Hoffnung. Eines Tages

Vier Uhr dreißig. Es ist kalt in der Halle E4 und Emma friert erbärmlich, trotz dem dicken Faserpelzpullover. Es stört sie nicht, genauso wie es sie stört. Seit Jahren fühlt sie sich hoffnungslos. Es ist nicht die Art von Hoffnungslosigkeit, die schmerzvoll schreit, auch nicht die leise, welche stumm und alleine leidet. Emmas Hoffnungslosigkeit ist zu einem unbegehbaren, intrinsischen Teil ihrer selbst gewachsen, sie ist weder versteckt, noch komplett sichtbar. Anders als die ausgestorbene Halle E4 ist Emmas Depression nicht kalt auch nicht warm, sie ist neutral, normal. Sie ist einfach da, eine Präsenz, die langsam, stetig jede Faser ihres Geistes ersetzt.
„So früh schon hier?“, sagt der Mann vom Tupperware-Stand. Seine Statur ist gering, das Haar schütter, aber das Grinsen umso breiter. Emma nickt und grinst tonlos, emotionslos […] Weiterlesen

S04E07 | Von Tiefflügen und Klammerbemerkungen

Wir möchten euch herzlich zur siebten Episode der vierten Staffel des Kurzgeschichten-Podcasts Clue Cast begrüssen. Sie basiert auf der Story „Von Tiefflügen und Klammerbemerkungen“ von Sarah. Es gibt sie, diese Tage, an denen man sich (verdammt nochmal) einfach nur über seine Liebsten nervt. In dieser Geschichte wurden die vorgegebenen Clues „Papierkorb, Kotzgeräusch, Handcreme, Radiator“ und „Verzweiflung“ vertextet und sie spielt am Setting „Verkehrsmuseum“. Die Sprecherin dieser Episode ist Johanna Ehrlich.

Que Sera, Sera

Julio war überzeugt gewesen, heute Abend aus dem Terminal des JFK International Airport zu marschieren, in ein Taxi zu steigen und dem Fahrer die Adresse an der Upper East Side zu diktieren. Er hatte sich schon auf den Nachhauseweg nach einer langen Geschäftsreise gefreut und würde Cathy wiedersehen. Seine Frau machte sich bestimmt schon längst Sorgen, immerhin hätte er vor – er warf einen Blick auf die Uhr – ziemlich genau fünf Stunden ankommen sollen.
Ein Stein piekte ihn unangenehm in den Rücken und er versuchte, etwas zu rutschen, was ihm schwer fiel. Der Boden war hart und unangenehm, doch das war keinesfalls Julios größtes Problem. Was ihn wirklich quälte, war die Frage, ob er je wieder nach Hause käme. Er zitterte vor Kälte und das eisige Mondlicht der großen, teils von Wolken […] Weiterlesen

Die letzten Eidgenossen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Geheimer Armeebunker, Mürren (BE), Schweiz, 1. August 2082

„Könntest du mir hier drüben mal behilflich sein?“, keuchte Martin gereizt und lehnte sich mit hochrotem Kopf gegen die schwere Maschine, die entfernt an eine gigantische Zentrifuge erinnerte. „Ich kann das Ding ja kaum alleine heben, wie soll ich es da installieren?“
Basil, der ein paar von der Decke herunterhängende Kabelbündel untersucht hatte, wandte sich um. „Okay, okay“, murrte er demotiviert. „Ich bin gleich da, dauert nur einen […] Weiterlesen

Von Tiefflügen und Klammerbemerkungen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Ja, da stehe ich nun. Vor dem Spiegel in der öffentlichen Toilette lausche ich dem Kotzgeräusch meiner Teenager-Tochter, in die ich Jahre mühsamer Arbeit investiert habe und zu der mir nur noch ein einziges Wort einfällt: Versagerin. Nein, das darf ich nicht sagen, gar nicht erst denken, geht es mir wie jedes Mal durch den Kopf, denn am Ende muss man seine Kinder bedingungslos lieben, zumindest behaupten das immer alle. Doch auch wenn ihr Versagen zum Teil auch mein Fehler sein mag (auch das sagen alle, aber ich konnte trotz großer Mühe bisher noch keinen Beweis dafür finden), irgendwann ist das Maß voll. Wütend reibe ich mir Handcreme auf meine […] Weiterlesen