dem anderen auf die Pappteller, die noch vom Grillfest im letzten Sommer übrig waren, und überreichte sie an seine Zwillinge, die sie freudig an ihre Freunde verteilten. Als Lucienne an die Reihe kam, suchte er ein besonders großes Pizzastück aus und ließ sie wissen: „Es ist genug da. Iss so viel du magst.“
Eine Weile herrschte gefräßiges Schweigen, bis einer der Zwillinge den Nachbarsjungen ermahnte, beim Essen den Mund zu schließen, was Boris absichtlich überhörte und insgeheim mit Stolz erfüllte. Er schielte zu dem dünnen Mädchen, das seine erste Portion bereits verputzt hatte. Ohne Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, langte er in die Schachtel und beförderte großzügigen Nachschlag auf ihren Teller. Sie schaute ihn mit einer undeutbaren Mine an, verdrückte zuerst die Kruste, danach den Rest mit einem einzigen Bissen. Die Geschwindigkeit, mit der sie kaute, war faszinierend, noch nie hatte er jemanden Nahrung derart verschlingen gesehen. Er rieb sich übers Gesicht, kämpfte mit sich, nicht in Tränen auszubrechen. Er wollte unbedingt einen Weg finden, Madame Soutien zu helfen, sie und ihre Tochter sollten keinen einzigen Tag mehr fasten. Boris überlegte fieberhaft, wie er Danielle Geld oder Lebensmittel zukommen lassen konnte, ohne dass sie Almosen annehmen musste, indes nahm Lucienne ein drittes, viertes und fünftes Stück entgegen. Sie lächelte ihn glücklich an, ihre Hamsterbacken verfärbten sich pink, dann holte er eine neue Pizzaschachtel von der Anrichte und stellte sie vor ihr auf den Tisch.
Mittlerweile war auch den anderen Kindern aufgefallen, was vor sich ging. Nach ersten belustigten Kommentaren verstummten die Partygäste und beobachteten staunend, wie das Mädchen Mengen von heißem Käse, Peperoni, Sauce und trockenem Rand auffraß, die unmöglich in ihren winzigen Körper passen konnten. „Pa… Papa?“, stotterten die Zwillinge unisono, ihren Blick weiterhin auf Lucienne gerichtet, die völlig regungslos vor einem Stapel leerer Schachteln saß. „Papa, wir haben noch Nachtisch.“ Gerade als einer der Jungs aufstand, um dem hungrigen Mädchen Schokoladenkuchen zu bringen, ertönte ein markerschütternder Schrei. Lucienne hatte ihren Kopf in den Nacken geworfen und die Anwesenden wurden Zeugen davon, wie innert Sekundenbruchteilen alle Farbe aus ihr wich, bis sie beinahe durchsichtig erschien. „Papa? Papa!“ Boris hörte seine Söhne kaum, dermaßen ohrenbetäubend war das unmenschliche Geräusch, das aus Lucienne drang. Es klang wie das Zuzurren eines Kabelbinders, bloß viel, viel lauter. Ein schuppiger Kokon wuchs um sie herum, sie wurde regelrecht verschluckt.
„Lucienne? Lucienne, geht es dir gut?“, fragte er das Wesen, das lediglich vage an das Mädchen erinnerte, das es vor wenigen Atemzügen noch gewesen war. „Lucienne?“ Etwas knackste, als hätte jemand ein Ei aufgeschlagen, und er wurde von der Heimsuchung geblendet, das aus der Kinderhülle stieg. Das heuschreckenartige Vieh entfaltete seine Flügel, öffnete sein Mundwerkzeug und fiel über ihn her, bevor er auch nur die Chance hatte, sich aus seiner Schockstarre zu lösen.

Autorin: Rahel
Setting: Kindergeburtstag
Clues: Schnürsenkel, Kabelbinder, Herbststauden, Nudelholz, Heimsuchung
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