Die Übergabe

Jack huschte in die von Abfällen übersäte Hofeinfahrt und starrte im sommerlichen Nieselregen kurz nach oben. Er konnte nach einigem Suchen die defekte Straßenlaterne ausmachen, die den Lichtmangel zwischen den Backsteinbauten verursachte. Fahrig wischte er sich das feuchte Haar aus dem Gesicht und kramte eine Zigarette aus der Tasche. Wieso bloß mussten sie sich nachts in einer verlassenen Gasse treffen? Sicher, was sie vorhatten war gefährlich und absolut illegal, aber man hätte ja wenigstens einen trockenen Ort wählen können. Er ächzte und steckte sich eine Fluppe an, in der Hoffnung, sie würde trotz dem Regen brennen. „Passt schon“, murmelte er, sich Mut zuredend.
Erst nach einigen Minuten hörte er jemanden und Jack sah auf. Der Fremde, vermutlich sein Kontakt, kam von der Straße auf ihn zu, zumindest trug er keinen Trenchcoat, dachte sich Jack sarkastisch und warf die Kippe in einen Gully. „Sind Sie mein Kontakt?“, wollte er wissen und versuchte, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen.
„Ja, sind Sie Jack?“, erkundigte sich der andere in gebrochenem Englisch mit russischem Einschlag und kratze sich am Dreitagebart, von dem einige Regentropfen abperlten.
„Ja“, erwiderte Jack ohne zu zögern. „Wo ist das Geld?“ Im nächsten Moment erblickte er den Aktenkoffer und bereute es, mit seiner vorschnellen Frage wie ein Amateur zu wirken.
„Wo ist das Virus?“
Jack seufzte. „So kommen wir nicht weiter. Gleichzeitig?“
„Da. Gleichzeitig“, bestätigte sein Gegenüber, klappte den Koffer auf und präsentierte Jack die Tausendernoten darin. Er nickte zufrieden und nahm die Ampulle aus der Tasche. Schier unerträglich langsam tauschten sie ihre Ware aus, dem noch naiven Jack wurde von der Anspannung beinahe übel. Sobald es vorbei war, er seine Bezahlung in Händen hielt, verabschiedete er sich von der ominösen Kontaktperson, da ertönte ein Ruf: „Polizei!“ Die Scheinwerfer eines Streifenwagens blendeten sie und Jack glaubte, gleich ohnmächtig zu werden. Es war ein Desaster! Obwohl er nichts lieber getan hätte, als wegzurennen, blieben er sowie der russische Agent stehen und warteten darauf, dass die beiden uniformierten, ein Mann und eine Frau, herantraten. Der Polizist sprach als erster: „Was haben wir denn hier? Ausweise bitte, die Herren.“
„Sicher“, sagte Jack eingeschüchtert und wühlte in seiner Jeanstasche, während die Polizistin die Ampulle mit dem Virus entdeckte und zu erfahren verlangte: „Was ist das?“
„Apfelsaft“, meinte der russische Agent, nun mit perfektem amerikanischem Akzent, schraubte den Verschluss der Ampulle ab und bot sie der Polizistin an. „Wollen Sie?“
Jack hatte derweil einen Wisch hervorgefischt und hielt ihn dem Cop hin. „Sorry, ich habe nur meinen Uni-Ausweis dabei, ich hoffe, das ist okay.“
Der Uniformierte nahm ihn entgegen und begutachtete den Ausweis. „Jack Marten, 25. Masterstudiengang. Major in Physik, Minor in Geografie? Nicht gerade der typische Dealer.“
„Ich bin Jeff Cohns, Major in Pädagogik, Minor in Sexualkunde“, ergänzte der Kamerad, noch immer die Ampulle haltend. Skeptisch musterte die Polizistin sie und deutete dann auf den Koffer. „Und was ist damit?“
Jeff öffnete ihn und brachte einen Stapel Altpapier, auf dem Monopoly-Banknoten lagen, zum Vorschein. „Einfach ein Koffer, nichts illegales hier.“
Jack wäre am liebsten im Boden versunken, ihm war die ganze Sache unglaublich peinlich, Jeff hingegen schien Spaß zu haben. Der Cop kratzte sich an der Nase. „Das ist mir zu hoch.“
„Wir larpen. Ihr wisst schon, Live Action Roleplay?“, erklärte Jeff. „Diesen Monat haben wir uns für Geheimagenten entschieden.“
„Vermutlich eine dumme Wahl“, fügte Jack beschämt an. „Wenn man mit Lichtschwertern durch den Wald rennt, ist es offensichtlicher.“
„Ihr könnt gerne den Apfelsaft trinken, als kleine Stärkung für die Schicht“, bot Jeff an. „Ist garantiert kein Killer-Virus.“
Ratlos standen die beiden Beamten da, beäugten die vermeintlichen Landesverräter, bis die Polizistin sich bedankte und die Ampulle mit dem Totenschädel-Sticker auf ex stürzte. „Lecker, muss eine gute Marke sein, danke“, stellte sie fest und reichte Jeff den Behälter. „Gut, dann machen wir uns mal auf die Suche nach richtigen Dealern.“
Damit drehten sich die Cops um und schlenderten zurück zu ihrem Streifenwagen. Erst, als das Auto aus der Einfahrt fuhr und in den Verkehr einfädelte, zischte Jack: „Das war eine saudumme Idee, ab jetzt ausschließlich SciFi und Fantasy Roleplay!“
Jeff konnte nicht mehr an sich halten und brach in Gelächter aus. „Was? Das war total witzig, du musst doch zugeben, es war spannend.“
„Ja, aber stell dir das Chaos vor, wenn wir Cathy, Jon und Steve noch als CIA-Agenten in einem Hinterhalt gehabt hätten. Da hätte glatt jemand getasert werden können, sei froh, hatten die keine Zeit.“
Ehe Jeff antworten konnte, trabte eine Gestalt im Trenchcoat in die Gasse und gesellte sich zu den beiden. Er trug den Hut tief im Gesicht, sodass man seine Miene kaum erkannte. „Hey, was macht ihr auf meinem Territorium? Verschwindet! Hier verkaufe nur ich, klar?“

Autorin: Sarah
Setting: Hofeinfahrt
Clues: Sexualkunde, Geografie, Englisch, Pädagogik, Physik
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